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Wenden wir uns von diesem publicistischen Streifzug wieder zu Dreves' poetischer Thätigkeit zurück.

Als Morgengabe seiner Conversion erschienen im Mai 1846 die Lieder der Kirche", deutsche Nachbildungen altlateinischer Originale, die ihn schon früh angezogen hatten, im Ganzen 116 Gesänge von bekannten und unbekannten Verfassern, mit Beigabe des lateinischen Textes. Im Jahre 1849 folgte die Herausgabe seiner eigenen, Gedichte", zu der Jos. v. Eichendorff die bekannte schöne Vorrede schrieb. Die Bekanntschaft Eichendorffs verdankte Dreves, wie so manches Andere, der Freundschaft Jarcke's, der ihn dem schlesischen Dichter mit so warmer Fürsprache empfohlen hatte, daß dieser in liebenswürdigstem Entgegenkommen brieflich sich ihm näherte und nach Kenntnißnahme der neuen ungedruckten Sammlung den Verfasser als poetischen Genossen und Freund begrüßte. "Ihre seelenvollen Gedichte," schreibt er ihm am 24. März 1848, die ich mit einer mir lange nicht gewordenen Freude gelesen habe, find nicht nur des Druckes werth, sondern eine wahre Bereicherung unserer poesielosen Zeit, und so reiche ich denn aus Herzens. grunde dem Dichter die Hand." Die neue Sammlung gelangte, nachdem der willige Verleger endlich gefunden war, um Weihnachten 1849 mit Eichendorffs Geleitswort zur Ausgabe, und fand in den maßgebenden Organen der Presse eine günstige Aufnahme. 1)

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Der Briefwechsel mit Eichendorff, der sich von da an bis zu dessen Tode anmuthig weiter spinnt, ist von mannigfachem

1) Der „militärische“ Verfasser der ausführlichen und sehr anerkennenden Recension in den Histor. polit. Blättern, von dem Eichendorff in seinem Briefe an Dreves vom 22. Februar 1850 (bei Kreiten 207) spricht, war ohne allen Zweifel Major Anton Seyfried, der kunst- und literaturkundige und selbst literarisch thätige Hausfreund der Görresfamilie. Auch Emilie Ringseis hielt das Urtheil dieses feingebildeten Mannes, der ihr bei ihrem ersten dramatischen Versuche ein wohlwollender Berather gewesen, indeß schon am 11. Dezember 1854 an der Cholera starb, hoch in Ehren.

Interesse und bildet neben der Correspondenz mit Jarcke ein erfrischendes Element in dem Lebensbilde des Hamburger Dichters. Eichendorff wurde auch der Pathe seines Erstgebornen, Guido Maria Dreves, dessen Eintritt in die Welt er in dem schönen Liede, wohl einem seiner lezten, feierte: „Noch singt der Wind, der durch die Bäume Am Fenster lind vorüberzieht, Das Meer von fern durch deine Träume, Du Dichterkind, ein Schlummerlied 2c." Das Pathenkind, das der Vater später dem Pensionat der Jesuiten in Feldkirch zur Erziehung anvertraute, ist heute in der ganzen Gelehrtenwelt als angesehener Hymnolog bekannt.

Der Wunsch, in einer katholischen Gegend zu leben, bestimmte Dreves, Hamburg im Jahre 1862 zu verlassen und mit seiner Familie nach Feldkirch in Vorarlberg überzusiedeln. Hier verbrachte er die leßten acht Lebensjahre in stiller, aber fruchtbarer Muße. Im Hafen der Ruhe" angelangt, fonnte er nun ganz seinen literarischen Neigungen nachgehen. Von den kleineren Arbeiten, die hier entstanden, sei das „Lebeu des hl. Ansgar" (1864) erwähnt. Im Jahre 1866 fonnte er eine zweite sehr vermehrte Auflage seiner Hamburger Missionsgeschichte veranstalten und im Jahre darauf die Hauptquellen, aus denen diese Geschichte geschöpft war, die Annuae Missionis Hamburgensis veröffentlichen. Diesen folgte 1868 eine neue Ausgabe seines poetischen Lieblingswerkes, der „Lieder der Kirche".

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Auch zu einer zweiten und dritten Auflage seiner eigenen Gedichte kam es noch am Abend seines Lebens. Dabei ist es aber auch seit seinem Tode (19. Dezember 1870) geblieben. Gleichwohl wird Jeder, der diesem Dichter näher tritt, dem Biographen beistimmen, daß Dreves' Gedichte eine weitaus größere Verbreitung verdienten, als sie thatsächlich erlangt haben.

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Dreves ist ein Sänger, den man bei längerem Umgang immer lieber gewinnt. In seinen Gedichten pulsirt wirkliches Leben, sie sind mehr noch aus dem Gemüth als der Phantasie gewachsen. Er ist nicht großartig und neu, aber innig, wahr und gesund, dabei ein ächter Künstler und Sänger. . . . Die Zeit seiner Poesie ist so wenig mit derjenigen der Romantik

vorüber, daß sie vielleicht erst heute in manchen ihrer besten Stücke zur richtigen Geltung kommen“ (S. 357).

Hoffen wir, daß Kreitens wohlausgeführte, durch objektive Ruhe und maßvoll abgewogenes Urtheil gewinnende Biographie die Kenntniß und volle Werthschäßung dieser Dichtungen in immer weitere Kreise tragen hilft. Das Lebensbild, das uns diesen Dichtercharakter bis ins Junerste verstehen und hochachten lehrt, ist nach verschiedenen Seiten hin ein werthvoller Beitrag zur neueren Literaturgeschichte.

F. B.

XLII.

