Obrazy na stronie
PDF
ePub

Leben, z. B. bei Engländern und Franzosen, sie begleitet. Man kann darum mit Renan sagen (Historire génerale des langues sémitiques. Préface): „Les langues étant le produit immédiat de la conscience humaine se modifient sans cesse avec elle, et la vraie théorie des langues n'est, en un sens, que leur histoire.“ – Wie nun in diesem Hergange wirklich ein Zerfallen von Kunstformen durch deren praktische Verwendung zu sehen ist, entnehme man aus den Worten W. v. Humboldts (Von der Verschiedenh. cet. p. 291): „Die Beziehung des Volksgeistes auf die Sprache muss durchaus eine andere sein, so lange sich diese noch in der Gärung ihrer ersten Formation befindet, und wenn die schon geformte nur zum Gebrauche des Lebens dient. So lange in jener früheren Periode die Elemente, auch ihrem Ursprunge nach, noch klar vor der Seele stehen, und diese mit ihrer Zusammenfügung beschäftigt ist, hat sie Gefallen an dieser Bildung des Werkzeugs ihrer Thätigkeit, und lässt nichts fallen, was durch irgend eine auszudrückende Nüance des Gefühls festgehalten wird. In der Folge waltet mehr der Zweck des Verständnisses vor, die Bedeutung der Elemente wird dunkler, und die eingeübte Gewohnheit des Gebrauchs macht sorglos über die Einzelheiten des Baues und die genaue Bewahrung der Laute. An die Stelle der Freude der Phantasie an sinnreicher Vereinigung der Kennzeichen mit volltönendem Silbenfall tritt Bequemlichkeit des Verstandes und löst die Formen in Hülfsverba und Präpositionen auf. Er erhebt dadurch zugleich den Zweck leichterer Deutlichkeit über die übrigen Vorzüge der Sprache, da allerdings diese analytische Methode die Anstrengung des Verständnisses vermindert, ja in einzelnen Fällen die Bestimmtheit da vermehrt, wo die synthetische dieselbe schwieriger erreicht. Bei dem Gebrauch dieser grammatischen Hülfswörter aber werden die Flexionen entbehrlicher, und verlieren allmählich ihr Gewicht in der Achtsamkeit des Sprachsinnes.“

Humboldt spricht von der „Bequemlichkeit des Verstandes“, welcher die Sprachformen auflöse; man darf andererseits nicht übersehen, dass das „Gefallen“ an den Bildungen der Sprache allerdings im Verlaufe der Zeit zurücktritt, dass es aber niemals verschwindet, vielmehr sich ohne Aufhören bewusst und unbewusst geltend macht. Noch lange, nachdem in Griechenland die hohe Kunst des Pheidias, die Anmut des Praxiteles ihre Vertreter verloren hatte, zeigte sich eine bedeutende Kunstfertigkeit als technische Gewandtheit, und so treten in der Sprache, wenn die Blüte des Schaffens vorbei ist, Kunstbildungen auf, welche sich vom Sinn entfernen, dem Stofflichen aber in glücklicher Weise dienen und so den Wohllaut zum Übergewicht bringen gegen die Charakteristik. Bopp (Vokalismus p. 18) bemerkt: „Je weiter die Sprachen von ihrem Ursprunge sich entfernen, desto mehr gewinnt die Liebe zum Wohllaut an Einfluss, weil sie nicht mehr in dem klaren Gefühl der Bedeutung der Sprachelemente einen Damm findet, der ihrem Anstreben sich entgegenstellt.“ Bopp führt dies Streben auf eine sehr frühe Zeit zurück, indem er sagt, dass dasselbe sonst zwar nur in Bezug auf die Flexionen auftrete, sich aber wenigstens im Germanischen schon auf die Wurzeln ausdehne. — Freilich desorganisieren diese Wohllautsbestrebungen, diese euphonischen Zusätze und Weglassungen, diese Lautwandelungen unorganischer Art die Sprache nicht minder als jene „Bequemlichkeit des Verstandes“.

Schleicher (Dtsch. Spr. p. 49) bemerkt: „Die Erklärung der Thatsachen der Lautgeschichte kann nur von der Physiologie der Sprachorgane erwartet werden.“ Und so bezeichnet der Anatom Claudius die mechanischen Vorgänge bei dieser Wandelung der Sprachformen („Das Leben der Sprache“. Aus den Schriften der Gesellsch. zur Beförderung der gesamten Naturwissenschaften zu Marburg. Bd. IX) als „Erleichterungen der Rede“. Er sagt: „Die Fortbildung der Sprache geschieht, indem die Arbeit des Sprechens erleichtert wird, durch Erweichung und Weglassung einzelner Laute; es werden auch einzelne Laute eingeschoben, um einen, ohne dieses entstehenden, schwer auszusprechenden Laut zu umgehen. Es ist ein Vorrücken von den hinteren Mundteilen nach vorn gegen die Lippen und die Spitze der Zunge an den Sprachen bemerkbar.“ – Wir fügen hinzu, dass bei der Ausbildung des Sprechens, wie sie der Einzelne sich zur Aufgabe zu setzen hat, eben solches Vorrücken zu erstreben ist.

