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II. Entstehung der Sprache durch die Wechselwirkung des Lantvermögens mit dem Geiste des Menschen, der hierdurch zu seiner

Entwickelung gelangt. —

Die Bedeutung der Sprache für das Menschengeschlecht ist so ungemein gross, ihr Auftreten erscheint so notwendig, und ihre Wirkungen fallen so sehr in die Augen, dass hierin wohl der Hauptgrund zu suchen ist, weshalb man nicht Ernst damit zu machen wagte, sie für eine blosse Kunst zu erklären, was auch im übrigen dafür sprechen mochte. Nun ist dies sogleich zuzugeben, dass die Sprache von allen Künsten die meiste Verwendung findet und deshalb am wenigsten entbehrlich erscheint; aus den Werkstücken, welche sie liefert, erbaut sich der theoretische Geist des Menschen nicht nur seine Prachttempel, sondern auch seine Wohnungen; nach dem Gepräge, welches sie ihren Lautbildern aufdrückt, bestimmen wir allgemein verständlich Sinn und Bedeutung und Wert der einzelnen Seelenakte, so dass der Umtausch der verschiedenen Vorstellungen unter noch so verschiedenen Individuen durch sie vermittelt werden kann. Aber man erhält einen mangelhaften Begriff sowohl von der Notwendigkeit des Entstehens, wie von den Wirkungen der Kunst überhaupt und so von denen der einzelnen Künste, wenn man nur deren reinste und freieste Schöpfungen, ihre

– doch immer nur relativ – vollkommenen Werke ins Auge fasst, als stellten sie die ganze Kunst dar; wenn man es unterlässt, diese auch da anzuerkennen, wo sie vermischt mit anderen Lebensäusserungen auftritt, dienend oder schmückend, helfend oder anregend und ermunternd. Auch der Wilde, welcher seine Höhlen und Hütten für sein Bedürfnis zurichtet, zeigt bald, nachdem das Notwendige beschafft ist, darüber hinaus seine Kunst und will, dass sein Bauwerk gefalle, und auch die für den Mietsertrag konstruierten Gebäude unserer Kulturzeit verschönern sich durch die Kunst, soweit sie können. Kalligraphen, Stuben- und Schildermaler sind immerhin Maler, und ihre Werke sind irgendwie Kunstwerke. Was die Plastik angeht, welche wir schon sonst mit der Sprachkunst in Parallele stellten, so gilt, was wir soeben in bildlichem Ausdruck mit Bezug auf sie von der allgemeinen Anwendung der Sprache sagten, zweifelsohne auch von ihr, denn Bausteine, Ornamente, Münzen sind sicherlich Werke der Plastik und von weitester Verwendung. Der taktschlagende Trommler macht Musik, wie der vergnügt pfeifende Schusterjunge, der vor sich hinsummende Denker, wie der Fiedler, der zum Tanze aufspielt. — Und so finden wir für die Poesie ein Gebiet, welches an Umfang demjenigen der Sprache zu vergleichen ist, wenn wir z. B. die meisten sogenannten Lügen der Kinder hierher rechnen, an Tiefe es aber übertrifft, wenn wir, worüber weiter unten noch ein Wort, z. B. Hegels Logik als ein Werk der Poesie zu bezeichnen kaum Anstand nehmen. –

Denkt man nun hieran nicht, sondern berücksichtigt nach der hergebrachten Weise der Betrachtung nur die Spitzen der Künste, so schrumpft natürlich ihr Wirkungskreis sehr zusammen und man erkennt weder, wiefern sie aus der Kultur des Menschengeistes erwachsen, noch wie sie auf diese Kultur zurückwirken. Man vernachlässigt dann die werdende Kunst, die Kunst in ihrer Entwickelung, und es gelingt nicht, das Entstehen der Künste psychologisch zu begreifen, wie wir oben (p. 19 sq.) andeuteten, dass es geschehen könne, nämlich so, dass man das entsprechende Entgegenkommen des Makrokosmus für den Mikrokosmus begreift, d. h. die Wechselwirkung der Menschenseele mit der Weltseele. Und ebenso erhält man über die Wirkungen, welche die Künste auf die Entwickelung des Menschengeistes ausüben, nur ungenügende Vorstellungen. Denn die Wirkung der vollendeten, reinen Kunstwerke ist reiner Genuss, worüber denn nichts weiter zu sagen ist, aber die speziellen Wirkungen der sich lebendig entwickelnden Künste auf die Kultur der Menschheit treten so nicht hervor und erscheinen darum als unverhältnismässig gering gegen die der Sprachkunst, der hellsten der Künste, bei der sie am leichtesten zu bemerken sind. Es ist nicht ratsam, den Begriff des Wortes Kunst in jeder Weise zu pressen und zu verengern, wie denn das Altertum sowohl in der Theorie wie namentlich in der Praxis für den Begriff seiner téxvn und ars das Ineinanderspielen von Handwerk und Kunst durchaus zugelassen hat. –

