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wohl es ihm schwer genug sein mag, sich Rußland zu widersezen, das seine schüßende Hand über ihn hielt, als England ihn wegen der armenischen Morde mit Krieg zu überziehen drohte. Kummervoll gewahrt er, wie sein mächtiger Protektor zu denselben Mitteln greift, um ihn einzuschüchtern, wie das verhaßte England: Rußland erklärt mit einemmale, die armenischen Zustände seien unerträglich, und benußt sie als Hebel, um seine Absichten in der fretischen Frage durchzusehen. Auch die andere Waffe, die Entschädigung für den Krieg von 1877, holt Rußland aus seinem Arsenal wieder hervor. Man hält es aber in unterrichteten Kreisen für ausgeschlossen, daß Rußland in der fretischen Nebenfrage wider den Sultan Gewalt anwenden werde. Der Anlaß wäre doch zu geringfügig, und diese ultima ratio spart sich Rußland wohl für seine eigenen. Zwecke und nicht für einen griechischen Prinzen auf. Dazwischen nun treten immer bestimmter die Nachrichten auf, der Sultan habe den Russen das Zugeständniß der Durchfahrt durch den Bosporus gemacht. Aber bekanntlich wäre den Russen das Recht der Ausfahrt aus dem Schwarzen Meere allzu theuer erkauft, wenn es sie nicht zugleich gegen die fremden, ihnen übermächtigen Flotten schüßen könnte. Ihr Ziel muß sein, dem Schwarzen Meer den Charakter eines russischen Binnensees zu geben, den nur derjenige betreten darf, dem sie die Einfahrtschleusen öffnen. All das wird den politischen Zuschauern so lange unklar bleiben, bis der psychologische Grund der ruffischen Schwenkung offenbar geworden ist.“1)

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(Schluß folgt.)

1) Wiener Correspondenz der Münchener Allgem. Zeitung" vom 31. Januar d. Js.

XXXVII.

Ein Spruch Clemens Brentano's.

Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit.

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In seiner Studie über die Märchen Clemens Brentano's" (Görresschriften, Köln 1895) sagt Herr Dr. Cardauns (S. 39) anläßlich der Besprechung der von ihm als Unglück empfundenen Verknüpfung des Tagebuchs der Ahnfrau" mit dem Gockelmärchen“: „Hüben und drüben wiederholt sich bis zur Erschöpfung der geheimnißvolle Vers: , Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit, den man so eifrig commentirt hat, ohne zu beweisen, daß Brentano sich dabei wirklich etwas Bestimmtes dachte."

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Als ich diesen Sag las, fiel mir die folgende Episode ein, die mein Vater, der verstorbene Historienmaler Edward v. Steinle, öfters erzählt hat. Im Jahre 1849 brachte sein Freund v. Radowiz ihm einen Prinzen in's Atelier. Steinle zeigte unter andern Zeichnungen den Besuchern auch einen damals wieder gezeichneten Contur seiner apokalyptischen Reiter", die er zehn Jahre früher für Rath Schlosser gemalt hatte, und auf welchem er auf der unter den Wolken sichtbaren Erde die Paulskirche, den Eiß des damals schmählich geendeten Parlaments, angebracht hatte. Von Radowit hierauf aufmerksam gemacht, fragte der Prinz den Künstler: Haben Sie das mit Absicht gethan?" Steinle pflegte diese Erzählung mit den Worten zu schließen: „Ich habe mich stumm verneigt, denn ich konnte doch nicht sagen, es wäre mir ein Matheur passirt."

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Ich habe bei meinen recht intensiven Brentanostudien immer gefunden, daß Clemens zu viele Gedanken gehabt, daß bei ihm ein Bild das andere derart jagte, daß er, ohne das eine zu schließen, in das andere überging, daß ihm die Worte fehlten, um den Reichthum der zuströmenden Gedanken auszusprechen, aber nie, daß er Worte gemacht habe, weil ihm Gedanken fehlten, oder „ohne etwas Bestimmtes dabei zu denken." Freilich verlangen seine Worte häufig, den Gedanken zu suchen.

