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ich, dachte er sich, das ist einmal richtig; aber was fang ich hernach an? Arbeiten mag ich nicht, und zu betteln schäme ich mich. Ich will also zu guter Legt meinen Herrn noch einmal betrügen, und heimlich seinen Schuldnern einen Theil von ihren Schulden nachlassen, damit sie mich hernach aufnehmen, wenn ich fortgejagt werde.

In dieser Angst des evangelischen Haushalters fehen wir die Furcht und Angst eines Menschen, der ganz unvermuthet und ohne gehörige Vorbereitung vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen und über sein ganzes Thun und lassen Redienschaft geben muß. Er wird ängstlich und verwirrt, weil er dazu nicht gerichtet ist.

Ich rede jegt nicht von Denjenigen, die gählings dahin sterben; denn der gähe Tod läßt ohnehin Niemand Zeit, sich auf die kommende Rechenschaft vorzubereiten, wenn es nicht schon zuvor geschehen ist. So ein gäher Tod ist entweder eine Belohnung Gottes für die Frommen, welche Gott, weil sie schon zu ihrer Rechenschaft gerichtet sind, nicht lang will leiden lassen, oder eine Strafe für die Gottlofen, denen Gott nicht mehr Zeit läßt, sich zu bereiten, weil sie seine Gnade zur Bekehrung immer mißbraucht oder von sich gestoßen haben.

Ich sage nur, daß man insgemein, kommt auch der Tod zu was immer für einer Zeit, zur Rechenschaft nimmer bereit ist. Wenn wir einen Menschen nach dem andern fragen würden, ob er gerichtet sei Rechenschaft zu geben, so würde Feder antworten: „Nein, jeßt noch nicht! Aber Gott wird mir ja Zeit lassen; ich will mich schon richten.“ Fragt man aber diesen Menschen über ein Jahr, so heißt es wieder: ,,Ich bin noch nicht bereit;" und fragt man ihn nach mehrern oder vielen Jahren wieder? Nein, er ist noch nicht bereit. Er rechnet immer auf die Zukunft. Und der Tod, der besser rechnet, als er, kommt unvermuthet, ehe er sich noch dazu bereitet.

Einer z. B. wird trant. Es ist nur ein Fieber; es wird nicht viel zu bedeuten haben. Die Krankbeit nimmt zu. Der Arzt macht ihm noch gute Hoffnung zum Besserwerden. Zur Sicherheit räth man aber dem Kranken doch, er solle fich versehen lassen. Endlich bringt man es so ganz weitschichtig heraus, daß er in Lebensgefahr sei. Und zulegt stirbt er wirklich dahin. Man wird also gar oft von Gott zur Rechenschaft gefordert, wo man noch nicht dazu gerichtet und daher auch nicht im Stande ist, Rechenschaft zu geben.

Fhr sagt ja selbst, wichtige Sachen brauchen Zeit und Nachdenken. Nicht einmal einen Kauf oder einen Vertrag wollt ihr schließen, wenn ihr nicht recht gefaßt oder beisammen seid. Was ist aber wichtiger und ernsthafter, als sich in den Stand segen, Gott Rechenschaft geben zu fönnen? Ein gesunder Mensch hat schon Mühe genug, sein Gewissen recht zu erforschen und seine Sünden genau zu beichten. Wie wird das ein Kranker fönnen, der vor Schmerzen kaum mehr weiß, was er thut, der oft ganz verwirrt ist? Versprechen, daß man Gott nicht mehr beleidigen wolle; wie kann da ein wahrer Ernst sein, wenn man sieht, daß man nur noch etliche Stunden zu leben hat? Wer einmal in Todesgefahr gewesen ist, der weiß es am besten, wie wenig man sich auf solche Beichten und Vorsäge verlassen kann. Gar oft weiß man nicht einmal mehr, was man da gethan und geredet hat.

Auch die Verwirrung des Geistes und die Ges wissensangst hindert einen Todtkranken, sich zur Rechenschaft vorzubereiten. So lang man gesund ist, macht der Leichtsinn und der Muthwille, daß man gar Vieles für feine schwere Sünde hält, was doch gewiß eine ist. Die Jugend lacht darüber, und die Erwachsnen find es schon gewohnt. Aber am Tods bett verschwindet diese Verblendung; dort zählt Einem sein Gewissen die begangenen Sünden genau vor. Wie groß muß dann die Angst sein, und wie schwer bas Sterben, wenn man auf dem Todbett Sünden erkennt, an welche man jeßt gar nicht denkt?

Darum richte fich jedermann noch bei Seiten auf die Rechenschaft, welche er einst vor Gott ablegen muß. Niemand aber kann diese Rechenschaft vornehmen, wenn er keine Zeit mehr dazu hat. Auf dem Todbett ist die Angst und die Verwirrung zu groß, als daß er seine Gedanken noch gehörig zusammenbringen könnte. Er wird nur seine ehemalige Verblendung einsehen und bedauern. „Mein Gott!" wird er seufzen, „wie werde ich vor dir bestehen! Zuvor habe ich mich auf meine Rechenschaft nicht gerichtet, und jegt bin ich nicht mehr im Stande fie abzulegen. Du wirst es mir ja doch verzeihen!“

fa, Gott würde es freilich verzeihen, wenn er uns nicht jeßt so oft und so deutlich sagen ließe, daß wir uns bei Zeiten zur Rechenschaft bereiten sollen. Wenn wir aber jeßt seine guten Ermahnungen muthwillig verachten, so wird er auch im Tod mit unsern Seufzern nicht zufrieden sein. Darum sollen wir oft zu Gott bitten, daß er uns vor einem unvermutheten Tod bewahre, damit wir nicht vor einem unvermutheten Gericht erscheinen müssen. Tod und Rechenschaft, diese zwei sind sehr zu fürchten! D, daß wir doch beide fürchteten! Daß aber diese Furcht uns auch antriebe, uns jegt schon zur fünftigen Rechenschaft vorzubereiten, daß wir uns doch jegt einmal aufrichtig und wahrhaft besserten und eben darum Nichts mehr thäten, was uns einst diese Rechens schaft recht schwer machen könnte! Umen.

Frühlehre auf den neunten Sonntag

nach Pfingsten. Fesus weint über ferusalem und weißsagt defien Untergang.

„Als er die Stadt ansab,

weinte er über sie." Luc. 19, 41. Das heutige Evangelium ist so klar und deutlich, daß es ein Jeder von uns gar leicht verstehen · kann; es ist aber auch so lehrreich, daß es ein Jeder von uns recht wohl brauchen und auf sich anwenden kann. Es wäre also unbillig, wenn ich von was Anderem als vom heutigen Evangelium predigen wollte. Ich nehme aber nur zwei Stüde, die darin vorkommen, und die ihr, meine Christen! gar leicht in euerm Gedächtniß behalten könnt. Merkt euch nur, was ich jegt sage. Das heutige Evangelium erzählt uns

1) daß Jesus über die Stadt Jerusalem ges weint hat, und

2) daß er dieser Stadt ihren Untergang prophezeit hat.

Das sind nun die zwei Stücke, welche den InHalt meiner heutigen Frühlehre ausmachen, worauf ihr, meine Christen! eure Aufmerksamkeit zu richten habt.

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