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die bildende Kunst, tritt sie vor die Dichtkunst. Dieselbe Verwandtschaft hatte Fr. Schlegel angedeutet: die Baukunst sei eine gefrorne Musik, mit Bezug worauf Köstlin (1. c.) die Musik eine aufgetaute Baukunst nennt. Weiter heisst es (p. 839): „Die Musik steht als Vorhalle vor der Dichtkunst, wie die Baukunst vor den beiden anderen bildenden Künsten,“ und dann lesen wir (T. III, Abschn. 2, Heft 5) p. 1172: „Im allgemeinen hat das Wort des Simonides, die Dichtkunst sei eine redende Malerei, seine Wahrheit,“ was im weiteren durchgeführt wird. Das Verhältnis der Künste zu einander wird dann so gefasst (p. 1168): „Es verhalte sich die Poesie zu allen bildenden Künsten und zu der Musik, wie die Malerei zur Plastik.“ Darin ist viel Unbestimmtheit, und wenn man einerseits sieht, es soll bestimmt die Baukunst als der Tonkunst, die Malerei als der Poesie entsprechend hingestellt sein, gerät man andrerseits in Verwirrung, weil eben der Plastik das entsprechende Gegenbild in der zweiten Reihe der Künste fehlt, so dass sie darum einmal der Malerei beigesellt werden muss, ein andermal von ihr gesondert erscheint. — Festzuhalten ist, dass die Malerei in ihrer Reihe der Künste der Poesie entspricht; sie zeigt eine ähnliche Art der Vergeistigung ihres räumlichen Materials, wie denn Vischer (Bd. III, Abt. 1. p. 539) von ihr sagt, dass sie in dem Sinne, in welchem bei der Skulptur von Nachbildung die Rede ist, eigentlich kein Material hat.“ – Was Simonides sah (Plutarch, de glor. Ath. cp. 3): „tny uży śwypagiav noinoiv GloőOAV trv δε ποίησιν ζωγραφίαν λαλούσαν οι μεν χρώμασι και σχήμασιν, οι δ' ονόμασι και λέξεσι ταύτα δηλούσιν ύλη και τρόπους uwuncens diabégovot, télos d'đugotégois ÈV ÚNÓXeltai“, und Horaz (ep. ad Pis. 361 sq.): „ut pictura poesis“, wird durch pedantisches Missverstehen und Missbrauchen, gegen welches Lessings Laokoon sich richtete, in seiner wesentlichen Richtigkeit nicht gestört. F. Thiersch (Allgemeine Aesthetik. Berlin 1846) hat eine ähnliche Gliederung der Künste, wie die unsrige, setzt jedoch statt der Sprachkunst die Mimik. Er sagt (p. 98 sq.): „Die drei mit dem Organismus des Menschen verkehrenden Künste, welche das Schöne insofern darstellen, als es sich durch den Organismus des Menschen offenbart – Tonkunst, Poesie, Mimik – sind dadurchi angewiesen, es als ein nie Ruhendes, sondern immer Webendes und Waltendes, als die Erscheinung des Lebens selbst zu entfalten. Ihr Erscheinen ist darum in der Zeit begriffen.“ – „Die drei andern, mit irdischen, vom menschlichen Organismus unabhängigen

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Gerber, die Sprache als Kunst. 2. Aufl.

Stoffen verkehrenden Künste – Architektur, Plastik, Malerei – stellen das Schöne dar, nicht wie es sich in der Zeit entfaltet, sondern insofern es zu seiner Entfaltung gekommen ist, darum in einem Augenblicke, und sind genötigt, alle Teile desselben bei und nebeneinander zu zeigen, den Gegenstand nicht als einen werdenden, sondern als einen gewordenen aufzufassen, wo das zu Behandelnde, zu Bildende sich in seiner grössten Bedeutsamkeit und reinsten Eigentümlichkeit offenbart – doch werden beide Triaden der Kunst dadurch nicht getrennt; auf dem Gebiete der Kunst ist in den mannigfaltigsten Gestaltungen Einheit des Wesenhaften im Innern; und die eine Reihe zeigt nur in ihrer durch den Stoff gebotenen Gebundenheit, was die andere in ihrer durch den Stoff bedingten Flüssigkeit oder Aufeinanderfolge als ein Nacheinander jenem Beieinander gegenüberstellt.“ – Was nun jene Aufstellung der Mimik statt der Sprachkunst als einer selbständigen Kunst im System der Künste betrifft, so ist sie nicht weit vom Richtigen entfernt, denn auch bei ihr handelt es sich um eine Sprache, - d. h. um eine bestimmtere Gestaltung des musikalischen Tons – freilich aber um die unvollkommnere und dem Sinn des Auges zufallende, der Gebärde. Hierüber haben wir p. 28 sq. schon gesprochen. Ähnlich ist der Theorie von Thiersch jene, welche Westphal (Metrik der griech. Dramat. und Lyriker cet. von Rossbach und R. Westphal. Teil II. Abteilung 1) aus der Scholiensammlung zu der Grammatik des Dionysios Thrax mitteilt, die nach dem Urteil des Herausgebers, der sie sich damit gewissermassen aneignet, den meisten neueren Versuchen, die Künste zu klassifizieren, unbedingt vorzuziehen ist.“ – Lucius Tarrhaeus unterscheidet nämlich eine doppelte Trias der schönen Künste: 1) die der apotelestischen Künste: Architektur, Plastik, Malerei; 2) die der praktischen oder musischen Künste: Musik, Orchestik, Poesie. Eine Knnst ist ein enotekeotinóv, wenn sie der Künstler durch sein Schaffen dem Zuschauer ein für alle Male zur Anschauung bringt; noaxtıxóv, wenn hierzu jedesmal die Vermittelung eines anderen, also eines Sängers, Schauspielers, Rhapsoden cet. nötig ist. — Es sind beide Triaden so getrennt als Künste der Ruhe und der Bewegung. Die erstere verlangt nämlich darum nur einmalige Schöpfung des Künstlers, weil die räumliche Existenz eben in Ruhe bleibt, die zweite aber bedarf einer nochmaligen Thätigkeit des darstellenden Künstlers, weil ihr Stoff (Ekmageion) vorübergehend ist, der Bewegung angehört. Für die Künste der Ruhe heisst die künstlerische Gliederung dann Symmetrie, für die musischen Künste Rhythmus. (Takt, Metrum.) — *)