Wir nun haben es hier allein mit der Kunst der Sprache zu thun, müssen jedoch, ehe wir deren Entstehen behandeln, einige Erörterungen allgemeinerer Natur vorausgehen lassen, um das Gesetz ihrer Entwickelung zu begründen. So wichtig es nämlich für die scharfe Auffassung des Begriffes der Sprache ist, dass man ihr erst dann diesen Namen giebt, wenn sie als Menschensprache sich von anderen, unvollkommneren Lautäusserungen der Menschenseele, wie sie uns etwa mit den höheren Tiergeschlechtern gemein ist, unterscheidet, so notwendig ist es doch andererseits, diese noch nicht artikulierten Laute – wie auch den Ersatz, den etwa Gebärden für sie bieten sollen – mit in Betracht zu ziehen, wenn man die

Gerber, die Sprache als Kunst. 2. Aufl.

Entwickelung des Menschen bis zur Hervorbringung der Sprache hin begreifen will. Denn diese Entwickelung ist eine stetige, und das Gesetz, welches in jenen Lauten überwiegend noch als Naturnotwendigkeit wirkt, hört nicht auf, die Kraft, welche sie erzeugte, schwindet nicht beim Eintreten der dem Menschen allein eigentümlichen Sprache, sondern sie erhält dann nur an den Akten der menschlichen Freiheit eine stets zunehmende Beteiligung des Ich, welches endlich das naturgegebene Material als blosses Mittel für seine Werke verbraucht.

Da haben wir denn zu untersuchen, in welchem Verhältnis die Lautäusserung des Menschen zu der Entwickelung seines Geistes steht, wie also der Laut die Lebensakte der Seele bedingt, und wie diese den Laut bedingen. Wir fassen also dieses Verhältnis als das einer Wechselwirkung, wobei wir uns des Misslichen bewusst sind, was mit dieser Bezeichnung verbunden ist. Das Wort, wie auch die weitere, sich anschliessende Betrachtung lässt als der Zeit nach abwechselnd erscheinen, was doch zeitlich nicht zu bestimmen ist. Wechselwirkung ist nicht zeitlicher Wechsel; sondern gegenseitiges Hervorbringen, Bedingen, Fördern ist gemeint. Goethe („Sprache in Prosa. Abt. 4.“) sagt: „Die grosse Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen ist, dass man immer das Innere und Aussere parallel, oder vielmehr verflochten betrachten muss. Es ist immerfort Systole oder Diastole, Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens; kann man es auch nicht aussprechen, so beobachte man es genau und merke darauf.“ –

Was wir als Kraft und Stoff unterscheiden, ist eins nicht ohne das andere; je nach unserer Betrachtung erscheint alles als Kraft, alles als Stoff, wirklich sind jedoch beide nur in ihrer Durchdringung; sie erschaffen, bedingen, erneuern und erhalten einander. Und so sind Leib und Seele, des Menschen Stoff und Kraft, wenn sie einander entgegengestellt werden, blosse Abstraktionen; sofern der Leib Einheit ist und als Einheit wirkt, heisst er Seele, sofern diese Einheit sich zu einer Vielheit gliedert und als solche erscheint, wird sie Leib genannt; sofern die Seele wahrnehmend ist, tritt sie hervor als Sinnesorgan, und umgekehrt schaffen und bedingen die Sinnesorgane die wahrnehmende Seele. Das Leben selbst ist nichts als solche sich beständig schaffende, sich beständig aufhebende Einheit von polaren Gegensätzen, als Attraktion und Repulsion, deren eine wir dem Geist, die andere dem Körper zusprechen. Diese nämlich unterscheidet unsere Abstraktion als das Bestimmende und das Bestimmte oder Bestimmbare, während doch in Wirklichkeit nur beides in Einheit ist, und zwar als lebendiges Individuum. In diesem lebendigen Individuum ist also der Leib keineswegs als passiv zu denken, vielmehr wirkt er die Seele – und nur als diese Wechselwirkung von Leib und Seele wird das Leben begriffen.

So finden sich denn in allen Lebensäusserungen des Menschen die Momente der Selbstbestimmung, welche der Seele zugeschrieben werden, mit solchen der Bedingtheit, Freies findet sich mit Notwendigkeit verflochten, und die Entwickelung des Menschen erfolgt ebensowohl von innen nach aussen, wie von aussen nach innen; gewisse Stufen leiblicher Entwickelung müssen erreicht sein, damit die entsprechenden geistigen Thätigkeiten wirklich d. h. wirksam werden können.

