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und erblicken die Aufbesserung ihrer Lage blos in der Möglichs keit, selbst Grundbesizer, wenn auch einer winzigen Ackerfläche, zu werden und den eigenen Grund und Boden zu bebauen. So haben viele, ihrem Herzenstriebe folgend, sich auf den fast ungangbaren Abhängen der Sierra Morena aufgeschlagen, indem sie dort zwischen Felsblöcken, in der Nähe einer Quelle, eine Hütte ans Baumzweigen und Lehm errichteten und unter unsäglichen Mühen ein kleines Stück Land urbar machten, den Lebensunterhalt gewinnend für sich und die Familie, arm zwar, aber frei und unabhängig, eigene Herren auf eigener Scholle. Die ganze Sierra Morena ist mit solchen Niederlassungen, Ranchos, bedeckt".1)

Es gehörte schon in jenen Jahren der „eigene Volkscharakter" dazu, daß es troß Allem zu einem veritabeln Umsturz in Spanien bisher nicht kam, und namentlich die spanische Soldateska, welche aus dem Bauernstand und der niedern Bürgerschaft hervorgeht, ihren alten Ruhm sich treu bewahrt hat. Das hätten die Nordamerikaner sich sagen lassen können, die mit ihrem Militärwesen den Spott herausfordern. Das spanische Volk ist verarmt, aber seiner katholischen Vergangenheit nicht untreu geworden, der spanische Staat ist seit mehr als zwei Generationen unter der Mißregierung der liberal-freimaurerischen Parteien tief heruntergekommen. Vor allem auch zum Staatsbankerott. Schon in dieser Hinsicht ist es ein Räthsel, wie Spanien auch bei einem nur halbwegs günstigen Ausgang der Bedrängung durch das übermächtige Nordamerika über die Schwierigkeit hinüber kommen könnte. Aber auch abgesehen von der andern Frage, ob Monarchie oder Republik, steht die ganze Zukunft Spaniens auf dem Spiel, insoferne es ein nothwendiger Bestandtheil Europa's war. Um die Existenz des alten Spaniens handelt es sich überall auf dem ganzen Erdenrund. Nicht nur die iberische Halbinsel ist durch die Raubthat der nordamerikanischen

1) Correspondenz des Wochenblatts der Frankfurter Zeitung" vom 15. April 1894.

Union gefährdet mit allen ihren Zugehörungen im Stillen Ocean und im Atlantischen Meere, sondern auch die nächste Nähe des alten Europa würde dabei betheiligt seyn. Hört man doch schon flüstern, was aus Marocco werden würde? Das geht uns armen Europäern gerade noch ab, daß wir auch noch mit der Yankee-Republik am Tische sizen müßten.

LXXXV.

Kurfürst Philipp Christoph von Trier.

Gewiß zu den eigenartigsten Persönlichkeiten der an hervorragenden Männern nicht armen Zeit des 30 jährigen Krieges gehört Philipp Christoph von Sötern, der als Bischof von Speyer von 1610-53, als Kurfürst von Trier von 1623-53 in die Geschicke des deutschen Vaterlandes mächtig einzugreifen berufen war. Mit glänzenden Geistesgaben, durchdringendem Scharfsinn, immer reger geistiger Spannkraft und seltener diplomatischer Gewandtheit ausgestattet, hätte er zu Gunsten seiner Kirche, seines Kaisers und seiner Staaten eine außerordentlich segensreiche Thätigkeit entfalten können, wäre er nicht durch seine Geld-, Rach- und Herrschsucht sowie durch seinen greisenhaften Starrsinn auf Bahnen gelenkt worden, die ihn und seine Unterthanen zu den beklagenswerthesten Unfällen und Mißerfolgen führen mußten. Besonders war es sein Bündniß mit Frankreich, namentlich aber sein Versuch, den Cardinal Richelieu zu seinem Coadjutor und zum Dompropst von Trier zu machen, was ihm schon bei Lebzeiten lauten Unwillen und heftigen Tadel, ja die Anschuldigung des Hochverraths am Reiche eingetragen hat. Es mußte reizen, das Leben und Wirken eines so merkwürdigen Mannes zu erz forschen und darzustellen; doch wurde erst in jüngster Zeit

eine eigene Monographie in Angriff genommen, deren erster Band uns bereits vorliegt.1)