Eine Sonderung der Einwirkungen auf die Laute der Sprache, welche der Bequemlichkeit des Sprechens entspringen, von denen, welche von dem Streben nach Wohllaut herrühren, ist schwer. Wocher (Neuere Phonologie p. 2) entscheidet sich leicht: „Im umfassenden Sinne ist Euphonie ebensowohl Bequemlaut für das Sprachorgan, als Wohllaut für das Ohr“, wonach denn die wohllautende Rede des Gebildeten auch als die vorzugsweise bequeme erscheinen würde. Wocher (namentlich in seiner „Allgemeinen Phonologie“, dann in der „Neueren Phonologie für das Englische, Italienische, Französische“ und in der „Entwickelung der deutschen Sprache“) hat ein durchgehendes, Wortbildung und Flexion durchaus beherrschendes Prinzip aufgestellt, nach welchem ebenso der Wohllaut für das Ohr wie der Bequemlaut für das Sprachorgan – innerhalb einer jeden Sprache individuell sich gestaltend – bei der Wahl der Laute schliesslich entscheide. Hierbei verfahre die Sprache namentlich nach dem Gesetze der Vokalneigung, sofern nämlich die Aussprache der verschiedenen Konsonanten zu verschiedenen Vokalen hinneige und so deren Wahl bestimme; ferner zeige sich Kürze und Dehnung für die Aussprache (d. h. wieder für die Wahl der Vokale) von wesentlichem Einfluss, endlich wirken nach dem Gesetz der Symphonie auch sämtliche Laute eines Wortes aufeinander und ganze Wörter auf andere Wörter im Kontext des Satzes.

Abgesehen von allem anderen aber ist Bequemlaut nicht an sich selbst auch schon Wohllaut; Bequemlichkeit wirkt destruierend auf den Laut, Wohllaut verlangt eher Hebung der Laute. Dass die Neigung zum bequemeren Sprechen doch höchstens zufällig auch Wohllaut bewirkt, kann man täglich bei der bequem und lässig geführten Rede wahrnehmen, zumeist bewirkt sie das Gegenteil des Wohllauts: ein Trüben und Verwischen der Vokale, bei uns namentlich eine Tötung der Diphthonge, dazu Verschlucken von Endsilben, Weglassen des p vor f, des r am Ende u. d. m. Man wird im Gegenteil Mühe verwandt haben müssen, um das Wohllautende zu erzeugen; das Sprachschaffen ist Arbeit und Anstrengung, es überwindet die Schwierigkeit, so dass das Lautbild bequem erscheint, aber es vermeidet sie nicht, wie der Bequemlaut, welcher aus Mangel an künstlerischem Interesse der Trägheit der Organe nachgiebt. Wenn die Engländer in ihrer Maulfaulheit allmählich viel Silben fallen liessen und nur die Verständlichkeit im Auge behielten, so charakterisiert sie das, aber nicht das Wesen der Sprache, und Wohllaut wird vorzugsweise bei ihnen nicht gesucht werden.

Wenn nun Bequemlaut und Wohllaut für die Betrachtung auseinanderzuhalten sind, jedenfalls aber jener nicht gleichbedeutend zu nehmen ist mit Nachlässigkeit, Schlaffheit, Undeutlichkeit der Aussprache, so werden freilich die Wirkungen, als welche sie erscheinen, oft ineinander fallen, wie z. B. die grössere Mannigfaltigkeit der Vokale in der späteren Zeit, welche an Stelle der Urvokale a, i, u eintrat, ebensowohl die starken Gegensätze jener bequem vermittelte, als den Reichtum der Sprachmusik mehrte. Auch Bequemlichkeit d. h. Leichtigkeit in der Aussprache empfindet das Ohr als ein Angenehmes, Gefälliges, und Becker (Organism der Sprache p. 4) giebt gewiss das Richtige an: „Durch das Gerber, die Sprache als Kunst. 2. Aufl.

20

organische Verhältnis, in welchem Hörorgane und Sprachorgane. als zeugende und empfangende einander entsprechen, ist zugleich diejenige Beziehung gegeben, vermöge welcher nur solche Laute einen angenehmen Eindruck auf das Gehör machen, welche von den Sprechorganen mit Leichtigkeit hervorgebracht werden; und so ist der Sprache in dem Gehör zugleich eine Norm für den Wohllaut und den Wohlklang der Lautverhältnisse gegeben. Der Taubstumme lernt künstlich Wörter hervorbringen; aber es fehlt ihnen an Wohllaut und Wohlklang; und dies unterscheidet sie auf eine höchst widrige Weise von der auf dem natürlichen Wege entwickelten Sprache.“

Weder aber dem Bequemlaut noch dem Wohllaut ist ein so weit reichender Einfluss auf die Sprachbildung zuzuschreiben, wie Wocher annimmt. Sicherlich hat sich der Sprachlaut nach den verschieden bedingten Sprech- und Hörorganen der Menschen gestalten müssen, aber so war es schon von Anfang an, und bei seiner Fortbildung machten sich noch ganz andere Bedürfnisse notwendig und unabweislich geltend, als bequeme Aussprache.

