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Fortlebens Christi in seiner Kirche. Bald war Notre Dame ihm wiedergegeben, seinem Opfer, seiner Gegenwart und der Anbetung durch die Seinen. Draußen arbeitete die hohe Politik in ihrer Weise weiter daran, die Völker zu „beglücken", drinnen war wiederum Er der unsterbliche und allmächtige Tröster der Mühseligen und Beladenen. Es fam aber auch bald die Stunde, wo hier im Kirchenschiff, das von der Carmagnole wiedergehallt hatte, der öffentlichen Meinung zur Zeit der liberalen Juli-Monarchie eine Huldigung vor der christlichen Wahrheit abgenöthigt wurde. Von 1834 ab stund der große Mann auf der Kanzel von Notre-Dame, der die Söhne und Enkel der Generation Voltaire's zu Tausenden um sich versammelt, Gläubige und Ungläubige, die Anbeter und die Zweifler", die Voltaire auf dem Titel einer seiner Schriften genannt hat, katholische Männer, Jünglinge zumeist, und halbausgeschlafene Weltmenschen.

Wie Sonnenlichtfluthen an Frühlingstagen durch die hohen Domfenster sich ergießen, so leuchteten die Gedanken und die Worte Lacordaire's durch die weiten alten Hallen. Sie nahmen ihren Ausgang von jener Aufklärung, die einst gejagt hat:,,Ego sum lux mundi". Die Kirche Jesu Christi, schreibt Lacordaire's Biograph,1) welche das 18. Jahrhundert jo tief erniedrigt zu haben glaubte, daß sie der Verachtung erlegen, vom Hohn getödtet zu sein schien, tragen nun die Schwingen der Beredsamkeit und des Genies wiederum zu jolcher Höhe empor, daß selbst der erstaunte Unglaube Ehrfurcht und Bewunderung kaum zu verjagen vermochte. Als Lacordaire 1846 von der Person des Heilandes zu sprechen. begann, die Voltaire verhöhnt und bespieen, die Revolution gegeißelt und gefreuzigt hatte, leuchtete in der That in jeinem Herzen und in seiner Rede Ostersonnenglanz auf.

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Gerne gedenkt man der erhabenen Worte, mit denen er sich im Eingang jener Predigt an den Erlöser gewendet hat. „Seit zehn Jahren spreche ich zu dieser Zuhörerschaft von deiner Kirche und habe doch immer im Grunde von dir gesprochen. Nun aber komme ich endlich unmittelbar zu dir; zu diesem göttlichen Bilde, das täglich Gegenstand meiner Betrachtung ist, zu deinen heiligen Füßen, die ich so häufig gefüßt, zu deinen holden Händen, die mich so oft schon gesegnet, zu deinem dornen- und ruhmgekrönten Haupte; zu diesem Leben, dessen Duft meine Kindheit umwob, dessen Verständniß mein frühes Jugendalter verlor, das spätere wiedergewann, das mein Mannesalter anbetet und allen verkündigt. Stehe mir bei, mehr als je, mein Herr und mein Meister, damit die Worte, die ich spreche, Zeugniß ablegen von deiner wunderreichen Nähe." In diesen Worten pulsirt der katholischen Renaissance innerste, unversiegbare und unüberwindliche Lebenskraft.

Beim Rückblick auf das Zeitalter der Aufklärung und des Liberalismus erinnert man sich unwillkürlich an das Gotteswort im Psalm: Ich sah den Gottlosen stolz und hocherhoben, wie die Libanonceder. Vorbei schritt ich, und siehe, schon war er dahin; ,,transivi et ecce non erat". (Pf. 36, 36.)

Robert Nostiß S. J.

X.

Der kunstlicbende Klosterbruder.

Eine literarhistorische Studie.

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Gerade vor hundert Jahren erschien in der Unger'schen Buchhandlung in Berlin ein kleines Büchlein mit dem seltsamen Titel: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders". Man findet es jezt ge= wöhnlich nur in größeren Bibliotheken, wo es in tiefer Verborgenheit einen friedlichen Schlummer schläft, den höchstens ein strebsamer Germanist oder Kunsthistoriker einmal störend unterbricht. Heute sieht es dem bescheidenen, fast löschpapieren und gelb gewordenen Ding freilich kaum jemand an, daß es einst in der deutschen Geistesentwicklung Epoche gemacht hat. Allein die Gedanken, welche diese vergilbten Blätter enthalten, wirkten in der That vor hundert Jahren wie der Flügelschlag eines Vögleins, der eine Lawine ins Rollen bringt. Von den Herzensergießungen" ging jene hochgesteigerte Begeisterung für Kunst und Dichtung des deutschen Alterthums aus, die am Anfang unseres Jahrhunderts in der Literatur wie in der bildenden Kunst cine ganz eigenartige, tiefgreifende Revolution hervorrief. Von den nämlichen Herzensergießungen" stammen auch die ersten Anregungen für die religiöse Bewegung in der deutschen Romantik, welche die ersten Decennien des 19. Jahrhunderts in Literatur und Kunst beherrschte. Der Verfasser des

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anonym erschienenen Büchleins heißt Wilhelm Heinrich Wackenroder.

