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theologischen Traktaten des ausgehenden Mittelalters nachzuforschen hatte, weiß, welche Verwirrung bezüglich der Titel und Verfasser dieser Werke in den Handschriftenkatalogen und in den Handschriften selber sich vorfindet. Wie schwierig ist es z. B, die Aechtheit verschiedener Schriften des Nikolaus von Dinkelsbühl, der beiden Heinrich von Hessen und anderer namhafter deutscher Theologen jener Zeit genau festzustellen! Bei Jauer war die Schwierigkeit um so größer, als sogar der Name des schlesischen Magisters von den Abschreibern bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden ist, so besonders in der weitverbreiteten Schrift de superstitionibus. Neben Jauer, Jawer, Javr, Jaer, Jario, Jayr, Jait kommen hier vor Gauer, Gaur, Gawr, Gaer, Giuwer, Ger, Geyer, Kavr und Zavr, endlich Yalbor, Jaulber, Balbu, Falbers und Sawie. Ein solch heilloser Wirrwarr fonnte nur durch einen Vergleich der zahlreichen Handschriften aufgehellt werden. Prälat Franz hat diese Mühe nicht gescheut. Von 58 Handschriften, die den betreffenden Traktat enthalten, hat er nicht weniger als 47 auf verschiedenen Bibliotheken mit eigenen Augen eingesehen. Fürwahr! vor solcher Gründlichkeit muß man Respekt haben.

Dr. Franz ist übrigens ganz zufälliger Weise dazu gekommen, dem schlesischen Gelehrten eine Monographie zu widmen. Bei seinen Studien über die kirchlichen Benediktionen im deutschen Mittelalter stieß er wiederholt auf Jauers Schrift de superstitionibus. Der Inhalt und die weite Verbreitung des Traktats bestimmten ihu, Genaueres über den Lebensgang und die Thätigkeit des Verfassers zu ermitteln. So entstand das vorliegende Buch. Da nun schon auf die nebensächliche Studie eine peinliche Sorgfalt verwendet worden ist, so darf man auf das Erscheinen der Hauptarbeit, die für die Sitten- und Culturgeschichte des Mittelalters von hohem Interesse sein wird, mit Recht ge= spannt sein.

Dr. N. Paulus.

LXXVI.

Zur Ehrenrettung des Dionysins Areopagita.
(Entgegnung.)

Im „Katholik“ zu Mainz erscheinen seit dem Märzhefte dieses Jahres einige kritische Artikel, in denen ich zu beweisen. suchte: a) daß Dionysius Areopagita um das Jahr 350 n. Chr. gelebt und seine berühmten Schriften, die ihm den Ehrennamen „Vater der Mystik“ eingetragen haben, verfaßt habe; b) daß er sich keineswegs für den apostolischen Areopagita, den Schüler des Apostels Paulus (Apg. 17, 33) ausgebe und als solcher angesehen werden wolle, da die Stellen in seinen Schriften, auf die hin man diese Beschuldigung gegen ihn erhoben hat, unrichtig aufgefaßt worden seien; c) daß er daher kein „Fälscher“ oder Betrüger" genannt werden dürfe, im Gegentheile als ein ehrlicher, hochangesehener mystischer Schriftsteller zu schäzen und zu ehren sei.

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Da dieser Nachweis die Haupttendenz der genannten kritischen Erörterungen bildet, so nannte ich sie eine „Ehrenrettung“.

Noch sind diese Artikel im Katholik" nicht vollständig publicirt, und schon eröffnete H. P. Jos. Stiglmayr, Professor am Jesuitengymnasium zu Feldkirch, in diesen Blättern (S. 650 bis 661) eine scharfe Polemik gegen dieselben. Hr. Stiglmayr hatte sich schon im Jahre 1895 in zwei Publikationen an der Controverse über unsern Dionysius betheiligt und darin die Meinung vertheidigt, Dionysius habe in Syrien um das Jahr 490 gelebt und seine Schriften in den Jahren 480-492 verfaßt.

Diese These blieb aber in seiner Polemik gegen mich noch fast ganz unberührt, da meine Bedenken gegen dieselbe damals, als er sie schrieb, noch nicht erschienen waren. Er wandte sich in derselben nur gegen meine Beweisführung, Dionysius gebe sich nicht für den einstigen Rathsherrn des Areopag in Athen aus, indem er zu zeigen suchte, daß meine Auffassung und Begründung der betreffenden Stellen des Mystikers unrichtig sei.

Stiglmayr bleibt also bei der Behauptung stehen, Dionysius bezeichne sich als den wirklichen Areopagita; er wolle die Sonnenfinsterniß, die beim Tode des Herrn eingetreten, zu Heliopolis in Aegypten zugleich mit dem heidnischen Philosophen Apollophanes beobachtet haben, und in Jerusalem bei der Bestattung des Leibes der heiligen Jungfrau Maria zugegen gewesen sein. Aber obwohl sich Dionysius der Unehrlichkeit schuldig mache, indem er sich für einen anderen ausgibt, dürfe er doch nicht ein „Betrüger“ und „Fälscher“, wie man ihn deshalb bezeichnet hat, im strengen Sinne genannt werden. Man urtheile jezt auch wirklich milder über ihn und thue damit ganz recht; denn er habe in guter Absicht gehandelt und nur die neuplatonischen Philosophen nachgeahmt, die keinen Anstand nahmen, dasselbe zu thun. Die Ehre des Dionysius sei also streng genommen gar nicht angetastet.