Der Mangel bei dieser Einteilung – wie sie Westphal aufstellt – ist, dass die Künste der Bewegung zwei verschiedene Arten der Bewegung unter derselben Rubrik enthalten. Musik und Poesie bewegen nichts Räumliches mehr, ihre Bewegung bedarf, um sich wirklich darzustellen, eines mehr gefügigen, feineren Stoffes, als der Körper des Menschen ist, und darum brauchen sie auch ein idealeres Organ zur Auffassung ihrer Kunstwerke, als das Gesicht; ihnen dient das Gehör. Es ist leicht zu fühlen, dass zwischen den Wirkungen der Musik und der Poesie die des Tanzes nicht in der Mitte steht, dass im Gegenteil der Tanz (eine Mischkunst, wie aus dem obigen sich ergiebt, von Plastik und Musik) hinter dem geistigen Gehalt, der Tiefe und Macht des musikalischen Ausdrucks zurücksteht. — Dennoch sind diejenigen, welche Mimik und Orchestik in dem System der Künste zwischen Musik und Poesie anbringen wollen, darin im Recht, dass sie eine bei den anderen Klassifikationen an dieser Stelle hervortretende Lücke ausfüllen, und dass sie die bei allen Künsten der Bewegung eintretende Notwendigkeit der jedesmaligen Erneuerung des Kunstwerks hervorheben. – Man kann sogar der Ansicht sein, dass die von uns gegebene Einteilung nur dasjenige giebt, was jene Theoretiker zu setzen beabsichtigten. Es wird nämlich von der auf die Tonkunst folgenden Kunst ein mehr bestimmter Ausdruck der Empfindung verlangt, als ihn die Musik rein für sich zu erreichen vermag. Die Musik selbst greift ja als Vokalmusik zum artikulierten Tone, um sich bestimmter auslassen zu können, oder sie spannt sich in den Rahmen einer durch das Wort umschriebenen bestimmten Situation – (mehr giebt ein Operntext nicht), um deutlicher und treffender zu sein. Nun giebt allerdings auch die Gebärde, indem sie gleichsam den Körper artikuliert, jenem Verlangen nach, und sofern also auch Mimik

*) G. Teich müller, „Aristoteles' Philosophie der Kunst“ (Halle 1869) weist freilich nach, dass Westphal hierbei einigermassen willkürlich mit der Uberlieferung umgeht, da von den Alten die sogenannten schönen Künste von den anderen nicht getrennt werden, auch die Einteilung der schönen in bildende und musische nicht antik ist, endlich die Unterscheidung der apotelestischen von den praktischen nur dahin zu fassen ist, dass jene ein materielles Werk fertig. hinstellen (z. B. die Schusterkunst und Baukunst), diese nichts Bleibendes hinterlassen (z. B. die Tanzkunst). (Die Ausführung bei Teichmüller 1. c. p. 366 sq.)

und Orchestik eine Sprache sind – ihr Ausdruck muss „sprechend“ sein – beruht ihre Einordnung zwischen Musik und Poesie auf einem richtigen Gefühl. Aber die wahre Sprache ist eben nicht diese stumme des Körpers. — Es hindert im übrigen nichts, dass die Künste, wie wir sie in der Theorie trennten, in der Praxis doch vielfach Verbindungen eingehn. Werke der Plastik und Malerei werden zu Zierden in den Hallen der Architektur; die Werke der Sprachkunst dienen vielfältig der Poesie als Mittel der Darstellung; Entwürfe der Poesie (in der Oper), lyrische Gedichte werden Anlehnung für musikalische Kompositionen; endlich können alle Künste zu einer Gesamtwirkung, Zuschauer und Hörer in eine erhöhte Lebensstimmung zu versetzen, sich vereinigen. –

