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erwünschten Erfolg, nämlich den Sieg über die Trojaner zuwege. Wer kann bey dem allen noch zweifeln, ob auch Homer in feinem ganzen Gedichte diese moralische Wahrheit habe zum Grunde legen wollen: die Mishälligkeit unter den Großen eines Volkes, ist verderblich; 'die Fins tracht aber überaus zuträglich: Und dieses ist die Zergliederung des ersten homerischen Heldengedichtes; so wie sie von den scharfsinnigen Kunstrichtern, nämlich dem Aristoteles, le Boffu und Dacier vorlängst gemacht worden. Und man muß sich wundern, wenn andere gelehrte Männer neuerer Zeiten, auch wohl solche, denen Homer billig bekannter hätte seyn sollen, ihn bisweilen einen griechischen Meistersanger, oder Fabelhans genennet; ja ihn wohl gar mit unserm Hans Sachs verglichen haben: mit dem er doch nicht die allergeringste Aehnlichkeit hat,

5. §. Aus der Odyssee hat uns Aristoteles selbst folgen= den kurzen Auszug gemacht: Ulyffes, der mit vor Troja gewesen, wird auf seiner Rückreise vem Neptun verfolget, welcher ihn durch Sturmwinde und Ungewitter aller seiner Gefährten beraubet: so, daß er endlich ganz allein in mancherlen Gefährlichkeiten herum schweifen, und eine lange Zeit von Hause abwesend seyn muß. Indessen ist in seiz nem zerrütteten Ithaka alles in Unordnung. Die Lieb. haber seiner Gemahlinn verprassen alle ihr Vermögen, und stehen seinem Sohne Telemach selbst nach dem Leben: bis er endlich in armseliger Gestalt nach Hause fömmt, von etlichen erkannt wird, etliche betrügt, seine Feinde er mordet, und sein Reich wieder in Ordnung bringt. Diese Fabel begreift alfo das Lob des klugen und standhaften Ulvfses in sich; dessen Abwesenheit seinem Reiche so verderblich, dessen Rückkunft aber demselben so vortheilhaft gewesen: wie abermal der Poet im Anfange felbst angezeiget hat, wenn er nach orazens Uebersehung, die Muse so anruft: Dic mihi Mufa virum, captæ poft tempora Troja, Qui mores hominum multorum vidit & urbes,

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6. §. Diese Odyssee begreift eine Zeit von neun und funfzig Tagen, oder beynahe zween Monathen in sich, und dauret also etwas länger, als jene; weil der Zorn Achills, als ein Affect, unmöglich so lange dauren konnte, als eine Reise, nebst der Wiederherstellung eines Reiches. Doch ist die Absicht des Poeten, nicht nur den Helden zu loben, fondern eben unter diesen Erzählungen seine moralischen Lehren zu verstecken. Er will den Griechen benbringen: daß die Abwesenheit eines Hausvaters oder Regenten ůble Folgen nach sich ziehe; feine Gegenwart aber sehr ersprießlich sey. Damit nun diese Abwesenheit nicht dem Ulysses zum Vorwurfe gereichen könnte: so hat er ihn in solche Umstände gefeßt, daß er wider seinen Willen abwesend seyn muß. Er hatte, als das Haupt seiner Armee, vor Troja ziehen müssen: und als er nach geendigtem Kriege eben zurück wollte, so konnte er nicht; weil ihm Neptun zuwider war, und bald Circe, bald Ralypso, bald der König Antinous ihn aufhielten,, daß er nicht nach Hause konnte, so sehr ihn auch därnach verlangte. Le Clerc tadelt also in seinen Gedanken über die Poesie, die ich in der krit. Beytr. VII. B. überseht geliefert, dasjenige am Homer, was ein besonderes kob verdienet, daß nämlich) Ulyß wider feinen Willen abwesend gewesen. Indem aber der Poet theils den Helden, durch die lange Erfahrung zu einer vollkommenen Klugheit gefangen; theils seine Penelope und den jungen Telemach so viele Proben ihrer Tugend ausstehen; theils sowohl Ulyssens Gefährten, als die Buhler der Königinn, durch ihre eigene Schuld umkommen läßt: so wird fein Gedicht für hohe und niedrige erbaulich; und man kann mit Horazen billig sagen: Homer sey ein Scribent,

Qui, quid fit pulcrum, quid turpe, quid utile, quid non?
Plenius & melius Chryfippo & Crantore dicit.
Lib. I. Ep. 2.

7. §. In Somers Fußtapfen haben zwar unter den Griechen verschiedene andere treten wollen: ihre Schriften Gg s

aber

aber sind, weil sie die Kunst nicht verstanden haben, alle verlohren gegangen. Aristoteles hat uns in seiner Dicht kunst das Andenken etlicher solcher Gedichte aufbehalten ; indem er ihre Fehler angemerket: da wir sonst nichts von ihnen wissen würden. Unter andern gedenkt er einer kleinen Ilias, darinn Lesches, ein Lesbier, wie ihn Eusebius nennet, den ganzen trojanischen Krieg beschrieben; und die, ungeachtet dieses so weitläuftigen Vorhabens, doch gegen Homers Gedicht, nur eine kleine Jlias genennet worden. Ohne Zweifel hat es diesem Verfasser an dem rechten Begriffe, von einer guten epischen, das ist, moralischallegorischen Fabel gefehlt: daher er sich denn gleich ein gar zu großes Werk unternommen, welches in einem einzigen Gedichte unmöglich nach Würden ausgeführt werden konnte. Er war also ein Scriptor Cyclicus geworden, wie oraz Dichter dieser Art nennet. Die übrigen Fehler dieses, und anderer übel gerathenen griechischen Heldengedichte, muß man im Aristoteles selbst nachsuchen.

