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Und der Satz? Ist der Satz in Wahrheit ein Urteil? Wir sehen davon ab, dass auch nicht einmal im logischen Sinn jeder Satz ein Urteil ist (z. B. ein Fragesatz), aber ist denn ein Urteil mehr als Aussage über eine Verbindung von Begriffen, und lediglich um Darstellung solcher Verbindung sollte es dem Kunstgebilde des Satzes zu thun sein? –

Bernhardi (Sprachlehre T. 1, p. 98 sq.) giebt hier schon das Wesentliche an. Es heisst bei ihm: „Der Erklärung: Sprache sei in artikulierten Tönen dargestellter Verstand und Urteilskraft, werden wir hinzufügen müssen: sie ist auch dargestellte Einbildungskraft; denn ein jeder Satz spricht ein Bild aus; und nur unsere Gewöhnung daran verursacht, dass wir es nicht merken.“ – (Man sehe auch die ausführliche Besprechung über „Satz und Urteil“ bei Steinthal: Grammatik, Logik und Psychologie, p. 168 sq.) –

Wir haben im Satze ein Subjekt, zur Person verlebendigt durch das Genus, welches ihm die Sprache verlieh, wie es ihrem Vorstellungsbilde entsprach, sowie durch den Numerus, welcher die Individuen als solche hervorhebt; da ist als Prädikat ein Verbum, welches schon im Tempus Bewegung, Handlung, Leben abbildet, so dass, selbst wenn das Prädikat seinen Begriff in Form eines Adjektivs absondert und als Ruhendes aussagt, die verbale Kopula wiederum nicht etwa verbindet, sondern die Begriffe mit dem Bilde des Lebens durchdringt und sie zu einander hin bewegt. Wer hier von Verbindung der Begriffe spricht, hat ein Knochengerüst im Sinne, welches dem sezierenden Verstande nützlich ist zu betrachten, welches das Wesen des Satzes aber nicht erschöpft. In der That müssen Geschlecht, Numerus, Tempus, Kopula zuerst zerstört werden, ehe man zum Urteile im Satz gelangt; der Satz ist vielmehr ein Bild, welches durch schaffende Phantasie aus substantivischer Geschlossenheit sich zu verbalem Leben entfaltet und auseinanderlegt. — Steinthal (Typen des Sprachbaus p. 93) bemerkt, dass „die Grammatik die Formen der Logik zwar vollständig, aber sehr phantastisch entwickelt habe“ und weiter: (p. 101) „dass es sich bei der Logik um die dem Gedanken als solchem, als diesem bestimmten Inhalte absolut zukommende Form handelt, bei der Sprache dagegen um eine gewissermassen (?) künstlerische Darstellung von Inhalt und Form.“ – Allerdings erscheint uns der grammatisch vollkommene Satz als der angemessenste Abdruck der logischen Prozesse unserer Seele und gilt deshalb als die eigentliche Form für Darstellung der Prosa nach ihrem Verstande und für ihre Zwecke, wie er ja auch in seiner Vollendung, alle Beziehungen klar herausstellend, der Phantasie weniger zu thun übrig lässt, aber derselbe Gedanke kann doch den verschiedensten Ausdruck finden, und bei weiterer Fortbildung des Satzbaues ist z. B. Beiordnung oder Unterordnung der Sätze keineswegs auch Zeichen von Bei- oder Unterordnung der Gedanken. Wir deuten hier übrigens nur kurz an, dass die Entwickelung des Satzes zur Periode, der Übergang von der parataktischen Darstellung zur syntaktischen die weitere Entfaltung des Bewusstseins hauptsächlich nach der logischen Seite bedingt. Ein ähnlicher Fortschritt in der Entwickelung einzelner Satzglieder, des Subjekts, Objekts, Attributs, Adverbs zu Sätzen vollzieht sich hierbei, wie zuerst bei dem Übergang von der Wurzel zum Satz. —

Mit diesem Auseinandertreten des Vorstellungsbildes zu einzelnen Wörtern, mit der Beziehung derselben zur Einheit des Satzes, mit dem Urteil, erhebt sich, wie wir sahen, die Seelenbewegung auf den Standpunkt des Abstrahierens und des Denkens. Nun tritt in das Bewusstsein ein, was wir Wahrheit nennen und Irrtum. Urteil ist, wie Aristoteles sagt, (de interpret. c. 4) σύνθεσις νοημάτων, εν ή το αληθεύειν ή ψεύδεσθαι υπάρχει, and Satz: (c. 5) <ơn 7 trim drówavos suavix TIEọi coũ Tablet ñ un úrrágxeiv. Von aussen her empfängt die Seele auf dieser Stufe nichts Neues, sie trennt und verbindet nur ihre eigenen Vorstellungen – wie wird sie jetzt zu Worte kommen, wenn sie dies Wissen von sich, dieses Bewusstsein ihres Trennens und Bindens ausdrücken will? – Die Welt der Erscheinungen ist für dies Bewusstsein geworden zu einem Reiche von Lautbildern; an diesen, nicht an den Dingen selbst hat es sich erkannt als das begriffbildende, urteilende, denkende, und so bewegt es sich in diesen, und es hat die Vorstellung, dass es mit ihnen die Dinge selber ergreife. –

