Obrazy na stronie
PDF
ePub
[blocks in formation]

eine deren Anfang, die andere deren Verlauf und Fortgang als nicht mehr wesentlich missachtet.

Ein wahrer und gesunder Fortschritt ist überall nur möglich bei stetem Rückblicke; wir kommen nicht anders in erfreulicher und gedeihlicher Weise vorwärts, als wenn wir uns im Bette desselben Stromes halten. Solcher Rückblick soll aber nicht geschehen, um unmittelbar nach ihm praktische Fragen der Gegenwart zu entscheiden, wie damit nur zu oft, und nicht ohne dass vielfache Verwirrung daraus entsteht, der Versuch gemacht wird. Ein verflossener Zeitraum der Geschichte ist einmal kein Gesetz für die Folgezeit, sondern normativ für dieselbe und ihre Entwickelung nur soweit, als er ihr lebensvoller Keim und Anfang ist. Ueberhaupt ist es viel geratener auch für die Beantwortung und Entscheidung von unmittelbar praktischen Fragen statt von der Gegenwart aus rückwärts zu gehen, sich an den Anfang der evangelischen Kirche zu stellen und dann vorwärts zu schreiten, dem Werden der Geschichte in seiner Allmählichkeit zu folgen und der durch stets neue Momente bedingten Entwickelung des Keimes nachzuspüren. Dabei wird es dann freilich auf eine möglichst genaue Kenntnis des Ausgangspunktes ankommen, eine Kenntnis, von der man sagen muss, dass sie vielfach in den Kreisen unserer evangelischen Theologen noch zu sehr fehlt. Wohl ist ja gerade in unserer Zeit für die Förderung derselben Vieles geschehen, nicht nur dadurch, dass man in ausgedehntem Maasse die Quellen dieser Erkenntniss wieder aufdeckt und allgemein zugänglich macht, sondern auch durch monographische Bearbeitung der einzelnen Träger jener grossen Lehrentwickelung. Aber eben diese letztere Thätigkeit, welche das aus den Quellen Geschöpfte jenen grossen Kreisen der Theologen vermitteln soll, die nicht selbst schöpfen können, ist vielfach gestört durch Nebenrücksichten. Der Wunsch, eigene Lieblingsmeinungen auch schon bei den Vätern zu finden, hat solche historische Forschung, die in rechtem Sinne unbefangen sein und der Objektivität

[blocks in formation]

sich befleissigen sollte, nicht selten in falsche Bahnen gebracht, und man gewann ein getrübtes und entstelltes Bild, dem man dann doch die Gegenwart nachbilden wollte.

In der Anfangszeit der evangelischen Kirche finden wir verschiedene herrschende Geister, in denen sich dasselbe Prinzip je nach ihrem Charakter verschiedenartig ausgestaltete. Eben diese Geister, in denen das, was die Geschichte iher Tage bewegte, den vollkommensten Ausdruck gewann, sind in ihrer Eigentümlichkeit sowie in ihrem Zusammen- und Aufeinanderwirken zu erfassen und zu begreifen. Dabei wird das Erstere, die Erforschung ihrer Eigentümlichkeit, das Wichtigere sein; denn wo es an der richtigen Erkenntnis dieser fehlt, da muss auch das Verständnis des Zusammen- und Aufeinanderwirkens ein mangelhaftes und getrübtes werden.

Erlangen, am Sonntag Cantate 1864.

G. L. Plitt.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Als der selige G. L. Plitt vor nunmehr 25 Jahren Melanchthons erste Ausgabe der Loci von neuem herausgab, hatte er sich nach Aller Urteil ein grosses Verdienst erworben. Wie sehr er mit seinem Buche einem Bedürfnis entgegenkam, zeigt die Notwendigkeit einer neuen Auflage. Nicht ohne Zögern habe ich auf den Wunsch des Herrn Verlegers die Bearbeitung derselben übernommen, da ich mir von vornherein sagen musste, dass nach einem so grossen Zeitraum nicht unbedeutende Änderungen. in dem gelehrten Beiwerk nötig sein würden, die leicht dazu führen könnten, dem Buche eine ganz andere Gestalt zu geben. Das hat sich denn auch in grösserem Umfange herausgestellt, als ich erwartete. Die historische Einleitung musste eine völlig neue Arbeit werden. Aber ich war mir keinen Augenblick darüber zweifelhaft, dass ich nicht blos das Recht, sondern die Pflicht hatte, eine neue Einleitung zu schreiben. Plitt hätte die seinige selbst nicht wieder so abdrucken lassen. Nachdem er in seinem späteren, schönen Werke „Einleitung in die Augustana", Erlangen 1867/68, seine Ansichten über die Anfänge der Reformation überhaupt, die in der Einleitung zu den Loci einen breiten Raum in Anspruch genommen, in bei weitem vertiefterer Form wiederholt hatte, schien es mir angemessen, mich auf eine nur die Hauptpunkte heraushebende Darstellung des Entwicklungsganges Melanchthons bis zur Herausgabe

