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gegen alles Katholische erfüllt. Die Furcht katholisch werden zu müssen, steckt dem Altwürttemberger seit dem vorigen Jahrhundert tief in den Knochen. Sie ist aufs neue wieder lebendig geworden und hat köstliche Früchte gereift, seitdem man darauf rechnen muß, in einer allerdings noch ferne liegenden Zeit ein katholisches Regentenhaus zu bekommen. Da der 1891 verstorbene König Karl sich bestrebte, den Katholiken gerecht zu werden, stand er vielfach im Verdacht, katholisch zu sein.

Der Altwürttemberger hat immer Sorge, verkürzt zu werden gegenüber den Katholiken, obwohl seine Bevorzugung notorisch ist. Er ist daher demokratisch, weil er immer unter dem Einfluß dieser Sorge steht. In der ersten Kammer überwiegt das katholische adelige Element. Begreiflicher Weise ist ihm daher diese erste Kammer nicht sehr sympathisch, obwohl sie gar nie daran dachte und auch nie Gelegenheit hatte, irgendwie protestantische Interessen zu verlegen. Nun hat aber jüngst bei der Verfassungsdebatte im württembergischen Landtag ein Conservativer ausgerufen: Welches Volk hätte sich so lange und so geduldig ein solches Herrenhaus gefallen lassen? Das sei doch ein Beweis für die Friedensliebe des protestantischen Volkes. Als ob es kein Baden gebe!

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LXXV.

Nikolaus Jauer."

Ein schlesischer Gelehrter des ausgehenden Mittelalters

Wir werden wohl den geehrten Lesern dieser Zeitschrift nicht zu nahe treten, wenn wir behaupten, daß bisher die meisten den obengenannten Gelehrten nicht einmal dem Namen nach gekannt haben. Und doch war Herr Prälat Dr. A. Franz in der Lage, über den fast gänzlich verschollenen Mann ein ziemlich umfangreiches und dazu recht interessantes und belehrendes Buch zu schreiben, aus welchem hervorgeht, daß der vergessene Magister eine hervorragende Stellung unter den Theologen des 14. und 15. Jahrhunderts eingenommen hat. Ein neuer Beweis, daß die Gelehrtengeschichte des ausgehenden Mittelalters noch sehr im Argen liegt und daß auf diesem Gebiete noch manches nachzuholen ist.

Nikolaus Magni (Groß), aus Jauer in Schlesien gebürtig und daher, der damaligen Sitte gemäß, gewöhnlich nur Jauer genannt, erblickte das Licht der Welt um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Nachdem er im Jahre 1381 in Prag Magister der freien Künste geworden, wirkte er zuerst einige Jahre als Lehrer in der dortigen Artistenfakultät. Um 1395 wurde er Doktor der Theologie und

1) Der Magister Nikolaus Magni de Jawor. Ein Beitrag zur Literatur- und Gelehrtengeschichte des 14. und 15. Jahrhunderts von Adolph Franz. Freiburg, Herder 1898. XII, 269 S. gr. 8°. (M 5.)

trat nun als Professor in die theologische Fakultät über. Für einen Gelehrten, der in friedlicher Arbeit seine Berufsaufgaben zu lösen suchte, konnte Prag um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts kein Ort freudigen Wirkens sein; denn die Ereignisse, die wenig später, nach dem Auftreten des Johann Hus, die Universität verwirren und das Land in namenloses Elend stürzen sollten, warfen bereits ihre Schatten voraus. Nationale und theologische Zänkereien wurden von Jahr zu Jahr ärger. Unter solchen Verhältnissen war es begreiflich, daß Männer, die den Frieden liebten, an andern Universitäten einen neuen Wirkungskreis suchten. Während einige nach Wien oder Köln zogen, begab sich Jauer nach Heidelberg, wo er 1402 seine Vorlesungen bagann, und nun volle 33 Jahre des theologischen Lehramtes waltete. Am 22. März 1435 schloß der hochbejahrte Magister sein arbeitsvolles und segensreiches Leben.

Bei der Schilderung von Jauer's Thätigkeit in Prag und Heidelberg orientirt Dr. Franz kurz und treffend über die damaligen Verhältnisse an den beiden Hochschulen. Ueber eine ganze Reihe von Männern, die als Lehrer oder Schüler zu Jauer in Beziehung standen, finden sich in dem neuen Werke zuverlässige, oft ganz neue aus handschriftlichen Quellen geschöpfte Angaben. Auch die damalige Lehrmethode wird kurz erörtert. Bei dieser Gelegenheit erinnert der Verfasser, gegenüber älteren und neueren Kritikern der scho= lastischen Methode, an die unbefangenen Ausführungen Paulsens (Geschichte des gelehrten Unterrichts. 2. Aufl. Leipzig 1896. 1, 36 ff.), die in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdienten. Paulsen sagt unter anderm bezüglich der Scholastik: Ueber den Werth dieses Unterrichtsbetriebs ist es schwer, unbefangen zu urtheilen. Die Humanisten sprechen darüber nie, ohne alle Ausdrücke der Verachtung zu erschöpfen, an welchen ihr Latein so reich ist; ihr Urtheil ist bis auf diesen Tag meist als historisches Zeugniß unbesehen angenommen worden. Man könnte ebenjogut das