Auch der Euphonie wegen sprach man die Sprache nicht, sondern der Laut musste modifiziert werden, weil der Sinn sich modifizierte. Wie wenig mit Wochers Gesetzen auszurichten ist, zeigt sich, wenn wir durch sie irgend eine wesentliche Spracherscheinung zu erklären versuchen. So heisst es z. B. bei ihm („Deutsche Phonologie“ p. 79) „über die Flexion des Adjektivs im Satzgefüg“: „In behaglicher Breite fügte es wohl, wenn die sogenannte starke Deklination des Adjektivs stattfand, wo jetzt die sogenannte schwache ist; z. B. der listiger Mann; so riches Küniges Guot; auf ainer schoner Haide; zem grimmem Tode cet. – Im schnellen Aussprechen würde es merklich hart, und wir sehen auch hier wieder den Fortschritt zu leichteren und kürzeren Formen; eine bloss mechanische Nachahmung z. B. des s im Genetiv (so reiches Königes Gut; so edles Sinnes cet.) kann nicht angehen. Wie bequem fügt z. B. viel Schönes — vieles Schöne; ein guter Mann cet. Unbequem würde es, wenn z. B. es heissen sollte: das gutes Herz cet.“

Man wird mit solcher oberflächlichen Betrachtung der Sache schwerlich nahe kommen. Faktisch ist es, dass das „in behaglicher Breite“ gesprochene Gotisch z. B. im Anreden, wo wir stark flektieren (lieber Freund), schwache Flexion hatte. cf. Grimm (Dtsch. Gr. T. IV. p. 559): In der gotischen Sprache ist „der attributive Vokativ, obgleich den Artikel meist von sich abhaltend, organischer

Weise nur der schwachen Form fähig.“ (cf. über die Spracherscheinung selbst u. a. Steinthal, Charakteristik der haupts. Typen p. 308 und Heyse, Sprachwissensch. p. 378 sq.)

In Bezug auf die Zeitfolge des Bequemlauts und des Wohllauts scheint demnach Heyse (Sprachwissensch. p. 213) richtig anzugeben: „Im allgemeinen zeigen sich in den ältesten SprachFormationen mehr euphonische Laut-Uberflüsse, Herstellung der Euphonie durch positive Mittel; in den späteren, sèkundären ist Tilgung bedeutsamer Laute der Wurzel oder des Stammes zu Gunsten des Wohllautes vorherrschend; also Beförderung der Euphonie durch negative Mittel.“

Diese Negationen zeigten sich zunächst in einer Verflüchtigung der Endsilben, ergriffen dann aber auch den Stamm (wie aus lat.: credidi, fr. crus wird). Lautwandel, besonders auf der sogenannten Assimilation und Dissimilation der Sprachlaute beruhend, (wie etwa lat. summus aus sup[i]mus Angleichung der Laute zeigt, Dissimilation dagegen das griechische toegw für Jégw), allerhand Lautverschiebungen (wie z. B. hochdeutsch: after, niederdeutsch: achter) führten zu unorganischen Bildungen mancherlei Art, welche eine reine Kunsttechnik beeinträchtigen.

Wir besprechen endlich diejenige Einwirkung auf die Kunsttechnik der Sprache, welche durch den usus geübt wird, wobei in Bezug auf diesen terminus („usus, quem penes arbitrium est et jus et norma loquendi“ Hor. ep. ad Pis. vs. 71) an den Gegensatz von usus, consuetudo, Anomalie gegen ratio und Analogie gedacht werden kann, wie ihn die römischen Grammatiker fassten. Beruhte die Verschiedenheit der Sprachen wesentlich auf räumlichen Bedingungen, zeigte die Geschichte der Sprache den Einfluss der zeitlichen Verhältnisse, so umfasst die Betrachtung dessen, was man die Tyrannei des usus zu nennen pflegt, das Zusammenwirken beider Faktoren, des Raumes und der Zeit, auf die zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Orte fixiert gedachte Sprache.

In Bezug auf die Verschiedenheit der Sprachen ist aus der vergleichenden Sprachwissenschaft die nähere Einsicht in die Mannigfaltigkeit der Kunsttechniken zu gewinnen; in Bezug auf die im Laufe der Zeit wechselnden Mittel dieser Techniken würde die historische Grammatik der einzelnen Sprachen Auskunft erteilen; die Darstellung des usus für bestimmte Zeitperioden bestimmter Sprachen übernehmen die gewöhnlichen, mehr oder

« PoprzedniaDalej »