der Loci zu beschränken 1). Dadurch gewann ich auch Raum, eine umfangreichere Erläuterung eintreten zu lassen, die mir dringend notwendig erschien, wenn das Buch noch mehr als bisher für die Studierenden nutzbar werden sollte. Denn diesen soll es vor allen Dingen dienen, und sie einen Einblick in die Anfänge protestantischer Schriftauffassung gewinnen lassen.

Natürlich habe ich den Urdruck, der mir aus der Nürnberger Stadtbibliothek zu Gebote stand, von neuem sorgfältig verglichen. Das Resultat war eine meist stillschweigende Verbesserung des Plitt'schen Textes an sehr vielen Stellen, namentlich in der Einführung der biblischen Citate, bei denen Plitt vielfach vom Original abgewichen war. Im Gegensatz zur ersten Auflage hielt ich es auch für angemessen, die sogleich in dem ersten Abdruck vorgenommenen notwendigen Verbesserungen und Druckfehleremendationen in den Text aufzunehmen, und die Fehler der editio princeps in den Noten zu verzeichnen. Auch glaubte ich die von Melanchthon im Jahre 1522 vorgenommenen Umarbeitungen einzelner Punkte in den Anmerkungen ganz zum Abdruck bringen zu sollen, um so einen vollständigen Einblick in die sogenannte erste Periode der Loci zu ermöglichen. Was die Erläuterungen, deren ich gerne noch mehr beigebracht hätte, anbelangt, so habe ich mir nur wenige aus der ersten Auflage vollständig aneignen können, und ich glaubte sie immer dann ändern zu sollen, wenn das, was Plitt damit erreichen wollte, Verständnis des historischen Zusammenhanges, dadurch

1) Von grossem Werte war es mir, dabei noch das treffliche Werk von K. Hartfelder in Heidelberg (Philipp Melanchthon als Präceptor Germaniae, Bd. VII der monumenta Germaniae Paedagogica, Berlin 1889) benützen zu können, in welchem mit musterhaftem Fleiss Alles zusammengetragen ist, was namentlich für Melanchthons humanistischen Entwicklungsgang von Bedeutung ist. Es wird durch seine reichen Angaben über Melanchthons schriftstellerische Thätigkeit und die ihn betreffende Litteratur fortan grundlegend sein.

m. E. nicht zur Genüge erreicht wurde. Die Hauptsache schien mir immer, womöglich die von Melanchthon bekämpften scholastischen Anschauungen, sowie die Parallelstellen bei Luther nachzuweisen. Natürlich musste, wenn die Erläuterungen nicht ins Ungemessene wachsen und dann verwirrend wirken sollten, in der Regel von der späteren theologischen Entwicklung Melanchthons abgesehen werden. Einige wenige Bemerkungen Plitts, die mehr Beurteilung als Erklärung enthalten, glaubte ich, obwohl sie meiner Weise, die Dinge anzusehen, nicht immer ganz entsprechen, doch stehen lassen zu sollen, weil eben das persönliche Urteil des früheren Herausgebers in charakteristischer Weise darin zum Ausdruck kommt. Sie sind dann als von Plitt herrührend besonders bezeichnet worden.

Eine Änderung habe ich mir endlich auch insofern schon im Titel des Buches erlaubt, als es mir richtiger erschien, die Urgestalt der Loci auch mit der damaligen Schreibung des Namens des Verfassers, Melanchthon nicht Melanthon ausgehen zu lassen. Ergänzend möchte ich zu S. 47 Anm. noch hinzufügen, dass wie aus Kawerau, der Briefwechsel des Justus Jonas (Halle 1884) I. S. 85 ersehen werden kann, auch Jonas im Jahre 1523 über den Römerbrief gelesen hat.

Im Übrigen habe ich nur den einen Wunsch, dass diese neue Ausgabe dieselben guten Dienste leisten möchte, wie die frühere.

Erlangen, am Reformationsfeste 1889.

Theodor Kolde.

« PoprzedniaDalej »