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mit einem Zusaße 100 neuer Fabeln in Versen heraus. Bald darauf lieferte uns Daniel Holzmann, sonst Xylander, des Bischofs Cyrillus 95 Fabeln, die er unter dem Titel Spiegel der natürlichen Weisheit, 1574. in Augspurg herausgab. Auch Eyering hat noch 1601. in feinen deutschen Sprüchwörtern, die er in Versen erklåret, eine Menge davon einfließen lassen. Und wer will alle die neuen Uebersehungen zählen, die wir davon bekom men haben?

8. §. Indessen habe Aesopus so viele davon gemachet, als er will: so hat er doch die Ehre, daß sie von ihm die åsopischen Fabeln heißen, und daß sie sich allezeit in ihrer Hochachtung erhalten haben. Und ob er sie gleich nur in ungebundener Schreibart geschrieben, so haben doch alle seine Nachfolger sich um die Wette bestrebet, fie theils in Verse zu bringen, theils darinnen nachzuahmen. Unter die berühmtesten derselben sind unter den Engländern Roger l'Estrange, unter den Franzosen, la Fontaine, und la Morte; unter den Deutschen aber Stoppe, Herr Hofr. Triller, Herr von Hagedorn, und Herr Prof. Gellert, zu zählen. Einige von diesen haben fremde Fabeln und Erfindungen auf eine neue Art in Verse gebracht; andre aber haben eigene und neue erdichtet; andre aber auch Erzählungen mit eingemischet. Ich könnte von unsern Landsleuten noch viel mehrere nennen, die sich in diesem Felde geübet; wenn sie nicht entweder gar zu schlüpfrige Züge håtten mit einfließen lassen, die, wider den Endzweck der guten Fabel, mehr zu Verderbung, als Besserung der Sitten dienen, und also Fabulæ peccare docentes heißen möchten; oder doch sonst viel zu schlecht wåren, an jene Meister zu langen. Doch verdient der so betitelte deutsche Aesop, der in dem 1740 Jahre zu Königsberg herausgekommen, nicht ganz vergessen zu werden; weil viel schöne Stücke darinnen find. Von alten deutschen Fabeln, die lange vor der Wiederherstellung der Wissenschaften, theils aus dem Aesop übersehet, theils neu geschrieben worden, hat uns Scherz, in Straßburg eine

Samm

Sammlung 1704. in 4. ans Licht zu stellen angefangen *; aber bey der 51sten aufgehöret: da doch ihrer viel mehrere waren. Ich besige etliche alte Handschriften von denselben; und werde sowohl davon, als vielen andern geschriebenen Ueberbleibseln unsrer Alten, in meiner Historie der deutschen Sprache, Dichtkunst und Beredsamkeit, zu seiner Zeit, mehr Nachricht geben.

9. §. So ernsthaft nun die åsopischen Fabeln ihrer Absicht und Einrichtung nach sind: so possenhaft und üppig find hingegen die sybaritischen gewesen, von welchen ich noch etwas sagen muß. Sybaris war eine Stadt, im untern Theile von Italien, oder der sogenannten Græcia magna. Hieher waren, wie Herodot berichtet, die weichlichen und wollüftigen Sitten der Jonier und Asiater schon vorher gedrungen, ehe noch das eigentliche Griechenland damit angestecket worden. Die Zärtlichkeit in der Lebensart, die Leckerhaftigkeit in Speise und Trank, und die Ueppigkeit selbst hatten bey diesem Volke dergestalt überhand genommen, daß auch die Fabeln ihrer wißigen Köpfe davon angestecket wur den. Sie vergaßen also den moralischen Zweck ihrer ersten Erfinder und Meister, und verwandelten sie in ein Possenwerk. Die Sybariten wollten nur lachen; daher gefiel ihnen nichts, als was lustig war: wie Fontenelle dieses in seinen Gesprächen der Todten, wo Milo und Smindiride, die Sybariterinn, mit einander sprechen, gar fein abgeschildert hat. Daher bemüheten sich auch ihre Dichter nur spaßhafte Fabeln zu machen. Hesychius giebt in einer sehr verderb ten Stelle zu verstehen, daß Aesopus nach Italien gekom. men; und als seine Fabeln daselbst viel Beyfall gefunden, håtte man ihnen einen andern Schwung gegeben, und sie fybaritische genennet. Worinn aber die Veränderung be standen, sagt er nicht. Suidas glaubt, sie hätten den asopischen ähnlich gesehen: aber er irret ohne Zweifel. Der

