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fassen. Tragen nicht gewisse Elemente der Sprache deutlich die Zeichen der Willkür an sich ? –

Man denke z. B. an die Zahlwörter. Es mögen diese ursprünglich Konkretes bezeichnet haben, aber mussten sie nicht willkürlich, mehr oder weniger zufällig gewählt worden sein, und – da nun bis zur Zahl hundert grosse Ubereinstimmung aller indogermanischen Sprachen stattfindet – konnten sie anders als durch eine Jéois zum Gebrauch sich feststellen? – So ist denn eine Ansicht nicht ohne Grund, wie sie der Platonische Hermogenes (Cratyl. p. 384 D) ausspricht: Oů dúvquai TELOIñvai, wię äran tiç opfórns óvóuatos ñ EvvInxn xaà óuoloyia und wie z. B. Tiedemann („Versuch einer Erklärung des Ursprungs der Sprache“ 1772) sie durchführt, nach welchem durch Not und Überlegung die Menschen zur Erfindung der Sprache gekommen seien (vid. Steinthal, Urspr. d. Spr. p. 5–12).

Die Durchdringung der Gegensätze von Freiheit und Notwendigkeit, Erfindung und natürlichem Hervorbrechen der Sprache ist von der neueren Sprachforschung anerkannt worden. J. Grimm (über den Ursprung der Sprache p. 42 sq.) sagt z. B.: „Welchen Vokal und welchen Konsonant der Erfinder für ein Verbum nehmen wollte, lag abgesehen von der natürlich vorbrechenden und sich geltend machenden organischen Gewalt des Lautes meist in seiner Willkür, die gar nicht stattgefunden hätte, wäre sie von jenem Einfluss immer und völlig abhängend, selbst aber mit feinerem oder gröberem Gefühl geübt werden konnte. In diesen einfachsten Bildungsgesetzen sehen wir also auch hier Notwendigkeit und Freiheit einander durchdringen. Wenn z. B. im Sanskrit die Wurzel pâ gr. Tięīv, sl. piti ausdrückt, so hindert nichts, dass ein Spracherfinder dafür auch kâ oder tâ ergriffen hätte. Ein grosser Teil der indogermanischen Wurzeln hat bloss sein historisches Urrecht, dem nur organische Bestimmungen zutreten können.“ Wir schliessen uns auch Steinthals Auffassung an (Gesch. der Sprachwiss. bei den Griech. u. Röm. p. 314), welcher nachweist, dass den grossen Geistern des Altertums, Plato und Aristoteles, diese Auffassung von der Sprache im wesentlichen schon zugeschrieben werden müsse. Wir citieren eine Stelle: „Die alten Sophisten meinten, die Sprache (ovóuata) sei vóum, Sache willkürlicher Subjektivität; ihnen gegenüber behauptete Kratylos, sie sei qúgei, den Dingen objektiv zukommend und das Wesen derselben ausdrückend. Plato zeigte, dass die Sprache, als óvóuata gefasst, keine Wahrheit enthalte; obwohl die Laute eine ihnen innewohnende Bedeutung haben, s0 seien dennoch die Wörter (ονόματα) nur ξυνθήκη Ausdricke für bestimmte Vorstellungen. In der Sprache aber als hóyos Rede, Satz, liege bald Wahres, bald Falsches. Als solche ist sie ihm auch die Grundbedingung der Dialektik. Endlich aber ist die Seele, und was sie ihrer Natur gemäss thut, ganz eigentlich gvoet, und darum sind es auch die vóuoi. Dieselbe Ansicht, aber klarer und bestimmter entwickelt, hat Aristoteles. Wenn es falsch ist, nur kurzweg zu behaupten, Plato habe die Sprache für gúver erklärt, so ist es noch falscher, meine ich, zu sagen, nach Aristoteles sei dieselbe xatà EvvInxnv im Sinne der Sophisten, nämlich Werk subjektiver Willkür. Wenn aber oben gezeigt wurde, dass Plato wie Aristoteles die Sprache für EvvInen entstanden erklärt, so ist hier zu zeigen, dass auch umgekehrt, dieser wie jener die Sprache für κατά φύσιν halte.«

Wird nun aber diese Durchdringung von Freiheit und Notwendigkeit, wie im Menschen so in der Sprache, gefühlt und begriffen, — das Wunder des Menschen-Ich als solches anerkannt – so ist auch die Zurückführung der Sprache auf göttlichen Grund geboten, da des Menschen Wesen hiermit als einzig dastehend, die sonstige Natur überragend und deshalb aus ihr allein nicht begreiflich erscheint. Das Rätsel der menschlichen Freiheit, welcher wir praktisch so sicher zu sein glauben, als sie uns theoretisch unerweisbar, ja widersprechend erscheint, kann nur durch Annahme eines Faktums gelöst werden. Müssen wir uns des Menschen Erschaffung als unerklärt gefallen lassen, so denn auch die Sprache als in dieser Schöpfung einbegriffen. —

