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Die Ausstattung des Werkes ist gut, ein ausführliches Inhaltsverzeichniß, sowie ein Personen-, Orts- und Sachregister erleichtern seinen Gebrauch; doch hätte dem Drucke viel größere Sorgfalt zugewendet werden dürfen.

Dr. Jos. Schniper.

LXXXVI.

Ein neues Drama „Maria Stuart“.1

Der Wahrheit eine Gasse! Dieser Gedanke hat vor allen andern dem Dichter vorgeschwebt, der sich die schwierige Aufgabe stellte, die Schicksale der unglücklichen Königin von Schottland in dramatischer Weise so vorzuführen, daß sie von allen ihr angeschwärzten und angedichteten Flecken rein vor den Augen der Nachwelt dastände. Dieser Gedanke hat ihm die Feder in die Hand gezwängt, jedes Wort, das er seinen Personen in den Mund legt, zeugt von seinem energischen Streben, der Wahrheit die Ehre zu geben. Mußte in der That darauf sein Hauptaugenmerk gerichtet sein? Oder gehört es überhaupt zur Aufgabe und zur Competenz der Dichtung, sich um die Wahrheit zu fümmern? Sind Wahrheit und Dichtung nicht Begriffe, die sich ausschließen, die diametral einander gegenüberstehen? Man behauptet es, man wvill für den Dichter die absolute Freiheit der Phantasie in Anspruch nehmen, so daß er in seinem Reiche als unbeschränkter Herrscher schalten und walten darf. Wohl, es sei so! aber dann bleibe diese Freiheit auch nur auf sein eigenstes Reich, auf das der Phan

1) Maria Stuart. Trilogie. I. Maria Stuart, Königin voa Schottland. Geschichtliches Drama in drei Aufzügen von H. Cornelius. Paderborn 1896. 161 S. II. James Stuart. Geschichtliches Drama in fünf Aufzügen von H. Cornelius. Paderborn 1897. 124 S.

tasie beschränkt! Sobald der Dichter festen Boden betritt, sobald er sich auf das Gebiet der Geschichte begibt, gilt für ihn, was für alle andern gilt: er muß sich dem Höheren unterordnen, an den Säulen darf er nicht rütteln, die Wahrheit darf er nicht verzerren, sonst ist er ein Fälscher, wie alle Andern, die, der ernsten Forschung und den bündigsten Beweisen zum Troß, sich nur vom Vorurtheil oder dem Fanatismus leiten lassen, um dorthin zu gelangen, wo sich ihren Parteizwecken günstige Aussichten eröffnen. Eine Poesie, die solchen Zwecken dient, ist verwerflich wie die Lüge selbst, mag sie auch im prunkenden Gewande heuchlerischer Schönheit gleißen. Damit ist aber natürlich nicht gemeint, daß die Poesie, welche der Wahrheit dient, des schönen Gewandes entrathen darf. Es ist nicht des Dichters Sache, trockenes, weitläufiges und ver= worrenes Aktenmaterial herbeizuschleppen, sondern er soll, die Ergebnisse der unparteiisch-historischen Forschung gewissenhaft benüßend, seinen Stoff nach den Regeln der Kunst in übersichtlicher Weise ordnen and gruppiren, die Geschehnisse in lebendiger Handlung vorführen und durch die gewaltige Macht des flangvoll tönenden Wortes, durch die mächtige Wirkung der mit vollendeter Kunst gehandhabten Sprache den Leser oder Hörer ergreifen, fesseln, hinreißen, überzeugen.