Urtheil der Romantik über die Aufklärung oder der Socialdemokratie über die heutige Gesellschaft ohne weiteres als authentische Auskunft über Bestand und Werth dieser Dinge aufnehmen. Es ist das Schicksal jeder historischen Gestaltung, von der nachdringenden Lebensform mit Haß und Verachtung beseitigt zu werden.1) Die Aufgabe der Geschichte ist, das Vergangene aus dem zu verstehen, was es für sich selber war, eine Aufgabe, die meist gleichbedeutend sein wird, es zu retten gegen das Urtheil des Nächstfolgenden". Diesen Ausführungen eines protestant= ischen Philosophen kann das Urtheil eines protestantischen Theologen zur Seite gestellt werden. Harnack schreibt in seiner Dogmengeschichte (Bd. III. 3. Aufl. Freiburg 1897. S. 326 ff.): „Die Scholastik ist nichts Anderes gewesen als wissenschaftliches Denken. Daß dieses Denken von Vorurtheilen abhängig war und daß es sich theils gar nicht, theils nur sehr langsam von ihnen befreit hat, theilt die Wissenschaft des Mittelalters mit der Wissenschaft aller Zeiten Die Scholastik des Mittelalters ist einfach Wissenschaft gewesen, und es wird lediglich ein ungerechtfertigtes Mißtrauen dadurch verewigt, daß man diesen Theil aus der allgemeinen Geschichte der Wissenschaft mit einem besonderen Namen meint belegen zu dürfen. Als ob nicht die Wissenschaft überhaupt ihre Stufen hätte, als ob sich die mittelalterliche Stufe durch eine unerhörte und sträfliche Dunkelheit von den übrigen unterschiede! Man kann vielmehr umgekehrt sagen, daß die Scholastik ein einzigartiges, leuchtendes Beispiel dafür liefert, daß das Denken auch unter den ungünstigsten Bedingungen seinen Weg findet, und daß auch die schwersten Vorurtheile, die es niederhalten, nicht

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1) Dies ist auch der Grund, warum die Schriften der Neuerer des 16. Jahrhunderts für die genaue Kenntniß der Theologie und des kirchlichen Lebens des ausgehenden Mittelalters nicht als Quellen dienen können. Und doch wird gegen diese Forderung der historischen Kritik gar oft gesündigt.

stark genug sind, um es zu ersticken. In der Wissenschaft des Mittelalters zeigt sich eine Kraftprobe des Denktriebes und eine Energie, alles Wirkliche und Werthvolle dem Gedanken zu unterwerfen, wie uns vielleicht kein zweites Zeitalter ein solches bietet".

Unter Jauers Schriften, die, mit Ausnahme einer auf dem Konstanzer Concil gehaltenen Rede, alle bisher ungedruckt geblieben sind und aus denen nun F. in einem Anhange mehreres wörtlich mittheilt, verdient eine besondere Erwähnung der Traktat de superstitionibus. Jauer bekämpft in dieser Schrift alles, was in den Gebräuchen des Volkes und in religiösen llebungen den kirchlichen Vorschriften, der christlichen Sitte und der gesunden Vernunft zuwider ist. Die culturgeschichtliche Ausbeute aus der Schrift, wie der nüchterne Biograph hervorhebt, ist bei weitem nicht so groß, als man anzunehmen geneigt wäre; doch bietet dieselbe eine gute Uebersicht über die damaligen theologischen Anschauungen in den dämonologischen Fragen und über den Aberglauben jener Zeit. Wie der Traftat gegen den Aberglauben, so erheben auch die anderen Schriften Jauers keinen Anspruch auf Originalität. Der schlesische Gelehrte war kein Bahnbrecher, fein Mann neuer Ideen, aber erfüllt von Liebe zur Wissenschaft, deren Pflege er in Wort und Schrift sein Leben widmete. Begeistert für das Priesterthum und für die Kirche, gehörte er zu jenen Männern, die eine innere Erneuerung und eine äußere Reform für unbedingt nothwendig hielten und die Gebrechen, an welchen die Kirche litt, schmerzlich beklagten" (S. 199).

Was der Studie, die das verwischte Andenken des edlen Gelehrten neu aufgefrischt hat, einen besonderen Werth verleiht, ist der Umstand, daß dieselbe zum größten Theile auf ungedruckten Quellen beruht. Eben deßhalb war die Ausführung der Arbeit mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden. Schon das bloße Feststellen der echten Schriften Jauers war keine leichte Aufgabe. Wer je ungedruckten

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