Was nun vom ganzen Menschen ohne Nötigung von aussen her geschaffen, mit Freiheit gestaltet wird – und dies ist das Wesen der Kunst und so auch der Sprache – das zeigt als des Menschen Abbild auch denselben Charakter sowohl der Freiheit als der Bedingtheit, ist ebensowohl dem Menschen natürlich, d. h. notwendig, wie dem Vogel das Singen, als es andererseits mit Freiheit das Individuum ausspricht, verleiblicht ebensowohl die Seele, als es den Leib vergeistigt.

Und wie durch den Prozess der Wechselwirkung die Entwickelung des Menschen überhaupt zur Reife gebracht wird, so vollzieht sich durch eben diesen Prozess auch die Entwickelung des Menschen von der Natursprache, in welcher ein Minimum des Ich sich bethätigt, bis zur Sprache als Kunst, welche den Menschen wesentlich ausspricht.

Das Gesetz der Wechselwirkung von innen und aussen ist ein sehr allgemeines. .

Hegel hat in Auffassung dieser Verhältnisse viel Schönes. Man sehe z. B. wie er („Wissenschaft der Logik“ Bd. 2. p. 171 bis 177) an dem Verhältnis des Ausseren und Inneren nachweist, dass es lediglich Reflexionsbestimmungen sind, mit denen man hier zu thun hat, und dass erst die Identität der Erscheinung mit dem Inneren eine Wirklichkeit ist. Verwandter Art sind die Betrachtungen über die Wechselbeziehung intensiver und extensiver Grössen bei Trendelenburg („Logische Untersuchungen“ Bd. 1 p. 292 sq.), durch welche er an einer Reihe von Beispielen zeigt, dass sich das Intensive immer in ein Extensives kleidet, das ihm entspricht. Der intensivere Druck überwältigt den Widerstand einer grösseren Masse. Die intensivere Wärme erfüllt einen grösseren Raum. Die intensivere Helligkeit verbreitet sich weiter“ cet. „Der intensivere Wille stellt sich in der rascheren That oder in dem sich steigernden oder länger dauernden Widerstand dar. Das intensivere Talent ist vielseitiger oder schafft mehr und besser“ cet. Es heisst am Ende: „Hiernach sind intensive und extensive Grössen unzertrennlich. Die intensive ohne die extensive wäre eine qualitas occulta, die extensive ohne die intensive eine ausgegossene Vielheit ohne Einheit des Ursprungs. Intensive und extensive Grösse sind eine und dieselbe Bestimmtheit, nur nach zwei verschiedenen Seiten hin betrachtet. Der Sprachgebrauch darf uns hier nicht irren, wenn er die Einheit auflöst und einzelne Seiten für sich als extensiv oder intensiv bezeichnet“ cet.

Wie nun alles Leben auf solcher Wechselwirkung beruht, ist sichtbar. Auch der Baum wächst nicht bloss von innen heraus, sondern durch beständige Wechselwirkung des erzeugten Stoffes mit der erzeugenden Kraft. Ansehnliche Grösse eines Gewächses ist so nur möglich, wenn es ihm gelingt, die Zellen des Stengels zu verholzen, so dass dieser zum Stamm wird. Auch das Laub ist nicht bloss Zeichen normaler Entwickelung, sondern ebensowohl Bedingung für sie. Bäume z. B., welche durch Insektenfrass ihr Laub verlieren, kränkeln und sterben ab. Schilfrohr wird dadurch ausgerottet, dass man es oft abmäht.

Bei den höheren Tiergattungen kann beobachtet werden, dass die Jungen von den Eltern zu Lebensäusserungen, wie sie ihrer Art entsprechen, angeleitet werden, sowohl zu denen der Glieder als der Stimme, denn erst hierdurch machen sich diese reif, gelangen sie zum wahren Verstande ihrer Gattung.

So nun beruht auch die Entwickelung des Menschen auf der Wechselwirkung von Kraft und Stoff, Seele und Leib, derart, dass ein Äusserliches verinnerlicht wird und dieses wieder zu einem Äusseren sich gestaltet. Jeder Fortschritt im Innern wird hervorgebracht durch die Veräusserung des Gehaltes der vorigen Stufe,

Form sich verinnerlicht habe, d. h. in das Bewusstsein eingetreten sei. Es ist dies normal, und andere Weisen der Entwickelung erscheinen einseitig und kränkelnd.

Es ist ja diese Form, welche wir Ich nennen, als Gehalt eben nur ihre Äusserung. Darum sagt Goethe: „Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachtung niemals, wohl aber durch Handeln. Suche deine Pflicht zu thun, und du weisst gleich, was an dir ist.“

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