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berachtet mich, und wer mich verachtet, der verachtet den, welcher mich gesandt hat." Wenn nun die Priester, und nur sie allein, die Pflicht und das Recht haben, zu predigen: so haben auch alle Nichtpriester, alle laien, die Pflicht, ihre Predigt anzuhören.

Aber da wollen gar Manche von der Predigt nichts hören und denken sich: „Jawohl, nicht alles, was die Geistlichen auf der Kanzel sagen, ist das Wort Gottes. Sie sagen gar viel, was nicht im Evangelium steht; sie reden vielmehr nur von dem, was geschieht, und manchmal ziemlich laut, so daß man oft bös und unwillig darüber werden möchte.“ Aber nur Geduld! Ihr werdet mir am Ende doch Recht geben und gestehen müssen, daß man auch auf der Kanzel nichts Andres als das Wort Gottes vortrage.

Wo nicht die Meisten, doch wenigstens sehr Viele von euch fönnen lesen. Fast in allen Häusern hat man ein Evangelium, und wo man feines hat, könnte man leicht eines befommen; man fönnte also das Predigen und Christenlehrhalten gar sein lassen; es kann ja ein Jedes selbst zu Haus oder in der Kirche das Evangelium, das Wort Gottes lesen, was braucht es noch anhören?

,,Ja, werdet ihr sagen, wir verstehen nicht, was wir lesen, wir können das Evangelium nicht auslegen, und nicht die Anwendung auf uns machen; es geht oft mit dem Lesen selbst schon ganz hart. Seht also, meine Christen! man muß auch das Evangelium erklären und die Anwendung davon machen, und das müssen die Priester thun, die dazu verordnet sind.

Wenn Christus sagt, wie es im Evangelium heißt: ,,Der Mensch soll sich selbst verläugnen. - Der Glaube überwindet die Welt. - Ihr sollt Nichts sagen, als Ja, ja oder Nein, nein. - Wer zu seinem Bruder sagt: Racca! der ist des Gerichte schuldig. — Reiß dein Aug heraus, wenn es dich ärgert. - Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig." Was wird sich mancher Mensch bei diesen und tausend andern Worten denken? Wie wird er sie auslegen? Was heißt fich selbst verläugnen? Was heißt die Welt überwinden? Soll man nichts reden, nichts sagen dürfen, als fa oder Nein? Soll es gleich so grob gefehlt sein, wenn man seinen Nächsten einen Narren heißt? Was will denn das sagen: das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig ?

Man muß euch also dieß nothwendiger Weise erklären und sagen: „Ihr sollt euren bösen Lüsten widerstehen, mehr auf die Gebote Gottes als auf das Beispiel der Welt sehen, ihr sollt nichts Böses, nichtFalsches, nichts Unrechtes reden; ihr sollt euern Nächsten nicht beschimpfen, die Gelegenheit zum Bösen meiden; nicht bald gut, bald lasterhaft sein, sondern euer ganzes Herz Gott schenken." Da meinen freis lich Einige, man sage was Anders, als im Evangelium steht; aber in der Hauptsache ist es das Näms liche, nur nach dem Verstand der Zuhörer erklärt und ausgelegt.

Nebst dieser Erklärung und Auslegung muß auch noch die Anwendung gemacht werden; so hat es der Heiland selbst gemacht. Er hat sich immer nach seinen Zuhörern gerichtet, die er vor sich hatte. Mit den Sündern, die ihre Fehler erkannten und bereuten, war er sehr liebreich; mit den Pharisäern hingegen hat er ganz anders gesprochen. Er hat öfters von ihrer Falschheit und Gleißnerei geredet, nachdrücklich und so laut geredet, daß fie darüber murrten, ihn deßwegen verfolgten und dann gar zu tödten suchten.

Es würde eud), meine Christen! wenig nußen, wenn man euch nur sagen wollte: „Ihr sollt Gott und den Nächsten lieben; ihr sollt das Böse und die Gelegenheit zum Bösen meiden.“ Man muß euch dieß schon noch deutlicher sagen, man muß euch gleichsam bei der Hand führen, mit den Fingern darauf zeigen, oft laut und nachdrücklich von dem reden, was geschieht. Man soll aber Nichts von dem reden, was euch nichts angeht, und was ihr nicht brauchen könnt. Man muß nur von demreden, was euch angeht, und was ihr in eurem Stand brauchen könnt. Ich behaupte also noch einmal, was ich gleich anfangs gesagt habe, und ihr werdet es jeßt selbst einsehen. Der Same oder dasjenige, was euch in den Predigten vorgetragen wird, ist das Wort Gottes, das Nämliche, was im Evangelium steht, nur mit einer Erklärung und Anwendung auf die Umstände und nach den Bedürfnissen der Zuhörer. Ich sege nur dieses noch als einen starken Beweis hinzu, daß dieser Same gut sein muß, weil er bei Vielen großen Nußen bringt.

Wir müssen Gottdie Ehre geben, von welchem alles Gute kommt; wir müssen ihm danken, der allein die Herzen der Menschen in seiner Hand hat, und aus verstodten Sündern Kinder Gottes machen kann. Das Wort Gottes hat auch in unsrer Zeit noch Nichts von seiner Straft verloren. Noch heut zu Tag werden viele fromme Christen durch das Wort Gottes gestärkt; sie bringen es inmer weiter in der Tugend, in der christlichen Gerechtigkeit; noch heut zu Tage lernen Viele ihre Sünden erkennen, welche sie nicht erkannten, erkennen, bereuen und bessern; noch heut zu Tag kehrt manch verirrtes Schaf zurück, welches die Stimme Gottes durch den Mund seiner Priester hört; noch heut zu Tag ist das Wort Gottes ein Brod für die heilsbegierigen Christen, ein Stab für die Schwachen, ein Licht für die Irrenden, ein Schwert für die Sünder, das ihre Seele durchdringt. Es ist noch der gute Same, der, wie Christus sagt, von Vielen mit gutem Herzen aufgenommen wird und vielfältige Frucht bringt; und eben aus dem Nußen, aus der Frucht, kann man schließen, daß der Same gut sei.

Freilich kann es geschehen, und es geschieht aud) wirklich nicht selten, daß wir selbst daran Schuld find, daß das Wort Gottes bei uns nicht die erwünschte Frucht bringt; wenn wir dasselbe nur aus Noth oder Zwang, gleichsam wider unsern Willen anhören; darunter, weiß Gott wo? hindenfen; es gleich wieder aus dem Sinn schlagen; glauben, was wir gern glauben; und es so auslegen, wie wir wollen; oder die Wahrheit erkennen und uns doch nicht daran kehren. Die Herzen der meisten Zuhörer find ganz voll von weltlichen Gedanken und da will dann nichts Geistliches hinein. Die Alten haben es sehr gut gemeint, daß sie jede Kirche mit einem Thurm gebaut haben. Sie wollten uns durch den Thurm bei jeder Kirche gleichsam mit aufgehobnem Finger zum Himmel hinaufzeigen und uns andeuten, daß die Lehre, die in den Kirchen gepredigt wird, der Weg zum Himmel sei; sie wollten uns lehren, daß wir hier auf dieser Welt nicht immer bleiben können, sondern unsere fünftige Wohnung im Himmel suchen folen. Amen.

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