alte

* Der Titel heißt: Philofophiæ nunc primum in lucem publimoralis Germanorum medii evi cam productum. Argentor. 1704. Specimen primum, ex Manufcripto in 4.

alte Scholiast des Aristophanes faget: Die Sybariten hätten sich der Thiere in ihren Fabeln bedienet; so wie Aeso pus, der Menschen. Allein die Stelle ist ohne Zweifel verderbet; denn wer weis nicht, daß Aesopus sich der Thiere bedienet hat? Eben das bestårket Aristophanes im folgenden; da er den Philokleon eine åsopische, und eine fybaritische Fabel erzählen läßt, wo denn in der ersten Thiere, in der andern aber Menschen vorkommen.

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10. §. Aelian soll uns also durch eine Probe lehren, wie sie ausgesehen haben: „Ein Kind zu Sybaris, heißt es, gieng mit seinem Hofmeister über die Straße; und da es ,, einen Menschen sah, der gedörrte Feigen verkaufte, stahl ,, es ihm eine weg. Der Hofmeister gab ihm einen derben Verweis darüber, nahm ihm die Feige weg, und aß sie ,, selbst." Diese Fabel nun besteht aus menschlichen Personen, und hålt noch eine Lehre in sich, so spaßhaft sie auch ist; und wenn sie alle so gewesen wären, so hätte man nicht viel dagegen zu sagen. Allein sie wurden allmählich so geit, daß selbst Ovidius eine von der Art unter die allerüppigsten Stücke rechnet, die er gesehen. Viele Gelehrte glauben, er habe von dem Werke eines gewissen Sybariten Hemitheon geredet, dessen auch Lucian, als eines rechten Zotenkråmers gedenket. Allein dieses Buch war kurz vorm Ovidius gemachet, und Sybaris war schon von den Crotoniaten fünfhundert Jahre vorher zerstöret worden. Hemicheon hätte auch eher ein Thurier, als ein Sybarit heißen sollen; weil er aus Thurium war, welches die Athenienser nahe an der Stelle gebauet hatten, wo Sybaris gestanden hatte; wenn er nicht solche sybaritische Zoten geschrieben hätte. Oder vieleicht ist auch dieß ovidische Zotenwerk noch sonst von einem Römer, nach sybaritischer Art ge= schrieben gewesen; wie nachmals unter den Kaisern mehrere dergleichen Ueberschrift geführet. Die Römer nåmlich hatten schon zu Ovids Zeit ihre Sitten sehr zu verderben angefangen, und fielen unter den folgenden Kaisern immer tiefer in die Schwelgerey und Uéppigkeit. Sonst findet man

noch,

noch, daß diese Fabeln sehr lakonisch, das ist, in sehr kurz gefaßter Schreibart abgefasset gewesen.