Und nunmehr dürfen wir uns besinnen und fragen, welchem Gebiete menschlicher Thätigkeit wir hiernach die Sprache einzuordnen haben. Wir erkennen in ihr eine Äusserungsform des theoretischen Geistes für den idealen Sinn des Gehörs, welche ihren Zweck in sich selbst trägt, finden, dass sie auf Grundlage der Natur durch freien Akt der Seele und zwar ohne reflektierendes Bewusstsein hervorgebracht wird, dass sie schliesslich auf eine nicht weiter zu begreifende schöpferische Fähigkeit des Menschen zurückgeführt werden muss, welche nichts hindert als göttliches Geschenk zu fassen – wird nicht schon hier die Vermutung sich aufdrängen, dass Sprache entsteht infolge jener eigentümlichen Begabung unseres Wesens, welche mau Kunsttrieb nennt? In der That ist bedeutenden Männern bei der Frage nach der Entstehung der Sprache diese als eine Kunst erschienen, obwohl sie ihre Ansicht nicht mit solchem Nachdruck aussprachen oder doch verfolgten, dass klar geworden wäre, es handle sich ihnen um mehr, als um blosse Vergleichung der Sprache mit der Kunst. Und so ist dies ohne nachhaltige Wirkung geblieben. –

Wir nennen zuerst Plato im Cratylus. Dort bespricht er (p. 423 sq.), in welchem Sinne das Wort als Nachahmung des Dinges zu betrachten sei, und fragt, wie man den zu nennen habe, welcher auf ähnliche Weise, wie der Musiker oder Maler, aber in anderem Material, die Dinge nachzuahmen und darzustellen wüsste durch Buchstaben und Silben. (εί τις αυτό τούτο μιμείσθαι δύναιτο εκάστου, την ουσίαν, γράμμασι τε και συλλαβαϊς, αρ' ουκ αν δηλοί έκαστον δ έστιν; και τι αν φαίης τον τούτο δυνάμενον, ώςπερ τους προτέρους τον μεν μουσικόν έφησθα, τον δε γραφικόν; -) Hermogenes nennt ihn den óvoucotixós, und es wird nun weiter die nachstehende Thätigkeit in Zusammensetzung der Worte aus den einzelnen Buchstaben mit dem Verfahren der Maler bei Abbildungen verglichen. Wie nun die Gestalt des Lebendigen in der Malerei entsteht, so kommt es auch in der Sprache endlich zu einem Grossen, Schönen und Ganzen, d. h. es entsteht ein Sprachganzes für die Benennungskunst, oder Redekunst, oder eine andere Kunst, welche sie sein mag (p. 425): xcì tráliv &x tūv óvouátwy και ρημάτων μέγα ήδη τι και καλόν και όλον συστήσομεν, ώσπερ εκεί το ζώον τη γραφική, ενταύθα τον λόγον τη ονομαστική ή ρητορική 7 Tig ov TẾxvm.

Stellt nicht auch unser J. Grimm (Urspr. d. Spr. p. 53) die Sprache mit der Kunst zusammen und hebt selbst eine Unterscheidung wieder auf, welche er zu setzen scheint? Er sagt: „Poesie, Musik und andere Künste sind nur bevorzugter Menschen, die Sprache ist unser aller Eigentum, und doch bleibt es höchst schwierig, sie vollständig zu besitzen und bis auf das Innerste zu ergründen. Die grosse Menge reicht etwa schon mit dem halben Vorrat der Wörter oder mit noch weniger aus.“ – Viel entschiedener spricht sich Böckh aus: („Von dem Übergange der Buchstaben in einander.“ Ges. kl. Schriften, Bd. III, p. 206) „Da die Namengebung nach einem festen Gesetze gegangen ist, jede Äusserlichmachung aber eines Innern im Menschen, selbst die bewusstlose, sobald sie nicht blosser Trieb der organischen Natur ist, und nach Gesetzen vollendet wird, Kunst genannt zu werden verdient, so muss die Spracherfindung, wie die Tugend, in Ubereinstimmung mit Platon eine Kunst heissen, und eine um so grössere Kunst, je innigere Wissenschaft von dem Wesen der Dinge, wenn man so sagen darf auch nur bewusstlos, und ein je klareres Gefühl von der Übereinstimmung der Laute mit den Begriffen sie erforderte“ cet. und (Encyklop. p. 727): „Die Vorstellung von der göttlichen Eingebung der Sprache bringt Platon als halben Scherz vor; offenbar aber liegt derselben nach seiner Ansicht die Wahrheit zu Grunde, dass die richtige Namengebung eine Kunst ist und daher wie jede Kunst aus jenem enthusiastischen Drang der Ideen entspringt, welcher durch göttliche Fügung instinktartig wahre Vorstellungen hervorbringt.“ Wir führen noch Göttling an („Über die Entstehung der Sprache“ in den „gesammelten Abhandlungen aus dem klassischen Altertum“ Bd. 2). Er sagt richtig (p. 4): die Sprache sei „eine im Fortschreiten begriffene Kunst“, denn „was (p. 17) ist überhaupt Kunst anders, als das Schaffen einer Form für einen Gedanken?“ – „Die Töne (p. 10) sind dem Menschen angeboren, aber nicht die künstliche Artikulation dieser Töne, durch welche er sich von der blossen Kontinuität der Stimme der Tiere unterscheidet; sie muss mühsam erlernt werden.“ – „Wir sind zu Staat, zu Kunst und Wissenschaft ebenso notwendig durch inneren Drang getrieben, wie zur Sprache; aber auch sie sind unser geistiger allmählicher Erwerb, wie die Sprache, und diese trägt, wie jene, das Kennzeichen aller menschlichen Schöpfungen, die Unzulänglichkeit, an der Stirn.“ –

