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Erstes Buch. Deutschland.

(Fortsetzung.)

IV.

Vom Jahre 1848. bis heute.

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Die Kirche war mit dem deutschen Staatswesen zu innig verbunden, als dass nicht die Krisis, welche d. J. 1848. dem letzteren brachte, auch die erstere hätte mitumfassen müssen.

Auf alle Fälle erschien das zukünftige Schicksal der Kirche bedroht. Siegte der alte Polizeistaat und die Büreaukratie, so war zu erwarten, dass die Bande, welche die Kirche an den Staat fesselten, noch straffer würden angezogen werden. Behielt die radikale Demokratie die Oberhand, so hatte die Kirche den Kampf gegen die Zertrümmerung zu bestehen, und selbst der gemässigte Liberalismus liess zwar durch die Unklarheit seiner kirchlichen Principien die kirchliche Organisation Vortheile hoffen, aber doch nur, wenn die Leiter der kirchlichen Bewegung nach einmüthigem Plane und ihres Zieles bewusst vorgingen.

Zu diesem Zwecke berief der Erzbischof von Köln schon im Mai 1848. eine Versammlung seiner Suffragane nach Köln '). Recht deutlich zeigte es sich da, wie wenig die bisherigen Concessionen der Preussischen Regierung die Kirche befriedigt hatten. Man hatte jene als Abschlagszahlungen willig angenommen, hielt aber jetzt die Hand begehrlich geöffnet, um die Frucht in Empfang zu nehmen, welche die politischen Verlegenheiten der preussi

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1) Das Protokoll der Verhandlungen im Arch. f. kath. KR. N. F. 15., 117. ff.

schen Regierung für die Kirche gezeitigt hatten. Die preussischen Bischöfe der Kölner Provinz wollten keine Trennung von Staat und Kirche, aber Loslösung der letzteren aus den Armen des Staates. Kein Placet mehr, keine appellatio ab abusu, keine staatliche Pfründenbesetzung und vor allen Dingen keine staatliche Schule 1).

Je höher aber so die Ziele waren, die man sich kirchlicherseits gesteckt hatte, um so mehr sah man den Verhandlungen des Frankfurter Parlamentes bangend entgegen.

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Am 21. August begannen hier die grossen auf das Verhältniss von Staat und Kirche sich beziehenden Debatten %). Die Stellung der Parteien war sehr von einander verschieden, und dennoch zu dem gleichen Ziele hinstrebend.

Die katholische Fraction wusste fast allein, was sie wollte. Sie warf den anderen Parteien die Freiheit der Kirche als Lockspeise hin, und zu einer Zeit, wo die magische Gewalt des Wortes Freiheit alle Herzen beherrschte, war der Verstand nicht immer in der Lage, das überwallende Gefühl zu bemeistern.

Die katholischen Wortführer characterisirten die Kirche lediglich als eine Association, welche auf alle Befugnisse der Vereinsfreiheit Anspruch zu machen habe. Sie thaten, als ob ein neuer Staat mit neuen Bausteinen zusammengetragen werden solle. Dass ein historisches Gemeinwesen mit historischen Prätentionen, dass die Kirche mit ihren göttlichen Ansprüchen in Frage stehe, wurde nicht berücksichtigt.

Die liberale Partei ging auf die kirchliche Freiheit ein; auch protestantische Männer, welche das frühere büreaukratische Regiment über die Kirche hassten, schütteten so das Kind mit dem Bade aus. Ueberhaupt stand die liberale

1) Die Versammlung beschloss die Forderung aufzustellen: »Das ganze Schulwesen müsse unter Aufsicht und Leitung der Kirche gestellt werden, also auch die Bildung, Prüfung, Anstellung und Entsetzung der Lehrer.« a. a. 0. 120.

2) Wigard, Stenograph. Bericht üb. d. Verhandl. d. deutsch. constituirend. Nationalversamml. (Leipzig 1848.) 3., 1632. ff.

Partei noch in den politischen Kinderschuhen. Sie glaubte die schwierigsten Fragen durch eine abstracte vieldeutige Formel lösen zu können, und sie meinte eine vortreffliche Lösung gefunden zu haben, wenn diese auf dem Principe der Freiheit beruhe.