11. §. Soll ich nun mein Urtheil davon sagen: so ist es eben nicht sehr zu bedauren, daß diese sybaritischen Fabeln so gar vrlohren gegangen: wofern nicht irgend die berühmte Matrone von Ephesus, die uns Perron aufbehalten hat, zu dieser Zahl zu rechnen ist. Denn ungeachtet die mensch lichen Personen, die darinnen vorkommen, nicht schlechterdings zu tadeln sind; ja lange vor den Sybariten, vom Na than, dem klugen Weibe von Thekoa, u. a. m. gebrauchet worden: so ist doch das possenhafte und geile Wesen derselben auf keine Weise zu billigen. Die Dichtkunst ist um edlerer Absichten halber erfunden worden, als bloß die Menschen üppiger und wollüstiger zu machen: und auch ohne Zuchun der Poeten können sich die Sitten der Völker nur gar zu sehr verderben. Weit gefehlt also, daß man hier eine Anleitung finden sollte, wie sie zu verfertigen wären; so will ichs vielmehr allen angehenden Dichtern ernstlich widerrathen, ihre Muse niemals so tief zu erniedrigen, daß sie eine Dienstmagd der Geilheit, oder eine Kupplerinn ab geben follte. Einen bloßen Possenreißer zu spielen, ist eben= falls kein rühmliches Handwerk, und kann den sogenannten Pritschmeistern überlassen werden, die långst unter uns ehrlos geworden. Wie sehr wäre es zu wünschen, daß auch Fontaine in seinen Erzählungen, die größtentheils sybaritisch genug flingen, und andre wikige Köpfe unter uns, ihre Federn nicht so erniedriget hätten, der Unflåterey Vorschub zu thun! Ich nenne keinen, meyne aber alle, die sich mehr oder weniger mit den Lastern so gemein gemachet; daß sie fich hier getroffen finden. Es ist gewiß ein elender Ruhm, den man sich durch Zoten erwirbt, und, wie Rachel sagt: Durch solche Bubenposten,

Die auch kein Hurenwirth sollt hören unverdrossen.

12. §. Nun muß ich überhaupt die Regeln solcher åsopia schen Fabeln geben, so wie sie von den besten Meistern in

dieser Art beobachtet worden. Daher werde ich zuerst sagen: Man seße sich einen untadelichen moralischen Saß vor, den man durch die Fabel erläutern, oder auf eine sinnliche Art begreiflich machen will. So sind die ältesten und besten Fabeln, Jothams, Nathans, Acfops, Lockmanns, Pilpays u. a. m. Die Poesie nämlich ist in diesen ältesten Zeiten die Philosophie des menschlichen Geschlechtes gewesen. Man suchte den gemeinen Mann zu unterrichten, und ihm die sittlichen Wahrheiten, unter angenehmen Bildern beyzubringen. Die Fabeln schickten sich nun sonderlich dazu, um die an sich bittern Lehren, gleichsam zu verzuckern. Sie führen auch eine solche Ueberzeugungskraft bey sich, daß man schwerlich an demjenigen zweifeln kann, was einem ein folcher Wolf, oder Fuchs, ein Lamm, oder Hund nicht so wohl prediget, oder einschärfet, als vielmehr in seinem eigenen Beyspiele als wahr oder gerecht, als klüglich oder thoricht angefangen darstellet. Bey dieser so reinen als lób. lichen Absicht der weisen Alten, muß man die Fabeln zu erhalten suchen. Alle Völker haben ihre Mährlein gehabt, wodurch Mütter und Wårterinnen ihren Kindern zuerst die Tugend einzuflößen gesuchet. Rollenhagen gedenket in der Vorrede zu seinem Froschmäufeler, des altdeutschen Mährleins vom frommen Aschenpåssel und seinen spottischen Brüdern; vom albernen und faulen Heinzen, vom eisernen Heinrich, von der alten Teidhartinn u. d. m. die nur immer mündlich fortgepflanzet worden, und nun bereits vergessen zu seyn scheinen. Wie übel also diejenigen thun, die auf gut sybaritisch, Fabeln zu Ausbreitung der Ueppigkeit und Geilheit misbrauchen, und ihren Lesern nichts als Wein, Wolluft und Ehebruch predigen, kann ein jeder, der es mit dem menschlichen Geschlechte gut meynet, zur Gnüze ermessen: da auch Heyden, ja unter ihnen der sonst so unzüchtige Ovid, in seinen Verwandlungsfabeln, die Tugend allezeit geschonet, und von den Lastern mit Abscheu geredet haben.

13. §.

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