8. §. Unter den Römern hat Virgil das Herz gehabt, fich an die Epopee zu wagen; und die Geschicklichkeit be fessen, dem somer so vernünftig nachzuahmen, daß er ihn in vielen Stücken übertroffen hat. Und dieses war fein Wunder, da er bereits zu viel feinern und gesittetern Zeiten lebte, da man weit bessere Begriffe von Göttern, Tugen den und Lastern, und von allem, was groß, schön und schäß. bar war, hatte. Seine Absicht mochte wohl gewesen seyn, dem Augustus, als dem Stifter eines neuen Reichs, die Eigenschaften eines großen Helden und Regenten vorzubile den; und dadurch die grausame Gemüthsart ein wenig zu dåmpfen, die der Kaiser in seinen ersten Jahren spüren ließ. Er nimmt also die gemeine Sage der Römer für bekannt an, daß Aeneas nach Italien gekommen sey, und bauet seine ganze Fabel darauf. Diesen konnte er nunmehr als den Stifter der römischen Monarchie vorstellig machen, und ihn so abschildern, wie er selbst wollte, damit er nur seine moralische Wahrheit dadurch ausführen könnte: Lin Stif

ter

ter neuer Reiche müsse gottesfürchtig, tugendhaft, fanftmüthig, standhaft und tapfer seyn. So hat er uns nun seinen Aeneas auf der See, in Sicilien, Africa und in Italien abgebildet. Er ist fast überall ein frommer und gnådiger; aber dabey unerschrockner Held. Die wenigen Einwürfe, die le Clerc dagegen macht, können aus den Opfergebrauchen der Alten beantwortet werden. Turnus ist gegen ihn ein trogiger Starrkopf; Mezenz aber ein gottloser ehrvergessener Bösewicht zu nennen. Will man also die Aeneis ein Lobgedicht des Aeneas nennen: so war es doch nur ein erdichteter Aeneas, der mehr zeigte, wie ein Regent seyn soll; als wie einer wirklich gewesen war. Und dadurch wird eben seine Fabel moralisch und lehrreich: weil Augustus und alle übrige Großen der Welt, ihre Pflichten daraus abnehmen konnten.

9. §. Unter den Römern haben sich noch Lucanus, Statius und Silius in der epischen Poesie versuchen wollen; aber mit sehr ungleichem Fortgange: und das zwar wiederum aus Unwissenheit der Regeln, die sie doch in Ariftorels Poetik und im somer und Virgil, als ihren Vorgängern, leichtlich hätten finden können. Starius nimmt sich nicht vor, eine moralische Fabel, sondern einen ganzen Lebenslauf Achills zu besingen; ohne eine weitere Absicht, als diese: daß er seinen Helden durch die Erzählung seiner Thaten loben will. Er sammlet derowegen aus den alten Scribenten alles zusammen, was vom Achill jemals gesaget worden, und ordnet es nach der Zeitrechnung; beschreibt es auch in einer so schwülstigen Schreibart, daß man erstaunet, wenn man seinen rasselnden Dunst gegen Virgils gelindes Feuer hålt:

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Magnanimum Aeacidam, formidatamque tonanti
Progeniem, & vetitam patrio fuccedere cœlo,
Diva refer! Quamquam acta viri multum inclyta cantu
Mæonio, fed plura vacant. Nos ire per omnem,
Sic amor eft, Heroa velis.

10.§..

10. S. Es ist also mit dem Inhalte dieses vermeynten Heldengedichtes eben so beschaffen; als wenn jemand einen Lebenslauf von der Maus schreiben wollte, der in den åsopischen Fabeln so oft gedacht wird. Dieser könnte auch die Mufe anrufen, ihm alle die Thaten dieses berühmten Thieres kund zu thun. Aesopus hätte zwar hier und da etwas berühret; Homer und Rollenhagen hätten desgleichen gethan: aber er hätte Lust, alles aufs vollständigste zu beschreiben, und also etwas Vollkommeners zu Stande zu bringen. Le Bossu hat eine solche lange Kette von Fabeln zusammen gesezt, und den Helden derselben, aus des Homers Batrachomyomachie, Meridarpar genennet: wie man auf der 80. und folg. S. nachlesen kann. So wenig aber ein folch zusammengestümpeltes Werk Homers Batrachomyomachie, oder unserm Froschmäuseler, oder nur der geringsten åsopischen Fabel vorzuziehen seyn würde: eben so wenig ist Statius mit seiner Achilleis, dem Virgil oder Homer an die Seite zu sehen.

11. §. Ein gleiches kann man vom Lucan sagen. Sein pharsalischer Krieg ist eine wahrhafte Historie, von einer unlängst vorgefallenen Schlacht, zwischen dem Casar und Pompejus. Er erzählt dieselbe in der gehörigen Zeitordnung, und vertritt also die Stelle eines Geschichtschreibers, nicht aber eines Poeten. Hier ist gar keine allgemeine moralische Fabel zum Grunde gelegt: folglich ist auch seine Pharsale kein Gedicht, sondern eine in hochtrabenden Verfen beschriebene Historie; die zwar in der That viel schöne Gedanken in sich hält, auch zuweilen in einigen Stellen die Natur gut genug nachahmet, z. E. wenn er den Cato in den lybischen Wüsteneyen von Hammons Orakel reden läßt; allein überhaupt den Namen einer Epopee niemals wird behaupten können. Eben das könnte auch vom Claudian mit seinem Raube der Proserpina, imgleichen von dem Silius Italicus, der den punischen Krieg in Versen beschrieben hat, gewiesen werden; wenn es die Mühe verlohnte, daß man sich daben aufhielte. Weit mehr Lob

verdient

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