Wackenroder, ein Berliner, war der Sohn eines hohen Beamten, des geheimen Kriegsrathes und Justizbürgermeisters. 1773 ist sein Geburtsjahr. Er studiert mit seinem gleichalterigen Freunde Ludwig Tieck, dem späteren poetischen Großmeister der deutschen Romantik, am Friedrich-Werder'schen Gymnasium. Verwandte Anlagen und gleiche Neigungen waren das einigende Band zwischen den jungen Seelen. Eine innige, zärtliche, schwärmerische Freundschaft verbindet bald die beiden. Tieck beginnt bereits als Gymnasiast eine unheimlich fruchtbare dichterische Thätigkeit. Novellen, Dramen, lyrische Gedichte schüttelt er nur so aus dem Aermel. Dem Freunde Wackenroder, dem stillen, bescheidenen, bleichen Jungen will dagegen kein leidlicher Vers gelingen. Um so tiefer und inniger weiß er sich aber genießend in dichterische und musikalische Schöpfungen anderer zu versenken. Schon vor seiner Universitätszeit fängt er auch an, ein wenig Altdeutsch zu lernen. Er nimmt Privatstunden beim Pastor Koch, dem. Verfasser einer einst vielgelesenen deutschen Literaturgeschichte. Das Studium des Altdeutscher gehörte damals noch zu den Seltenheiten in Deutschland. Ueber der Antike, über der griechischen Kunst und Dichtung, die seit Winckelmann und Lessing alle Geister im Banne hielten, hatte man das heimische Alterthum so gut wie vergessen. Auch die Bestrebungen Herders und des jungen Goethe, die in Straßburg einst für deutsche Art und Kunst" schwärmten und mit den Manen Erwins von Steinbach geniale Zwiesprach hielten, wirkten nicht ins Weite.

Tied fam ein Jahr früher als sein Freund auf die Universität, er wandte sich der freundlichen Musenstadt Halle zu (1792), während Wackenroder noch ein Jahr in Berlin zurückbleiben mußte, da ihn sein gestrenger Herr Vater noch nicht für universitätsreif hielt. Dieser Trennung der beiden Freunde verdanken wir einen Briefwechsel, der uns die

interessantesten Aufschlüsse über ihr Denken und Fühlen, ihre Freundschaft und ihre Ideale gewährt. (Abgedruckt bei Holtei „Briefe an Ludwig Tieck" 4. Bd. 169 ff.) Die weiche, bescheidene, schüchterne, mädchenhaft-zärtliche Art Wackenroders contrastirt merkwürdig mit der lebhafteren, kecken. kühn und phantastisch aufstrebenden Geistesrichtung Tiecks. Zu diesem männlichen, reiseren Genossen sieht Wackenroder mit rührender demüthiger Ehrfurcht auf, er schwärmt den vergötterten dichterischen Genossen mit einem sentimentalen Gemüthsüberschwange an, der heute jeden Primaner zum Stichblatte übermüthiger Collegen machen müßte. Allein vor hundert Jahren fühlte man anders. Wir sind da im Jahrhunderte „Werthers" und Sigwarts" und da konnte ein Student dem andern sagen: Dein Brief hat mir unaussprechliches Vergnügen gemacht, ja, er hat mich wirklich bis zu Thränen gerührt. Wenn Du weißt, wie weich ich bin, wirst Du mir das glauben. Tieck, ich bin entzückt, daß Du mich so liebst! Werther sagt ganz himmlisch schön, daß er sich selber an= betete, wenn seine Geliebte ihm die Neigung ihres Herzens fund thäte, und er wiederholte sich einmal über das andere die Worte: lieber Werther, in dem Tone, wie sie sie ihm ausgesprochen hat. O Tieck, ich möchte mich selber anbeten, wenn ein Mensch wie Du, dessen Worte mir Drakel sind, mich so mit dem veredelten Bilde meiner selbst in Rausch und Taumel verseßt“.

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Kunst und Literatur beherrschen Wackenroders und Tiecks Gedankenwelt. Auch bin ich einmal so eingerichtet," bekennt Wackenroder dem gleichgesinnten Freunde, „daß die idealische Kunstschönheit der Lieblingsgegenstand meines Geistes ist, ich kann mich unmöglich von lebhaftem Interesse hingerissen fühlen, wenn ich in den Zeitungen leje, daß die Preußen ist diesen, die Franzosen izt jenen Ort eingenommen haben, und was dergleichen Particularia mehr sind; alles ist mir etwas zu fern, zu wenig sichtbar, geht mir zu langjam, stimmt nicht mit dem idcalischen Gange meiner Phantasie,

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