Der Verfasser zerlegt seinen Stoff in zwei Hauptabtheilungen; die erste behandelt die äußere Politik (S. 57—375), während die zweite, dem Umfange nach weit kürzere, die innere Politik Söterns, seine Beziehungen zu einzelnen Körperschaften und Gebieten im Bereiche seiner geistlichen Staaten, zu den Landständen, adeligen und gelehrten Räthen, zu den Juden, zur Abtei St. Maximin und zu Speyer zum Gegenstande haben (S. 377-474). Bei Darlegung der äußeren Politik des Kurfürsten geht Baur in richtiger Würdigung des Umstandes, daß ohne genügende Kenntniß der allgemeinen Ereignisse eine zutreffende Beurtheilung der besonderen, speyerischtrierischen Vorfälle nicht zu erreichen ist, in der Weise zu Werke, daß er in jedem Abschnitte zuerst die allgemeinen Ereignisse, dann die speciell trierischen Vorgänge vorführt. Die Einleitung unterrichtet über den Kurstaat Trier zu Anfang des 17. Jahrhunderts, über seine politische und kirchliche Ausdehnung, Bodenbeschaffenheit, Einwohner, über die inneren und äußeren kirchlichen Verhältnisse und Beziehungen, bespricht dann Söterns Vorgänger Lothar von Metternich (1599-1623) und seine Stellung zu den deutschen Begebenheiten, um endlich die trierische Neuwahl von 1623 und Söterns Vorleben zu behandeln. Es ist keine überhaftete Arbeit, was der Verfasser uns bietet; kann er sich doch auf das horazische: Nonum prematur in annum berufen. Seit dem Jahre 1889 be= schäftigt er sich mit ihr und ließ es sich angelegen sein, sich nicht nur mit der reichen Literatur vertraut zu machen, sondern auch theils in persönlichen, theils schriftlichen Verkehr mit den bedeutendsten Archiven zu treten. Wir können dem Verfasser unsere wärmste Anerkennung, ja aufrichtige Bewunderung nicht versagen, daß er neben der vielseitigen und anstrengenden An

1) Philipp von Sötern, geistlicher Kurfürst zu Trier, und seine Politik während des dreißigjährigen Krieges. Von Joseph Baur. Erster Band. Bis zum Frieden von Prag (1635). Speyer, Dr. Jäger, 1897. 8o. XXIV u. 493 S. Mit einem Bildnisse Sötern's und einer Karte des Kurfürstenthums Trier.

forderungen, wie sie die Seelsorge besonders an größeren Orten an einen jungen Priester zu stellen pflegt, noch Zeit, Lust und Kraft gefunden hat, so weitgreifenden geschichtlichen Studien zu obliegen, wie wir auch nicht anstehen, sein Buch als einen recht dankenswerthen Beitrag zur Geschichte des 30jährigen Krieges willkommen zu heißen.

