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XXIX.

Die sociale Frage in Deutschlaud während des
13. Jahrhunderts und ihre Lösung.

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Die Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters“ von E. Michael S. J., deren erster Band in dritter Auflage vorliegt, soll zunächst in drei Büchern eine abgeschlossene Culturgeschichte Deutschlands im 13. Jahrhundert bieten, um dann die politische Geschichte dieses Zeitraumes zu behandeln. Der Verfasser räumt also ohne Weiteres der Culturgeschichte den ersten, der politischen Geschichte den zweiten Play ein. Lange Zeit hindurch hat die Culturgeschichte in historischen Werken nur anhangweise Zutritt gefunden und Behandlung erfahren. Diese Art der Behandlung war auch gut genug für sie, so lange sie wie eine Raritäten und Curiositätensammlung angelegt wurde, einer Rumpelkammer voll Urväterhausrath glich. Aber troß alles Widerspruches von Seite ihrer Gegner und aller Zweifel sogar an ihrer Berechtigung, tro compromittirender Mißgriffe von Seite mancher unter ihren Anhängern, bricht sie sich Bahn. Immer mehr dringt die Anschauung durch, daß das Volk auch eine Geschichte hat und nicht blos die Herrscher, daß die Geschichte der Völker nur als Culturgeschichte gefaßt werden. kann, daß ein Einblick in die Zustände im Allgemeinen weit lehrreicher ist, als noch so genaue Kenntniß einzelner Ereignisse, daß der historische Unterricht als schöne „magistra vitae" da= steht, wenn er fast ausschließlich von Intriguen und Schlachten handelt, daß die Geschichte als Bildungsmittel vorwiegend

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culturgeschichtlichen Inhalt haben oder erlangen muß. Michaels Werk verspricht schon nach seiner Anlage, nicht minder nach dem Inhalt ein entscheidender und bleibender Erfolg der culturgeschichtlichen Richtung zu werden, der um so höher zu schäßen ist, als er nicht durch theoretische und methodologische Untersuchungen angestrebt, sondern durch praktische Durchführung, durch eine wissenschaftliche That erreicht wurde. Es darf hier wohl daran erinnert werden, daß die katholische Wissenschaft dem Bedürfniß nach culturgeschichtlicher Vertiefung der Geschichte in hervorragendem Maße Rechnung trug. Man braucht nur Janssen und Pastor zu nennen, auf P. Weiß' Apologie und Grupps vortreffliche Arbeiten hinzuweisen.

Mit Unrecht haben Gegner der Culturgeschichte geltend gemacht, der Gegenstand der Culturgeschichte sei so wenig faßbar, ihr Umfang so unermeßlich, daß jener sich nicht bestimmen, dieser sich nicht überblicken, das ist eintheilen lasse. Der Gegenstand der Culturgeschichte ist die jeweilige (relative) und allseitige Vervollkommnung der menschlichen Natur als socialer Zustand. Sobald man die Cultur, wie es sein muß, dem wissenschaftlichen, socialen und geistigen Leben, mit allen seinen Auszweigungen begrifflich nicht coordinirt denkt, sondern als deren Inbegriff auffaßt, klärt der Begriff sich alsbald. Und auch dessen Umfang ist leicht zu überschauen. Aus den Bedürfnissen und Fähigkeiten der menschlichen Natur nach deren materieller, socialer und geistiger Seite erwächst die wirthschaftliche, die sociale und juridische, endlich die ideelle Cultur.

Mit vollstem Recht hat der Verfasser die angedeutete Eintheilung zu Grunde gelegt, denn sie ist aus dem Wesen der Cultur genommen und erschöpfend. Das erste Buch enthält die wirthschaftliche und social rechtliche Cultur („Deutschlands wirthschaftliche, gesellschaftliche und rechtliche Zustände"), die zwei folgenden Bücher werden die geistige Cultur schildern. Im Vorwort S. IX schreibt Michael: Das vorliegende erste Buch, welches übrigens ohne jede irgendwie maßgebende Rücksicht auf Tagesfragen ausgearbeitet worden ist, könnte betitelt sein: Die sociale Frage in Deutschland während des 13. Jahrhunderts und ihre Lösung. . . . Ein Beitrag zur

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Geschichte der socialen Frage dürfte nicht unerwünscht sein, denn die Gegenwart kann von dem Mittelalter gar manches Lernen." Nach dieser vom Verfasser selbst hervorgehobenen Seite hin soll das Werk im Nachstehenden gewürdigt, es soll versucht werden, in kurzer Synthese die sociologische Lehre des Werkes zusammenzufassen.