Beim Erscheinen des ersten Bändchens der Maria StuartTrilogie haben wir den kühnen Wagemuth des bis dahin völlig unbekannten Dichters, neben Schiller in die Schranken zu treten, nicht wenig angestaunt, aber so hoch Schiller auch als Dramatiker stehen mag, daß er als Historiker der Maria Stuart nicht in allen Punkten gerecht geworden ist, wird allgemein anerkannt. Eine historisch treue Maria in dramatischer Beleuchtung zu zeichnen, blieb daher eine Aufgabe, wie eine schönere kaum an einen Dichter herantreten kann. Der Wagemuth allein thut es aber nicht, es gehört auch eine eminente Kraft dazu, eine solche Aufgabe zu bewältigen. Der erste Eindruck, den die Lektüre der „Maria Stuart" macht, ist in mancher Beziehung ein recht günstiger, während es anderseits an Bedenken und Fragezeichen nicht fehlt. Der Verfasser hat seinen Shakespeare gründlich studirt und ihm seine gewaltige Sprache in etwa abgelauscht; auch darin ist er ihm gefolgt, daß er nicht

Hiftor. polit. Blätter CXXI. (1898.)

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ängstlich danach gefragt hat, was darzustellen möglich oder unmöglich sei.

Es ist jedoch ein äußerst schwieriges Stück Arbeit, die erdrückende Fülle des Stoffes, welchen die Geschichte öfters und auch in diesem Falle darbietet, dramatisch so zu verarbeiten, daß der Leser und noch weit mehr der Hörer zum Verständniß gelangt und ohne zu große Anstrengung zu folgen vermag.

Bei der Lektüre des ersten Theiles habe ich mich gefragt, ob die ganze Kette der Verschwörungen, die der ruchlose James Stuart angezettelt, um seine schuldlose Schwester zu vernichten, überhaupt dramatisch zu verarbeiten möglich sei? Im Drama können die Motive des Handels nur flüchtig angedeutet werden, gar vieles muß als bekannt vorausgesezt werden, nur Kenner der Geschichte sind im Stande, dem Flug des Autors, der seine Scenen fortwährend kaleidoskopisch wechseln läßt, zu folgen.

Der beste Interpret seines Werkes ist der Dichter selbst, Lassen wir ihm einen Augenblick das Wort:

"

In ähnlicher Weise wie Shakespeare in seinen Königsdramen die Geschichte in den Vordergrund stellte, wollte ich es bezüglich der Maria thun und zwar, da Schiller ihre Gestalt verzerrt hat, gründlich. Eben dieses großen Vorgängers wegen durfte ich nicht einfach Maria gegen Maria stellen; nein, ich mußte es so thun, daß der Leser sich sagen muß: so und nicht anders ist es gewesen. Daher die Trilogie, daher die Unmenge des Stoffes und der Motive. Ich wählte das Drama, denn dieses allein bot mir Ausdruck, die Personen plastisch, die Seelenbewegungen eindringlicher darzustellen, als ein Epos es vermocht hätte. Die Fülle des Stoffes zwang mich, da ich immerhin einen gewissen Raum zu respektiren hatte, kaleidoskopisch Bild an Bild zu reihen, der Meinung, daß der Faden dem aufmerksamen Leser nicht verloren gehen würde, da Maria überall der Mittelpunkt ist und Alles sich einzig auf sie bezieht. Was den Aufbau betrifft, so hoffe ich den Anforderungen der Dramaturgie im Großen genügt zu haben. Wie die Trilogie, entbehrt auch das einzelne Drama nicht der Exposition, Höhe, Peripetie und Katastrophe. Präludirend tritt schon bei Maria's Ankunft die Verfolgung und ihr eigener

wohlwollender Charakter als Grundlage des Ganzen hervor. Die Verfolgung wird fortgesezt und es fallen zunächst Maria's thatkräftige Anhänger. Darauf baut sich die Handlung auf. Maria hat tragisch in ihrem sorglosen Vertrauen auf den Bruder die Grundlage ihrer Existenz durch die Preisgabe des treuen Huntly vernichtet; sie hat sich versündigt und darum hat die ewige Gerechtigkeit,. Maria wegen ihrer Tugend verklärend, sie zu herben Leiden und dem blutigen Tode verurtheilt. Dieses strenge Urtheil wird für Maria zur höchsten Gnade, weil sie sich ihm vorbehaltlos unterwirft."