Wird auch das Bild, das wir uns bisher von Sötern zu entwerfen pflegten, durch Baur's Zeichnung in seinen wesentlichen Zügen nicht verändert, so gebührt letterer doch das Verdienst, durch genaueres Eingehen auf die Entstehung und Entwicklung der verschiedenen, für den ersten Blick oft so überraschenden Thatsachen eine vielfach etwas billigere Beurtheilung des Kurfürsten zu ermöglichen. Wir überzeugen uns, daß Philipp Christoph von Haus aus gut kaiserlich und deutsch gesinnt und nichts weniger als ein Feind der Spanier war, daß er aber allmählich, nicht ohne Schuld der letteren selbst, zu einem Bunde mit Frankreich gedrängt wurde. Ein derartiger Schritt hatte zu damaliger Zeit bei der losen Verbindung der einzelnen deutschen Gebietstheile mit dem Reiche, bei der selbstsüchtigen Interessenpolitik der Fürsten, beim Darniederliegen des deutschen Nationalbewußtseins nichts Befremdliches und wurde von protestantischen wie katholischen Reichsständen ungescheut unternommen, so oft es der eigene Vortheil zu erheischen schien. Da Trier dem Ansturme Gustav Adolf's nicht gewachsen war und daher dieses Land, besonders das so wichtige Ehrenbreitstein, in die Hände der Schweden zu fallen Gefahr lief, so gönnte der Kaiser selbst diesen Besit lieber noch den Franzosen als den Schweden, und auch der Papst nahm an Sötern's Zusammengehen mit Frankreich, obgleich dieses die Schweden im Kampfe gegen die deutschen Katholiken, den Kaiser und die Liga, unterstüßte, nicht nur keinen Anstoß, sondern billigte ausdrücklich diese Haltung. Aber den Gelüsten Richelieus nach der trierischen Kur sezte der hl. Stuhl kräftigen Widerstand entgegen, und Philipp Christoph selbst gewahrte mit geheimer Schadenfreude das Scheitern der französischen Bemühungen, welchen wenigstens nach außen hin Vorschub zu leisten die Verhältnisse ihn ge= zwungen hatten (S. 328 A. 1). Dabei wollte es ein eigen

thümliches Verhängniß, daß er, der den Anspruch erhob, in seinen Landen Kaiser und Papst zu sein, und sich zur Behauptung seiner Selbständigkeit auf Seiten Frankreichs gestellt hatte, gerade von diesem die verschiedensten Uebergriffe sich gefallen lassen mußte und vor der Uebermacht der ihn hassenden Spanier doch nicht den nöthigen Schuß fand, so daß er schließlich in ihre Hände fiel und Jahre lang gefangen gehalten wurde. So ist es ein buntes, wechselreiches Bild, das der Verfasser, dem die Gabe fesselnder Darstellung in hohem Grade zu eigen ist, an unsern Augen vorüberführt.

Die Sprache des Verfassers ist ruhig und würdig; absichtlich ist er jeglicher Art von Polemik aus dem Wege ge= gangen. Doch sind uns einige Gallicismen aufgefallen; so sagt man deutsch nicht: die Städte von Trier und Koblenz, wie man in einem deutschen Buche nicht P. Josephe schreiben sollte. Die Vertheilung des Stoffes scheint uns keine glückliche zu sein. Baur sagt selbst, die Thätigkeit eines Organismus nach außen hänge von der inneren Energie ab, welche er be sigt; er weist nach, wie Söterns Bruch mit Spanien durch sein Verhältniß zu St. Maximin, zu seinen Landständen und seinem Domkapitel mitveranlaßt war; verhielt es sich also, dann wäre es doch wohl natürlicher gewesen, der Schilderung der äußeren Politik die Darstellung seiner inneren Wirksamkeit vorauszuschicken, wodurch das Verständniß der erstern nur erleichtert worden wäre, statt, wie er thut, diese für Söterns Stellung grundlegenden Wirren erst am Ende des Buches zu entrollen. Sodann hätte der geistlichen Thätigkeit Sötern's als Erzbischof doch wohl ein breiterer Spielraum eingeräumt werden dürfen; und wenn wir mit dem Verfasser durchaus einverstanden sind, daß er bei Schilderung der trierischen politischen Händel die allgemeinen Ereignisse hereinzog, so durfte er diese doch nicht mit so großer Breite und Weitschweifigkeit behandeln, sondern mußte sich begnügen, sie in wenigen, scharfumrissenen Zügen zu zeichnen. Aufgefallen ist uns, daß Baur seinen Helden stets nur Philipp nennt, während derselbe doch Philipp Christoph getauft wurde und gewöhnlich benannt wird; die Bezeichnung „geistlicher“ Kurfürst von Trier ist ein Pleonasmus, da es einen weltlichen Kurfürsten von Trier nicht gab.

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