Daraus wird nun gefolgert, daß es meiner „Ehrenrettung" gar nicht bedurft hätte. „Es erscheint somit“, erklärt Stiglmayr, „die Voraussetzung, auf der Nirschl seine Ehrenrettung aufgebaut hat, als eitler Flugsand" (S. 653). Aber die Ehrenrettung wird von ihm nicht bloß für überflüssig, sondern auch für mißglückt erklärt. ,,Nirschl kämpft mit stumpfen, verbrauchten Waffen“ (S. 654); „er hat selbst den Ast abgesägt, auf dem er sigt" (S. 659). Das Schlußurtheil gibt Stiglmayr dann mit den Worten: Soviel dürfte bereits flar geworden sein, daß der erste Waffengang Nirschl's mißglückt ist. Für den zweiten möge er sich vorsehen, wie den in meinem Programmauffage dargelegten Gründen beizukommen ist, welche die spätere Datirung der Dionysischen Schriften gebieterisch fordern" (S. 661). Stiglmayr fühlt sich also, wie wir sehen, bereits als Sieger, daher seine Mahnung und Warnung an mich; und läßt es auch an großen Worten nicht fehlen.

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Es ist hier nicht schon der Ort, mit neuen ausführlichen kritischen Erörterungen auf die einzelnen Streitpunkte, auf das Unhaltbare seiner Entgegnungen, Auffassungen und Beweisführungen näher einzugehen. Ich beschränke mich daher auf zwei Bemerkungen, von denen ich glaube, daß sie vorderhand genügen dürften.

Dionysius lebte nach meiner Meinung um 350, nach Stiglmayr's Behauptung erst um 490, und war ein sehr angesehener, viel gekannter Schriftsteller. Er bekleidete eine öffentliche Lehrstelle, stand mit Mönchen und anderen geistlichen Personen in Briefwechsel, beobachtete in Heliopolis mit dem genannten Philosophen die erwähnte Sonnenfinsterniß und wohnte in Jerusalem einer großen Versammlung bei, an welcher nicht allein sein Lehrer Hierotheus und sein Schüler Timotheus, sondern auch mehrere Bischöfe, Theologen und andere Lehrer theilnahmen.

Nun bedenke man. Was würden alle diese seine zahlreichen Bekannten und Schüler über ihn geurtheilt haben, wenn er ihnen, selbst in Briefen und Schriften, mittheilte, er sei der einstige Rathsherr vom Areopag und der erste Bischof von Athen; er habe die Sonnenfinsterniß, die bei dem Tode des Herrn eingetreten, in Heliopolis beobachtet; er sei dabei gewesen, als in Jerusalem der Leib der heiligen Jungfrau bestattet worden? Was würden sie von ihm gedacht haben, sie, die um 490 seine Zeitgenossen waren, die, wie nicht zu zweifeln. ist, seine Heimat, seine Eltern und Verwandten, jedenfalls seinen Lehrer Hierotheus und Schüler Timotheus kannten? Sie hätten nicht anders urtheilen können, als daß er entweder frivole Wize mache, oder, da die betreffenden Aeußerungen in ernsthaften Briefen und Schriften vorkommen, daß der berühmte Lehrer und Mystiker nicht mehr völlig gesunden Geistes sei.

Illustriren wir die absonderliche Situation durch ein Beispiel aus der Gegenwart. Was müßten wir von H. P. Stiglmayr halten, wenn er uns im Ernste versicherte, er sei dabei gewesen, als Papst Julius II. den Grundstein zur Et. Peterskirche legte, und habe ihm bei dieser Funktion die Tiara aufgesezt? Ebenso wie wir unter der Voraussetzung

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über Stiglmayr urtheilen müßten, würden die Zeitgenossen über Dionysius geurtheilt haben.

Eine ganz andere Stellung in unserer Frage nahmen die kirchlichen Schriftsteller der patristischen und mittelalterlichen Zeit ein. Sie erklärten unseren Mystiker nicht für einen Schriftsteller des 5. Jahrhunderts, der sich fälschlich für einen Apostelschüler ausgegeben habe, sondern hielten ihn wirklich aus Mißverständniß der fraglichen Stellen für den Areopagita der apostolischen Zeit und für den ersten Bischof von Athen. Daher stand er bei ihnen in großem Anschen als ein erleuchteter, gottbegnadigter Lehrer und Schriftsteller.

Die zweite Bemerkung betrifft Stiglmayr's Siegesbewußtsein. Er thut sich nämlich nicht wenig darauf zu gut, daß seine These von den Gelehrten mit zustimmendem Beifall aufgenommen worden sei, während ich allein stehe, nachdem selbst Hipler die von ihm einst lebhaft verfochtene Meinung, Dionysius habe um 350 gelebt, aufgegeben habe. Er bemerkt hierüber: Von vornherein erscheint demnach Nirschl's Stellung, der noch einmal postquam conclamatum est These in die Schranken tritt, bedenklich" (S. 652).

für die

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Dagegen sei hier zunächst bemerkt, daß nicht die Zahl der Anhänger einer Meinung entscheidet, sondern das Gewicht der Gründe. Mit dem conclamatum est hat es überdies eine eigene Bewandtniß. Es erweist sich nämlich keineswegs so volltönend und überwältigend, wie uns glaublich gemacht werden will; es ist vielmehr bereits ein gewaltiger Mißton aufgetreten, der den Zusammenklang zerstört hat, ohne daß Stiglmayr davon Kunde bekommen zu haben scheint.

Man muß sich wirklich wundern, wie Stiglmayr das conclamatum est noch für sich in Anspruch nehmen will, nachdem schon im verflossenen Jahre ein negatives Urtheil über seine vermeintlich noch siegreiche These gefällt worden ist, und zwar von einer auf dem patrologischen Gebiete anerkannten. Autorität, dem protestantischen Gelehrten Joh. Dräseke, der in einer eigenen kritischen Untersuchung1) gezeigt hat, daß den

1) Theologische Studien und Kritiken 1897, S. 381-409: „Dionysische Bedenken" von Dräseke.

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