Der erste Aufzug des ersten Dramas muß als Exposition der ganzen Trilogie angesehen werden; Maria's Befreiung aus Lochleven im dritten Aufzug des zweiten Dramas ist der Höhepunkt, während in der Flucht nach England gleich darauf die Peripetie gegeben ist; als Katastrophe folgt im dritten Drama die Hinrichtung.

Im ersten Drama wird Maria's Vereinsamung dargestellt; in der Ermordung Riccio's ist der Höhepunkt zugleich mit der Peripetie, in der Ermordung Darnley's die Katastrophe gegeben.

Aus dieser flüchtigen Besprechung geht genugsam hervor, daß sich der Dichter der Kunstanforderungen, welche das Drama an ihn stellt, sehr wohl bewußt ist, zugleich auch, wie er redlich bestrebt war, denselben nach Möglichkeit gerecht zu werden.

Wir wollen uns, was den ersten Theil betrifft, auf diese wenigen Worte beschränken, da es in der Absicht des Dichters liegt, diesen später einer Umarbeitung zu unterziehen.

Im zweiten Theil seiner Trilogie hat C. den Beweis seiner Befähigung für die hohe Aufgabe, die er sich gestellt, in vollem Maße erbracht. Fanden wir an dem ersten Theil eine zu große Breite auszusehen, kam es uns vor, als wenn der Leser sich in der vielverschlungenen und dadurch nicht rasch genug voranschreitenden Handlung nur schwer zurechtzufinden vermöchte, in James Stuart" ist alles knapp und klar mit großen und scharfen Strichen gezeichnet; der Fallstrick, in welchem das königliche Wild eingefangen werden soll, knotet und verschlingt sich immer mehr, das verhängnißvolle Endschicksal vorahnen

lassend; die niederträchtigen Motive des Schurken Murray treten mit unheimlicher Deutlichkeit zu Tage, die Fruchtlosigkeit des Widerspiels der Königstreuen macht sie wie ein hemmendes Bleigewicht fühlbar, die Königin selbst erscheint mehr und mehr im Lichte der historischen Wahrheit als das unschuldige Opfer der Verleumdung, der Gewalt und der schändlichsten Intriguen, während von Scene zu Scene ihre Seelengröße wächst und sich des öftern in wahrhaft königlicher Weise offenbart. Auch Sprache und Versbau dieses zweiten Theiles beweisen, daß der Dichter fortwährend ernstlich darauf bedacht war, sein Werk nach allen Richtungen hin zu vervollkommnen.

Wollten wir ins Einzelne gehen, so hätten wir einen großen Reichthum an schönen und treffenden poetischen Bildern zu vers zeichnen, während der Stellen, an welchen der dichterische Schwung ermattet, verhältnißmäßig wenige sind. In die jambischen Blankverse sind zahlreiche Reime eingeflochten, was durch kein ästhetisches Gesez verboten werden kann, sondern dem Gefühl des Dichters überlassen bleiben muß; nach unserem Gefühl würde freilich die Sprache an Kraft und Ungezwungenheit gewinnen, wenn die Reime seltener wären, um gewissermaßen als musikalischer Schlußaccord auszutönen. Doch das sind im Grunde Nebensachen. Im Ganzen ist das Drama „James Stuart" nach Anlage, Aufbau, dramatischer und sprachlicher Durchführung als durchaus gelungen zu rühmen.

Wenn der dritte Theil, Maria's blutiges Ende unter den Händen der grausamen Elisabeth, sich in gleich würdiger Weise diesem zweiten anschließt, was wir bei dem Talent und dem zielbewußten Vorgehen des Dichters nicht im mindesten bezweifeln, so wird die dramatische Literatur Deutschlands mit einem hochbedeutenden Werk bereichert sein, das sich auch neben Schiller kühn blicken lassen darf und ihn zu ergänzen geeignet sein würde, wenn die moderne Bühne den Werken der katholischen Dichter nicht in lächerlichem Dünkel zumeist einen Riegel vorschöbe.

C. v. Heemstede.

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