Commentirt ist der Spruch „O Stern und Blume" freilich vielfach mit Glück und Unglück; man hat ihn als Wahlspruch Brentano's selbst bezeichnet, ja als Symbolum der ganzen romantischen Schule.

Mir ist er nie dunkel gewesen durch die Tradition. Und ich bin in der glücklichen Lage, die Tradition durch ein Dokument authentischster Art zu erhärten.

Auf der Rückseite der ersten Skizze für den Madonnenaltar in der St. Leonhardskirche zu Frankfurt a. M. von der Hand meines sel. Vaters fand ich vor Kurzem eine Skizze zu einer Illustration dieses Spruches mit reizenden Studien zur Ausführung einzelner Figuren. Steinle hat diese Composition in Aquarell ausgeführt im Jahre 1852 seiner Freundin Antonie Brentano zu Weihnachten geschenkt und dazu auf einem mit Blumen verzierten Briefbogen 1) den Brentano'schen Vers geschrieben und die Worte: und ein glückseliges Weihnachtsfest und ein treuer dankbarer Freund E. St."

Ich erinnere mich sehr gut, das Blatt in meiner Jugend im Schreibzimmer der Frau Schöff Antonie Brentano gesehen zu haben; später bei deren Tochter und Schwiegersohn nicht mehr, so daß es wahrscheinlich von ihr einem Freunde vermacht worden ist, wie mehrere andere Blätter, welche nicht in der aus den Geschenken Steinle's an die Frauen Antonie und Josephine Brentano durch den Herrn Anton Brentano gebildeten „Josephine und Anton Brentano-Stiftung" in den Besiz des Städel'schen Kunstinstituts übergegangen sind, sondern irgendwo in Privatbesiz sich befinden.

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Die mir vorliegende Skizze aber deckt sich ganz mit der Auslegung, die ich mir infolge der Gespräche meines Vaters stets von dem Spruche gemacht habe, und die auch der sel. P. Diel als authentische" bezeichnet. Diel hält sich wesentlich an die Erklärung, die das Kind von Hennegau" in seiner Traumerzählung, und die der Dichter in dem Gedichte an Emilie Linder, Stern und Blume" gibt, und ist zweifellos zu dieser Erklärung durch Steinle veranlaßt worden.

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1) Im Besize des Verfassers.

In der Correspondenz zwischen P. Diel und Steinle kommt über die Frage nichts vor. Aber P. Tiel hat während der Abfassung seiner Schriften über Clemens Brentano persönlich mit Steinle verkehrt, und da sind sehr viele Detailfragen erörtert worden. Wenn P. Diet in der Anmerkung zum Erntelied sagt: „Nach der eigenen Erklärung Brentano's schwebten ihm bei den oft wiederkehrenden Lieblingszeilen die drei segens

reichsten Geheimnisse unserer heiligen Religion vor," so glaube ich mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen, daß er die eigene Erklärung Brentano's" von Niemand anderem erhalten hat, als von Steinle. Daß aber Steinle ein verstehender Interpret Brentano's war, darf wohl als feststehend gelten.

Und darum folge jezt zunächst die Beschreibung seiner Stiftübersehung des Dichterwortes:

Die Composition ist friesartig in einen viergetheilten Arabeskenrahmen gefaßt, dessen erster Pilaster die Buchstaben 0. S. (Stern) verschlungen zieren; auf dem zweiten, dritten und vierten Pilaster stehen Ritterfiguren, die drei göttlichen Tugenden durch die Standhaftigkeit, Streben nach einer Krone, Festhalten einer Krone repräsentirend. In den sich ergebenden vier Bilderräumen finden sich folgende Darstellungen:

und Kleid".

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1. Ein aus dem sternbesäeten Himmel herabfliegender Engel versenkt einen Stern in eine Lilie. Darunter die Worte: „O Stern und Blume".