Können wir uns im wesentlichen mit diesen Worten Göttlings einverstanden erklären, so bietet uns doch seine weitere Ausführung des zuletzt Gesagten zu einigen Bemerkungen erwünschten Anlass. Es heisst nämlich weiter bei ihm: „Der Gedanke führe ein höheres Leben als das Wort, welchem er entsprechen soll“ und „indem Geist durch Sprache entstehe, entstehe jedesmal, mehr oder weniger, eine Art schwächlicher Fehlgeburt des Geistes.“ – Näher begründet er dies dadurch, dass der Gedanke doch höher sei, als die Form, durch welche er sich den Sinnen darstelle, wie man denn auch sehe, dass neue Abstraktionen nur mit grosser Mühe in der Sprache ausgedrückt würden.

Es würde bedenklich um eine Kunst aussehen, wenn ihre Werke am Ende doch nichts wären, als „mehr oder weniger schwächliche Fehlgeburten des Geistes“, wie es Göttling von der Sprache aussagt, welche er doch für eine Kunst erklärt. Aber es ist dies eine schiefe Ansicht von der Sache. —

Dass Gedanke und Wort unterschieden sind, einander nicht decken, ist zwar richtig, wie denn z. B. Steinthal (Grammatik, Logik und Psychologie p. 152-224) dies scharfsinnig und erschöpfend nachweist, und, wenn man will, mag man also dem Geist „ein höheres Leben“ zuschreiben, als dem Worte, aber damit ist wenig Bestimmtes gesagt. Es giebt viele Arten, wie wir Geist in Formen ausdrücken; die bildenden Künste haben ihre Weise, ihn darzustellen, Musik spricht ihn aus, in der Poesie giebt er sich in den Formen der Phantasie eine Offenbarung, und überall wird gesagt werden können, der Geist als das alle diese Formen belebende und erfüllende Allgemeine führe ein höheres Leben, als jede einzelne, irgendwie bestimmte Weise seiner Darstellung. Darum eben ist es dann gar nichts gesagt, wenn man es als besondere Eigentümlichkeit irgend einer einzelnen Kunst, wie z. B. der Sprachkunst hervorhebt, dass ihre Werke die Totalität des Menschengeistes nicht zur Erscheinung brachten. – Der Geist, sofern er zur artikulierten Sprache sich hingedrängt fühlt, spricht sich sicher aus, aber freilich nur, insofern er eben so sich bestimmt hat; und er spricht seine Gedanken immer bestimmter, immer entsprechender aus, je mehr er in der Technik der Sprachkunst fortschreitet. Ist es etwa anders in den anderen Künsten? – Dass die Sprache nicht jede Seelenbewegung aussprechen kann, ist richtig, aber damit wird doch nur dies gesagt, dass es einer gewissen selbstbewussten Bestimmtheit, einer Artikulierung dieser Seelenbewegungen bedarf, damit sie für die Darstellung durch Sprache geeignet werden, damit sie zu Worte kommen können. Soll denn die Sprache z. B. zugleich auch Musik sein? Göttling hätte ebenso umgekehrt bemerken können, dass kein einzelner, bestimmter Menschengeist der Sprache im allgemeinen, also allen Sprachen zusammengenommen, gewachsen ist, ja dass er nicht eine einzige vollständig zu beherrschen vermag, und würde dann mit demselben Rechte versichern dürfen, die Sprache führe „ein höheres Leben“, als der Menschengeist. —

Die Hauptsache aber ist, dass Göttling, der die Sprache für eine Kunst erklärt, nicht weiss, was von einer Kunst zu verlangen ist, was nicht. Ihm schwebt es als Aufgabe der Sprache vor, den Gedanken auf das bestimmteste zu bezeichnen, während doch die Kunst nur in Bildern, und zwar die Sprachkunst in Lautbildern, also in der Form eines Einzelnen den Geist, das Allgemeine zur Darstellung bringt. Die Sprache hat nicht und will nicht haben die Schärfe der mathematischen Formel. –

Es ist dies ein wichtiger Punkt, welcher später genauer zur Erörterung kommen wird.

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