Man wird ferner, auch abgesehen von mancher Kunstgattung, wie z. B. der Kunst der Schauspieler, der Holzschneidekunst, welche man abgeleitete Künste nennen könnte, da sie das Bestehen anderer Künste voraussetzen, nicht einmal behaupten können, dass die Zahl der möglichen Künste bestimmt angegeben werden könne. Der Name einer Kunst wird aus dem Material zu entnehmen sein, in welchem sie sich darstellt, nnd dieses Material ist unbegrenzter Vermehrung fähig; unsere Einteilung beansprucht daher auch nur dies, die Hauptabteilungen gegeben zu haben, und lässt die Ansicht von Thiersch (Allgemeine Aesthetik p. 4) in ihrem Rechte: „Es giebt soviel Künste, als Gegenstände, an denen ein höheres Können sich zeigen kann.“ – Freilich würden wir Bedenken tragen, etwa mit Lommatzsch (Wissenschaft des Ideals. Berl. 1835) anzunehmen, dass die Feuerwerkerkunst“, „Schattenspiel“, „Fechtkunst“, „Seiltanz“, „Reittanz“, „Redekunst“, jemals zu den Künsten zu rechnen sein würden. –

Lotze (Geschichte der Aesthetik in Deutschland. München 1868) sagt gut (p. 445): „So wie kleine Gemeinden und grosse Staaten von demselben Prinzip der Sittlichkeit und des Rechts durchdrungen sein sollen, gleichwohl aber jene wegen der Beschränktheit ihrer Aufgaben und ihrer Mittel niemals diesen zugerechnet werden können, so werden Gymnastik und Tanz, schöne Gartenkunst und Feuerwerkerei, Toilettenkunst und Mimik zwar immer Territorien nach amerikanischem Ausdruck sein, in welchen ästhetische Gesetze gelten, aber niemals werden sie Anspruch darauf erwerben, unter die Reihe der stimmfähigen Staaten aufgenommen zu werden.“ – Lotze spricht weiterhin (p. 458) von den systematischen Einteilungen der Künste, wie sie Solger, Hegel, Vischer u. a. versucht haben, mit geringem Interesse. Er findet es „schwierig zu sagen, was denn eigentlich diese Versuche nützen, und wem?“ Er sagt (p. 459): es seien „im Leben und in der Wirklichkeit die Künste zwar zu mannigfaltigem Zusammenwirken bestimmt, aber nirgends dazu, sich in einer systematischen Reihenfolge zu gruppieren; in der Welt des Denkens aber und der Begriffe haben alle Gegenstände nicht nur eine systematische Ordnung, die unabänderlich feststände, sondern der Zusammenhang der Dinge ist so allseitig organisiert, dass man in jeder Richtung, in welcher man ihn durchkreuzt, eine besondere immer bedeutungsvolle Projektion seines Gefüges entdeckt. Keine der erwähnten Klassifikationen hat nur Unrecht; jede hebt eine dieser gültigen Beziehungen, einen gewissen Durchschnitt der Sache nach einer der Spaltungsrichtungen hervor, die ihr natürlich sind; aber wunderlich ist der Eifer, mit dem jeder neue Versuch sich als den endgültigen und einzig wahren ansieht und die vorangegangenen als nüchterne und überwundene Standpunkte betrachtet.“ –

Gewiss hat man sich zu hüten, dass man bei Versuchen zu systematischer Einteilung nicht in „wunderlichen Eifer“ falle, aber kaum war wohl Lotzes Erinnerung nötig, dass die systematische Ordnung als solche nicht in Wirklichkeit auch bestehe; er müsste dann etwa auch warnen, dass man nicht nutzlos die Linien der Längen- und Breitengrade auf dem Erdboden sich aufsuche. Keineswegs sind die systematischen Einteilungen alle gleich gut, gleich umfassend, gleich zweckmässig, und sie haben, wenn keinen anderen, sicherlich didaktischen Wert. –

Wir selbst, indem wir die Sprachkunst einem System der Künste einreihen, wissen uns zuversichtlicher, wenn unsere Klassifikation mit denen grosser Denker nicht im Widerspruch steht, vielmehr diese ergänzt und stützt. Damit besteht es wohl, dass wir uns die Worte Köstlins („Aesthetik“, Vorwort p. VI) aneignen: die moderne Aesthetik bildet noch immer den Glanzpunkt der philosophischen Litteratur der Gegenwart und verdient es, ihn zu bilden; aber es fragt sich, wie lange sie es noch bleiben werde, wenn sie sich nicht entschliesst, überall nur aus dem lebendigen Quell der Wirklichkeit selber zu schöpfen, statt an fertige Schemen irgendwelcher Theorie sich zu binden, und die Sprache der Menschen statt der der Systeme zu reden.“ –

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