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gefehlt, ein liberalisirender Papst!" Der österreichische FürstStaatskanzler verschloß sich zwar nicht der Erkenntniß, daß der übermäßigen Strenge, ja Härte der Strafjustiz im Kirchenstaat ein Damm gesezt und in den verschiedenen Zweigen der Verwaltung zeitgemäße Reformen eingeführt werden müßten. In diesem Sinne hatte der österreichische Botschafter in Rom wiederholt Andeutungen gegeben. Aber des neuen Papstes Maßregeln und Reformabsichten schienen zu weit zu gehen. Von welcher Art Metternichs Reformen gewesen wären, zeigt ein Abschnitt im VII. Bande von dessen nachgelassenen Papieren. unter dem Titel: „Rathschläge für Pius IX.“ (S. 246–252). „Es sind“ (nach Baron Helfert) „geistvolle Erklärungen und Betrachtungen über: 1. die Form der Regierung und Verwaltung; 2. über Amnestie; 3. über Zugeständnisse (concessions). Lettere faßt Metternich als das Aufgeben eines Rechtes oder eines Eigenthums auf, und dazu, meint er, sei kein Souverän berufen; Akte der Gerechtigkeit, der Klugheit, mit einem Worte Afte einer guten Regierung sind keine Zugeständnisse, ce sont des procédés de raison et de devoir". Was die Form der Regierung betraf, so erörtert der StaatsKanzler die Vor- und Nachtheile des neuen Systems: die verschiedenen Verwaltungszweige in der Hand eines Ministers zu vereinigen und das andere: sie unter mehrere zu vertheilen; er unterläßt es dabei, welcher dieser beiden Arten der Behandlung er den Vorzug geben wolle, und spricht sich nur entschieden für einen Staatsrath aus, der, ohne in die Executive einzugreifen, den Gang der Geschäfte nicht aufhalte, aber ihn hindere, von den richtigen Wegen abzulenken. Auch bezüglich der Amnestie entscheidet er nicht: soll der Papst eine solche ertheilen oder soll er keine ertheilen? Aber höchst bedeutsam sind die Reflexionen über diesen Punkt. Amnestie, meint er, ist im Grunde Pardon; allein die Parteien lieben nicht diesen vulgären Ausdruck, sie ziehen den vornehmeren der Amnestie vor, der unter ihrem Einflusse einen ganz eigenen Sinn gewonnen habe. . . Die Macht des Souveräns sei ein Ausfluß der göttlichen Macht; ertheile die göttliche Barmherzigkeit Amnestie? Nein, sie ertheile Pardon!" . .

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Die Rathschläge" Metternichs trafen erst nach dem Er

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lasse der päpstlichen Amnestie vom 16. Juli in Rom ein; die Art und der Umfang dieser Amnestie erregten beim Fürsten ernste Befürchtungen, denen er durch den kaiserlichen Botschafter am päpstlichen Hofe Ausdruck verlieh. Als daher der AmnestieAkt erfolgt war, ließ Se. Heiligkeit dem Fürst-Staatskanzler mittheilen:,,qu'Elle était persuadée que l'édit du 16 juillet n'était point en contradiction avec les principes sages et conservateurs que Vous développez dans Votre exposé, mon Prince, comme pouvant admettre et justifier une amnestie. Le Pape se défendait une autre fois contre toute concession et déclara qu'on n'en obtiendrait point de lui."