Dies Bewusstsein, so gefangen von der Schönheit und dem kunstvollen Bau seiner Bilderreihen, in der Gewalt der von ihm selbstgeschaffenen Sprache, kommt, wie wir schon an dieser Stelle bemerken, zur Verdinglichung der durch die Sprache gewonnenen Abstraktionen; die Seelenbewegungen erscheinen als Bewegungen der Welt, die Vorstellungsbilder werden zu Urbildern des Schöpfers, zu Musterbildern für die Schöpfung, wie sie Platons Kunstsinn aus den Sprachsymbolen sich auferbaute. Und wenn Aristoteles an den platonischen Ideen das abstrakte Wort-Dasein erkannte, so fing auch ihn, den scharfsinnigsten der Sterblichen, die Sprache wieder ein

in Form ihrer Urteile und Schlüsse, mit denen er die Weltbewegungen realiter zu erfassen vermeinte. Plato wird vom Geiste der Wurzel beherrscht, Aristoteles von dem wundersamen Geflecht des Satzes. – Wer wird die Analogie leugnen wollen zwischen unserer Seele und den Bewegungen der Welt, wer aber will behaupten, dass diese Analogie Identität sei? –

Dies Bewusstsein also hat an seinen Lautbildern seine Welt, und darum fehlt ihm das Bedürfnis, neue zu schaffen. Es bedarf zwar der Lautmittel, um sein Beziehen und Trennen auszudrücken, aber, da hier nur ein Verhalten der Dinge zu einander in Betracht kommt, so drückt es die Beziehungen nur an den Lautbildern aus z. B. in den sanskritischen Sprachen symbolisch: durch Flexionen, (siehe oben p. 216) für Beziehungen weiterer Art, welche die Denkbestimmungen des Subjekts andeuten, dienen als blosse Formwörter die Partikeln, zum teil nackte Pronominalstämme, zum teil erstarrte Kasusformen, erst spät entstanden, (siehe oben p. 219) als dem abstrakten Denken angehörig von Kindern gemieden, von Ungebildeten falsch angewendet. –

Wörter also qualitativer Art, Stoffwörter, wurden vom abstrahierenden Menschen nicht weiter geschaffen, denn das abstrakte Bewusstsein schafft keine Kunstwerke. Was den Menschen auf dieser Stufe das Wort suchen lässt, ist kühle, sinnende Reflexion. Wie sollte diese eine so lebhafte Wirkung auf den Organismus üben, dass er zur Sprachschöpfung schritte? – Und dennoch forderte nun auch der Gedanke seinen Ausdruck, und er fand ihn, indem er die Lautbilder seiner Auffassung gemäss umdeutete.

Wie die Dinge in der Welt, obwohl alle vom Geiste getragen, nicht einmal sinnlich und noch einmal geistig existieren, ebensowenig schafft der Mensch einmal Lautäusserungen für die Sinnlichkeit und dann andere für den Geist. Die scheinbar sinnliche Welt entdeckt sich ihm nach und nach als Erscheinung eines geistigen Prinzips; und so genügt auch der scheinbar bloss auf die Sinnlichkeit deutende Laut, um auch die ihm zu Grunde liegende Thätigkeit der Seele als solche im Bilde zu zeigen. Wir führen hierzu eine Bemerkung Bernhardis an: (Sprachlehre, Bd. II, p. 11) „Betrachten wir die Sprache als Allegorie unseres Wesens, als Spiegel und Bild von uns selbst: so liegt die Idee sehr nahe, dass es nur eine scheinbare Trennung sei, wenn wir die Welt in die sinnliche und unsinnliche zerschneiden, sondern dass die eine die andere nur reflektiere, und dass ein geheimes Band zwischen beiden

Gerber, die Sprache als Kunst. 2. Aufl.

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sei, welches die Sprache durch die Metapher ausdrückt, und nach dessen Entdeckung die Philosophie von jeher strebte.“ –

Die Urwörter also selbst, als solche Sinnliches bedeutend, werden von dem sich tiefer erfassenden Bewusstsein ergriffen und spiegeln in dem Wandel, in der Vergeistigung ihrer Bedeutung die Entgegensetzung ab, zu welcher die Seele gelangt, wenn sie ihr Ich von den Dingen sowohl trennt, als mit ihnen verbindet. Es beruht das Eintreten dieses Wandels auf einer Analogie, welcher die Seele folgt; einem Bilde der Körperwelt scheint ein Vorgang im Bewusstsein zu entsprechen, und so setzt man das erste, um das zweite zu bezeichnen. Im Sinne des Aristoteles ist es, wie wir später noch betrachten werden, diese Analogie als Proportion zu fassen: Gleichheit der Verhältnisse innerhalb verschiedener Sphären, und so: Ähnlichkeit. Top. I, 70 sagt Aristoteles, man solle Ähnlichkeit bei verschiedenen Gattungen z. B. so aufsuchen: ως έτερον εν ετέρω τινι ούτως άλλο έν άλλω, οίον ως όψις εν opfahuậ, voūs ļv Yoxn. Darauf beruht also z. B. die Metapher: Einsicht. –