Zeitläufe.

Die russische Ueberraschung wegen Kreta's und die Folgen. (Schluß.)

Den 12. März 1898.

Man muß sich fast fragen, ob es erlaubt seyn soll, diese Betrachtung noch fortzusehen, nachdem das DreyfusGespenst in Frankreich immer noch alle Welt beschäftigt hat, und die parlamentarische Sündfluth in dem Donaureich von Neuem anzuschwellen drohte. Und doch handelt es sich um die große Frage des Jahrhunderts, die gerade das arme alte Desterreich zunächst berührt, aber darum auch das ge= sammte Deutschthum, wie es unsere Väter noch kannten. Sie hätten in der Sache des Orients eine Gleichgültigkeit unter deutschem Namen nie für möglich gehalten. Jezt spielt aber Rußland die Rolle der ehrwürdigen Kreuzfahrer in seiner Weise, und alle die Wirren im westlichen Europa bringen ihm den Vortheil, im Osten immer fester freie Hand zu bekommen.

Am 8. Februar hielt im deutschen Reichstag der neue

Minister des Auswärtigen über die ostasiatischen und die näberen orientalischen Verhältnisse eine Rede, die mit launigen. Tafelwigen reich verziert war. Neues erfuhr man nicht. Bezüglich des Auftretens der Russen in Constantinopel bewegte sich die Rede einfach in der Schule Bismarcks; allerdings konnte man auch verstehen, in Berlin habe man sich wie ein verschmachtes Liebchen aus der neuesten Affaire zurückgezogen. Die Interesselosigkeit an der „interessanten Insel“ und Griechenland, sagte er, höre nur bei den Forderungen der deutschen Gläubiger auf, die sich bei den griechischen Anlehen betheiligt hätten. Zahle deine Schulden," rief er dem neuen Vaterland der Schwester des deutschen Kaisers zu, und das Uebrige wird sich finden."

Der Reichstag und seine weiteste Umgebung waren sehr erfreut über die lustigen Darlegungen des Ministers. Anders war der Eindruck in Rußland. Zu den Aeußerungen der bekannten „Nowoje Wremja“ schreibt ein deutscher Berichterstatter: „Die Sprache, welche von der Newa herübertönte, war in der letzten Zeit so voll zuckersüßer Complimente gegen Deutschland, daß man erstaunt an den Kopf sich faßte und fragte, ob das dieselben Laute sind, wenn in dem anerkannten Organ des Palais an der Sängerbrücke jezt folgendermaßen an den Schild geschlagen wird.“1) Hier soll nur der Schluß der groben Anrempelung wiedergegeben werden:

„Einen etwas sonderbaren Eindruck macht der spielende Ton, mit dem er von den, Knochen des pommerschen Grenadiers spricht, und Teutschland mit jenen mittelalterlichen Bürgern in Goethe's Faust vergleicht, die ein besonderes Vergnügen daran finden, ruhig zu Hause hinter dem Bierkrug zu sitzen, während hinten weit in der Türkei das Blut fließt und erbitterte Kämpfe zwischen den Mohamedanern und den Christen stattfinden. Fürst Bismarck war allerdings gleichfalls nicht abgeneigt, seine ernstesten parlamentarischen Reden mit Scherzen und Wizen

1) Aus der „Kölnischen Volkszeitung" vom 19. Februar d. Is.

zu würzen, wir können uns aber nicht entsinnen, daß diese Scherze und Witze dem parlamentarischen Possenreißerthum ähnlich gewesen seien. Wenn es Herrn v. Bülow auch gelungen sein mag, den Mitgliedern des deutschen Parlaments einige fröhliche Augenblicke zu verschaffen, so muß man jedenfalls doch anerkennen, daß seine burschenhaft wißige Rede an Beweisen für die Zweckmäßigkeit jener Politik, welche das Berliner Kabinet in diesem Augenblick in der kretensischen Frage verfolgt, nicht besonders reich war. Die Sache ist aber ernst genug, um das sorgfältige Sammeln solcher Beweise nicht zu verachten. Auf jeden Fall scheint es unzweifelhaft, daß das Verhalten der Großmächte zu dieser Candidatur für völlig neue politische Combinationen auf dem Gebiete der internationalen Beziehungen den Boden bereite.“

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Ein paar Tage vorher hat dasselbe zur Regierung in Beziehung stehende Blatt festgestellt, daß Rußland unverrückt bei der Candidatur des Prinzen Georg von Griechenland verbleibe, was wir freilich nie bezweifelt haben. Unter dem Titel: Die Krisis im europäischen Concert" bezeichnet es dieses Concert als den franfesten Mann in Europa", und fährt dann fort: Herren im Concertsaal würden diejenigen seyn, die darin blieben; die vier Mächte, die für den Prinzen. Georg seien, hätten durch das Zurücktreten der beiden andern nichts an Initiative eingebüßt. Der natürliche Schritt in solcher Lage ist, dem Sultan vorzuschlagen, ihren Candidaten anzunehmen, und wenn er auch dann ablehnt, es der Inselbevölkerung zu überlassen, sich selbst einen Herrscher zu wählen, und in solchem Falle wird Kreta natürlich ein selbständiger Staat werden. Nicht nur alle im Concert verbliebenen Mächte, sondern auch Rußland allein wird die Unabhängigkeit der Insel vor jeder Anfechtung zu schützen wissen."1) Das bezweifelt zwar das conservative Hauptblatt in Berlin, und meint, die deutsche Politik, an der Seite des Sultans, könne unbesorgt ihre Wege weiter gehen, wie zu der Zeit, als sie

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1) Berliner Kreuzzeitung" vom 16. Februar d. Js.

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