Auch sonst versicherte der Cardinal Gizzi den Vertretern der auswärtigen Mächte, daß es seinem Herrn und Gebieter um nichts anderes zu thun sei, als „das wahrhaft positive und praktische Wohl des Staates und seiner vielgeliebten Unterthanen" zu befördern; daß er dabei weder gewissen Theorien nachgeben werde, die ihrer Natur nach mit der Lage und dem Bestande des Kirchenstaates unvereinbar seien, und noch weniger die Absicht habe, Parteien gewähren zu lassen, deren Tendenzen die innere Ruhe wie die äußere Sicherheit seines Staates bloßzustellen und zu gefährden geeignet wären. Gleichwohl ließen die Besorgnisse Metternichs über den Gang der päpstlichen Regierung sich nicht zerstreuen; in Wien konnte man zua Politik des römischen Stuhles um so weniger volles Vertrauen fassen, als die wenig österreichfreundliche Gesinnung des Papstes noch aus der Zeit seines Wirkens als Erzbischof von Spoleto unvergessen war. Wollte man auch in den ernsten guten Willen und in die loyalsten Absichten der päpstlichen Regierung keinen Zweifel seyen, so blieb doch noch sehr die Frage, ob Pius IX. und seine Rathgeber in der Lage sein werden, den so hoch gespannten Erwartungen des Volkes zu genügen, ob es möglich war, die gerade in der lezten Zeit seines Vorgängers so heftig erregten Leidenschaften zur Ruhe, zu geduldigem Abwarten zu bringen. In einem Schreiben des kaiserl. Botschafters, des Grafen Lüßow, vom 29. August 1846 klagte dieser über den fortschreitenden Verderb und die Anmaßung des öffentlichen Geistes, über die sträfliche Schwäche der meisten. päpstlichen Behörden, über die unbegreifliche Haltung so mancher

hochgestellten Funktionäre, über die Doppelzüngigkeit ihrer Handlungen und Maßnahmen.

Wie berechtigt diese Klage des Botschafters und das Mißtrauen seiner Regierung in Wien war und wie wenig berechtigt der zuversichtliche Optimismus des Cardinal Staatssekretärs Gizzi über die öffentlichen Dinge im Kirchenstaate gewesen, das bestätigte ein Bericht des Pönitentiarius Major Sr. Heiligkeit, Cardinal Castracane, der gegen Ende November von einem mehrwöchentlichen Aufenthalte in der Provinz zurückkehrte und die Zustände, die er in der Romagna zu beobachten in der Lage war, als solche bezeichnete, die mehr oder weniger anarchisch zu nennen seien; er hielt es für seine Pflicht, dem Papste ohne Rückhalt seine Ueberzeugung vorzutragen. Auch andere Berichte aus der Provinz lauteten in demselben Sinne. Man wisse nicht, solle man die Zustände „republikanisch“ nennen oder als „vollendetste Gesezlosigkeit“ bezeichnen. Cardinal Gizzi wollte die Popularität seines Herrn und Gebieters nicht aufs Spiel sehen. Die Gefahr" (sagt Baron Helfert) „lag nahe, sie zu verzetteln, nußlos zu verthun! Noch eine andere Klippe war zu umschiffen. Der Gefallen an Volksgunst hatte eine sehr nahe Blutsverwandte von weiblicher Seite, die Schwäche, und ein von dieser angekränkeltes Regiment hat den Völkern, wenn sie auch zur Zeit lauten Beifall klatschten und zujubelten, auf die Länge niemals zum Heil ausgeschlagen. Es gibt im öffentlichen Leben Erscheinungen, denen man, so unschuldig und harmlos sie sich ankündigen mögen, von allem Anfang an Ernst entgegensegen muß, sollen sie nicht allmählich, ganz unmerklich Raum gewinnen und zulezt Allem über den Kopf wachsen."

Pius IX. fonnte den gefährlichen Schmeicheleien nicht widerstehen und bald zeigten sich die Folgen davon in geschäftlichen Angelegenheiten wie in Personalfragen; der milde Papst sah sich in seinen Regierungshandlungen bei jedem wichtigeren Anlasse von unsichtbaren Kräften gehoben und geschoben. Die „Volksbeliebtheit" wurde bald zum maßgebenden Faktor für die Handlungen oder Unterlassungen der päpstlichen Regierung, in deren Schoß zudem der Widerstreit der Meinungen und Strebungen zwischen den verschiedenen Richtungen der Car

dinäle sich mehr oder minder nachtheilig bemerkbar und geltend machte.

Draußen im Volke aber wurden die Weisungen Mazzini's über nationale Kundgebungen von dessen Anhang auf das genaueste befolgt. Bei den Huldigungen und Festlichkeiten für den Papst trat immer mehr die Absichtlichkeit hervor, bei diesen Anlässen den italischen Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Der Ruf: Viva l'Italia unita!" wurde häufiger, öffentlicher, entschiedener.