Es versteht sich, dass bei diesem Wandel der Bedeutung (Heyse bezeichnet diesen Neubau als „Begriffs-Metapher“ [System der Sprachw. p. 96 sq.], Max Müller als „radikale Metapher [Vorles. üb. d. Wiss. d. Spr. II, p. 334]) jener Gegensatz zwischen Sinnlichkeit und Geist als solcher nicht in das Bewusstsein trat. Wie der abstrakte Gedanke sich allmählich an den Lauten entwickelte, so empfingen diese Laute allmählich einen anderen Sinn. Das auf ein Sinnliches deutende Lautbild galt auch für das Unsinnliche. Gesenius bezeichnet in seinem Lexicon hebraicum 17 als spiritus, flatus, ventus, procella. Da aber „aërem oris divini flatu commoveri censebant,“ so war ventus gleich spiritus dei, und gleich yvxń (anima), da „vita in oris nariumque spiritu cernitur und so ferner gleich: animus, vis divina, cet. Aus dem wohl onomatopoetisch gebildeten man mit ähnlicher sinnlicher Bedeutung ergab sich später: proloqui, aspere invehi in aliquem; (wie spiro und spiritus) so auch entsteht aus der sinnlichen Bedeutung von ve halitus, anima, animus. – Ähnlich so von vúxo blasen, atmen: Yvxń, Hauch, Atem, Seele, und von der Sanskritwurzel an, welche atmen, wehen bedeutet, ävąuos, Hauch, wofür lat. anima und animus die Fortsetzung giebt; so Ivuós von Jów, brausen. – Aus Wurzel si, siv (Heyse l. c. p. 97) bewegen, griech. geiw, erschüttern, geht got.: saivala, althd.: sêla, Seele hervor, und gleichen Stammes ist: See, got.: saivs. — Geisten wurde früher gesagt für blasen (angels. gust); got.: geisjan, bewegen, treiben; daher: gären, Gischt u. s. w. Geist ist also ursprünglich: bewegte Luft, Hauch (spiritus). –

Streng genommen sollte demnach nicht von einer sinnlichen und unsinnlichen Bedeutung gesprochen werden, sondern nur eben von einer bildlichen, welche ebensowohl zur Bezeichnung von sinnlichen wie von unsinnlichen Begriffen dient. Die allmähliche Scheidung zwischen sinnlicher und unsinnlicher Bedeutung hat sich nicht in allen Sprachen mit derselben Entschiedenheit vollzogen, in manchen wohl gar nicht. Heyse (1. c. p. 100) bemerkt, dass in „manchen Sprachen der Standpunkt des Volksbewusstseins und der Sprache beständig ein phantastisch-poetischer bleibt. So z. B. im Arabischen, wo in dem Worte die ursprüngliche, sinnliche Bedeutung nie ganz verloren geht.“ Er sagt, dass „hierin das überwiegend poetische Element und die Bilderfülle der arabischen Sprache liege.“ Wenn er dann richtig hinzufügt: „Wären wir uns ebenso der Urbedeutung jedes Wortes bewusst, so würden wir unsere ganze Sprache nicht minder bildlich finden; wir haben uns aber durch grössere Reife der Abstraktion von diesem sinnlichen Elemente losgemacht“ — so dürfen wir wohl, unbeschadet unserer Hochachtung vor den Abstraktionen, daran erinnern, dass die Betrachtung der Sprache nur dann zu richtigen Vorstellungen führt, wenn sie sich von diesem Standpunkt der Abstraktion fern hält und wirklich „unsere ganze Sprache bildlich findet.“ –

Interessant ist es zu sehen, wie in gewissen Perioden der Sprachbildung die sinnliche Bedeutung der Wörter mit der unsinnlichen kämpft, so dass vielfach noch durch Hinzufügung näherer Bestimmungen dafür gesorgt wird, dass diese letztere verstanden werde. So erklärt Albert Fulda: (Untersuchungen über die Sprache der homerischen Gedichte. T. I. Duisburg 1865) den pleonastischen Gebrauch von OYMOS OPHN, bei Homer aus der Notwendigkeit, welche in einer früheren Sprachperiode vorhanden war, durch Zusatz dieser Wörter, welche innere Sinnesorgane bezeichnen, manche unsinnlich gemeinte Wörter verständlich zu machen. Zu Homers Zeit und später wurden diese Zusätze entbehrlich und erscheinen zu einer Zeit, in welcher wohl schon die ursprünglich sinnliche Bedeutung der durch sie erklärten Wörter vergessen war, rein überflüssig, als Pleonasmen. So meint z. B. Fulda (p. 29 sq.), dass Xen. Anab. VII. 4, 1: Ônos póßov êvfein naì rois äłois, ola neloovtai das Wort évtılévau in der sekundären Bedeutung den Zeitgenossen ganz verständlich war, während Homer

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