2. Mariä Verkündigung

darunter die Worte: „Geist

3. Die Muttergottes, den vom Kreuze abgenommenen Leichnam ihres Sohnes im Schoße haltend. Darunter die Worte: „Lieb', Leid und —“

4. Christi Himmelfahrt. Ewigkeit".

Darunter die Worte: Zeit und

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Vergleichen wir nun mit diesen Bildern zunächst die von P. Diel mitgetheilte eigene Erklärung" Brentano's. Nach derselben (Auswahl Bd. I, S. 101, Anm 3) schwebten Brentano bei diesen Lieblingszeilen die drei segensreichsten Geheimnisse unserer heiligen Religion vor Augen: die Verkündigung, als der Stern zur Blume sich neigte und aus der unbefleckten Lilie durch die hl. Mensch werdung Fleisch annahm, das ewige Wort im Kleide der Menschheit -- und das Geheimniß der Schmerzensliebe, sowohl im sterbenden Erlöser, als in der schmerzhaften Mutter. Gerade diese Ge= heimnisse aber verbinden Tiesseits und Jenseits und führen über die Zeit in die glückselige Ewigkeit."

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Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit

Hält man diese Erklärung mit der bildlichen Darstellung zusammen, unterstreicht noch die Worte unbefleckte Lilie in der von P. Diel gegebenen authentischen Interpretation, so haben die Worte:

keinerlei dunklen Sinn Sie sind ganz einfach in Exclamationen gebrachte Betrachtungspunkte der höchsten Geheimnisse, der

Menschwerdung des Heilandes aus der unbefleckten Jungfrau, seiner Liebe, mit welcher er für uns den Kreuzestod erlitt, bei welchem ein siebenfaches Schwert das Herz seiner Mutter durchbohrte, und der glorreichen Auferstehung, durch welche er die traurige Zeitlichkeit in die glückselige Ewigkeit überführte.

Es ist wohl nicht nöthig, nachzuweisen, daß die Worte und gewählten Wortzusammenstellungen durchaus treffend und hochpoetisch die Bilder erklären, welche dem Dichter vorschwebten; nur bezüglich des ersten Bildes: „O Stern und Blume", die wir auf die unbefleckte Jungfrau zu deuten haben, mag daran erinnert werden, daß in der christlichen Poesie die Heiligen vielfach mit Sternen am Himmel der Kirche verglichen werden. Indem Brentano die Blume und den Stern zusammen nennt, will er sagen, daß die Jungfrau Lilie ihre Seele direkt von dem Sternenhimmel der Heiligen unbefleckt aus den Händen Gottes empfangen habe.

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Betrachten wir nun noch kurz, woher nach der Ent wicklung des Märchens im Zusammenhange mit dem Tagebuch der Ahnfrau die Worte stammen. Sie sind der „Ahnfrau" in der Nacht vor der Taufe der kleinen Rosa, des Kindchens ihrer Gespielin Sophie, im Traume zugerufen worden. In diesem Traume sah sie, wie ein Röslein, das sie in der Hand hielt, und das mit tödtlichem Mehlthau behaftet war (das kleine ungetaufte, mit der Erbsünde behaftete Kind), von einem lichten Jüngling aus dem Kelche einer Lilie mit Lichtthau übergossen wurde, wobei der Jüngling Namen aussprach — „da war das Röslein ganz heil, ganz rein und licht, und mir war, als gehöre es nun auch noch zu einem viel schöneren Rosenstrauch mit fünf blutrothen Rosen, den ich über dem ganzen Bilde erscheinen sah." (Originalausgabe

.259.) Die Ahnfrau sah also im Geiste die Wirkung der hl. Taufe an ihrem Röschen und dessen Aufnahme in die Kirche, die in dem Traumbilde durch den Rosenstrauch mit fünf blutrothen Rosen (den hl. Wundmalen) symbolisirt erscheint. Und dann hörte sie die geheimnißvollen Worte:

Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit,

an die sie ewig denken mußte, die sie sich zum Wahlspruch wählte, die sie durch und durch verstand erklären konnte.

aber sich nicht

Am Tage nach der Taufe trug sie klein Röslein im Garten umher und erzählte ihm den Traum und den Spruch; „und es schien es besser zu verstehen, als ich; denn es sah mich groß an, lächelte und weinte dann gar beweglich".

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