Auch war das Belgische Vorbild nicht ohne tiefwirkenden Einfluss. Die Belgische Verfassungsurkunde, das Prototyp des constitutionellen Staatswesens, garantirte die kirchliche Freiheit: Grund genug für die liberale Partei, diese Phrase zu adoptiren.

Neben der katholischen Partei verfolgte klare Tendenzen nur noch die radikale Partei. Ich bin für die Trennung der Kirche vom Staat, so erklärte Vogt aus Giessen, allein nur unter der Bedingung, dass überhaupt das, was Kirche genannt wird, vernichtet werde. In der That wollte man das Kirchenthum als solches beseitigen, so musste es zuvörderst vom Staate losgelöst und ihm die frühere staatliche Stütze entzogen werden.

Allerdings fehlte es in der Frankfurter Versammlung auch nicht an Männern, welche warnend ihre Stimme erhoben.

Die Trennung der Kirche vom Staate, erklärte Sylvester Jordan ), so wie die Kirchen jetzt sind, führt zu keinem Ziel, weil sie praktisch unfruchtbar, ja sogar gefährlich ist, weil dann die Kirchengewalt in ihren Privatund Sonderzwecken würde freier fortmanipuliren können, als es bisher schon der Fall war.

Und der baierische Cultusminister von Beisler sprach das durch die späteren Ereignisse nicht wenig bestätigte Wort 2): Wenn Sie die Verfassung der Kirche lassen, wie sie ist, und die Kirche vom Staate trennen ; wenn Sie, was ebenfalls verlangt wird, die Schule mit hinübergeben ; wenn Sie, was wieder verlangt wird, ein Wahlgesetz auf breitester demokratischer Basis bis in die unterste Hefe des Volkes hinab beifügen; wenn Sie noch das freie Associationsrecht und das Einkammersystem geben: dann ... haben Sie

:

1) a. a. 0. 1646. ff. 3) a. a. 0. 1662. ff.

die Priesterherrschaft fertig gemacht; Sie werden aber dem Christenthum eine Wunde geschlagen haben, wie sie ihm seit achtzehn Jahrhunderten nicht geschlagen worden ist.

Aber die Worte dieser Weishauptschen MuminatenSpätlinge, wie der Erzbischof von Köln sie zu nennen beliebte 1), verhallten wirkungslos.

Das Parlament fügte den Grundrechten als . 14. den Satz ein:

Jede Religions-Gesellschaft (Kirche) ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig, bleibt aber wie jede andere Gesellschaft im Staate den Staatsgesetzen unterworfen. Neue Religionsgesellschaften dürfen sich bilden; einer Anerkennung ihres Bekenntnisses durch den Staat bedarf es nicht. Keine Religionsgesellschaft geniesst vor andern Vorrechte durch den Staat. Es besteht fernerhin keine Staatskirche.

Das Mass der gewährten Freiheit befriedigte indessen den deutschen Episcopat keinesweges. Namentlich wurde die durch die Grundrechte ausgesprochene Trennung der Schule von der Kirche so wie die Civilehe zu schmerzlich empfunden, als dass man nicht gemeinsame Gegenmassregeln für nothwendig befunden hätte.

Auf den Rath katholischer Mitglieder des Parlaments

darunter auch eines Rathes der katholischen Abtheilung des Preussischen Cultusministeriums - traten am 22. October die deutschen Bischöfe zu gemeinsamer Berathung in Würzburg zusammen ?).

Ueber das Placet wurde in der zweiten Sitzung am 24. October verhandelt. Es erfuhr eine einstimmige Verurtheilung. Es war Döllinger, welcher die Versammlung ermunterte, ohne Rücksicht auf die gesetzliche Feststellung des Placets dasselbe factisch zu beseitigen. Der Bischof von Limburg wollte sogar eine darauf abzielende Formel in die an das Volk zu erlassende Erklärung aufnehmen. Man beschloss aber hier nur zu sagen:

Die versammelten Bischöfe behaupten das unveräusser

1) Denkschrift desselben im Arch. f. kath. KR. N. F. 15., 134. 2) Die Protokolle im Arch. f. kath. KR. N. F. 15., 150. ff.

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