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Als der österreichische Botschafter Graf Lühow von einer Urlaubsreise zu Anfang Dezember auf seinen Posten nach Rom zurückkehrte, war er erstaunt, wie sehr sich binnen dieser kurzen Frist die Lage verschlimmert hatte. Es bestehe, meinte er, ein unsichtbares Regiment, „das befiehlt und dem man folgt, und das seinen Vertrauten und jenen, die sich seinen Diktaten fügen, morgen Befehle und Weisungen zukommen lassen könne, die ganz anderen Charakters sind, als jene wären, die es heute ihm gefällt zu ertheilen". Und Ende Dezembers wiederholt er diese seine Wahrnehmungen und hebt hervor, daß innerhalb der leßten Monate die Revolution vorwärts gegangen sei; daß sie ein bedeutendes Stück Weges zurückgelegt habe; daß ihre Befehle befolgt worden seien und daß sie der geseßlichen Regierungsgewalt bereits viel Boden abgewonnen habe.

Gleichwohl will der Botschafter nicht das Schlimmste fürchten. In einem späteren Schreiben an den Fürsten Metternich glaubte er verbürgen zu können, daß Se. Heiligkeit keine anderen Rathschläge annehme, auf keine anderen Mahnungen horche, als die sich im Einklang mit jenen Grundsägen befinden, die Pius IX. bis auf diesen Tag bekannt hat. „Er ist kein Utopist, er will nichts sein als das sichtbare Oberhaupt unserer heiligen Kirche und als solches das Glück seiner Unterthanen fördern, um die seiner Obhut anvertrauten Gewalten eines Tages unverkümmert und unverkürzt in die Hände seines Nachfolgers überantworten zu können. Gott möge ihm die nöthige Kraft verleihen und die Möglichkeit gewähren, die unerläßlich sind, um diese Aufgabe zu erfüllen, ungeachtet der Schwierigfeiten und Hindernisse ohne Zahl, denen er begegnen wird und die ihm bereitet werden! . . ."

„War es“, so fragt Baron Helfert am Schlusse seiner ebenso inhaltreichen als anziehenden Studie,,,war es Lüzow Ernst mit diesem günstigen Augurium? Oder schrieb er nur so, um nach Wien nicht immer bloß Bedenken oder Mahnungen gelangen zu lassen? Wir müssen wohl das Lettere annehmen, wenn wir jenen Aeußerungen eine andere entgegenhalten, die in dieselbe Zeit (Jahreswende 1846/47) fallen dürfte. Als der Prager Bildhauer May nach einer längeren Abwesenheit nach Rom zurückkam, wo inzwischen der Stuhl Petri seinen Vertreter gewechselt hatte, mußte er für den Grafen Lüßow drei kleine Büsten modelliren, die später in Metall gegossen werden sollten; sie stellten Leo XII., Pius VIII. und Gregor XVI. vor, also drei Päpste, bei denen Lüzow als kaiserlicher Botschafter beglaubigt war; den jezt regierenden Papst verlangte er nicht: Er zeigt sich gegen Desterreich und gegen mich nicht sehr wohlwollend", sagte er, und fügte nach einer Weile nachdenklich hinzu: „Ob er es nicht noch einmal be› dauern wird?"

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XXXVI.
Zeitläufe.

Die russische Ueberraschung wegen Kreta's und die
Folgen.

Den 24. Februar 1898.

Wie ein Bliz aus Gewitterwolken ist der ruffische Ansturm auf den Sultan wegen der Berufung des Prinzen Georg von Griechenland zum Generalgouverneur von Kreta auf die europäischen Concertisten herabgefallen. Ein solcher Abschluß der empörenden Verschleppung, welche die blühende Insel in ein paar Jahren zur Wüste machen ließ, kam vielleicht selbst den französischen Schleppträgern unerwartet. Im ersten Schrecken sah das Ereigniß wie die Aufrollung der großen Frage des Jahrhunderts im nahen Orient aus, und schien schon für das nahende Frühjahr den Ausbruch im

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