Durch die aus der Vorrede citirten Bemerkungen bekundet der Verfasser feines Verständniß für die in der culturhistorischen und sociologischen Studien der Gegenwart auftauchenden und convergirenden Richtlinien. Culturgeschichte und Sociologie nähern sich einander und werden ihres Zusammenhanges bewußt. Er besteht darin, das immer und überall, wo tief= gehende Culturwandlungen oder weithinwirkende Culturfortschritte sich vollziehen, als nothwendige nächste Wirkung sociale Fragen. sich einfinden. Damit ist die Einsicht verbunden, daß die augenblicklich sogenannte sociale Frage, wie sie vornehmlich aus der Maschinentechnik hervorging und als „industrielle Arbeiterfrage" (wie man es in seltsamer Wortverbindung zu nennen pflegt) in die Erscheinung trat, nur als einzelne Phase säcularer Vorgänge anzusehen ist

Die größte Umwälzung der wissenschaftlichen Cultur ist das Aufkommen einer neuen Wirthschaftsform“. Sie besteht darin, daß ein neues Produktionsmittel sich verbreitet, oder ein schon vorhandenes selbständig und unabhängig wird. Die es in der Hand haben, schließen sich als neuer Produktionsstand an einander an, zugleich ergeben sich daraus neue Rechtsbeziehungen. Diese Thatsachen und Erscheinungen sind „neu", d. h. in der jeweilig bisherigen socialen Ordnung haben sie keinen Platz, in der bislang geltenden Rechtsordnung sind sie nicht vorgesehen. Unmöglich, sie rückgängig zu machen. Die sociale und die Rechtsordnung müssen also umgestaltet werden. Wie das zu geschehen habe, ist die jeweilige sociale Frage im Zeitalter Solons, wie in dem der Gracchen, im 13., wie im 19. Jahrhundert.

Tie Culturfortschritte gleichen dem Wachsthum des menschlichen Organismus. Die socialen Zustände den einer bestimmten Größe, Höhe und Breite angepaßten Gewändern. Intensive wirthschaftliche Fortschritte sind plözliches, bedeutendes Wachsen.

Die bisher gebrauchten Gewandstücke passen dann ebenso wenig, wie in dem andern Fall die sociale Ordnung. Ja beide können in ihren Fugen und Näthen ernstlich bedroht und deshalb muß Abhilfe geschaffen werden. Was sind nun die Momente wirthschaftlicher Umwälzung, die ökonomischen Culturfortschritte des 13. Jahrhunderts, die damals eine sociale Frage hervorzurufen. geeignet waren? Das Städtewesen und die Geldwirthschaft, beide nicht in ihren Anfängen, sondern in ihrer vollen Entfaltung.

Das Städtewesen an erster Stelle. Es ist nach seiner wirthschaftlichen Grundlage das Produkt von selbständigem Gewerbebetrieb und seßhaft gewordenem Handel.

Mit dem Uebergang vom Nomadenleben zur Seßhaftigkeit, mit dem Beginn selbständiger landwirthschaftlicher Einzelbetriebe mag man höheren Culturlebens Ausgangspunkt datiren. Es ist eigenthümlich, daß durch analoge Vorgänge: Verselbständigung und Seßhaftigkeit, auf höheren Culturstufen sich Gewerbe und Handel emporheben.

Gewerbe, die bedeutende technische Ausbildung heischen, sind schon in frühester Zeit selbständig, das der Gold- oder das der Waffenschmiede. Die übrigen aber zu üben, war ursprünglich und lange Zeit Aufgabe, und zwar vielfach blos gelegentliche Aufgabe einzelner Knechte, die wie alle andern zum Hofgesinde gehörten. Je mehr nun das wirthschaftliche Leben der reinen. Naturalwirthschaft zu höherem Wohlstand sich hob -- welchen Vorgang der Verfasser im ersten Kapitel „Landwirthschaft und Bauern" so meisterhaft gezeichnet hat um so mehr mußte mit der steigenden Nachfrage nach gewerblichen Erzeugnissen durch den gesammten Gewerbebetrieb der Drang gehen, von den Banden der Hofwirthschaft befreit, selbständig zu werden. Erhöhte Nachfrage nach Werkzeugen, Kleidungs- und Einrichtungsstücken, bereiteten Nahrungsmitteln u. s. f. bewirkt, daß die Herstellung solcher Dinge ihren Mann nährt. Und damit ist die wirthschaftliche Grundlage für den socialen Fortschritt geschaffen, daß der gewerbliche Einzelbetrieb ein Produktionsstand mit wirthschaftlicher und rechtlicher Selbständigfeit werde.

Ursprünglich ist der Handel nomadisch Wanderhandel.

Sobald aber der Handelsbetrieb in größerem Maßstabe unter= nommen werden kann, was gleichfalls vom höheren Wohlstand der Naturalwirthschaft bedingt ist, muß er der Tendenz nach= geben, seßhaft, bodenständig zu werden. Suchte er früher die Kunden auf, so läßt er jeßt die Kunden zu sich auf den Markt kommen, und je stärker die Nachfrage, um so mehr wird es nöthig, immer auf dem Markte zu sein und immer feil zu bieten.

Die selbständig gewordenen Gewerbe, der seßhaft gewordene Handel sind in vielen Beziehungen auf einander angewiesen, vornehmlich auch darauf, schon wegen der Transportkosten nahe bei einander zu wohnen. Daraus ergibt sich eine im Volksleben neue Art der Seßhaftigkeit, eine neue Siedelungsweise: die städtische. Und eine neue Volksschicht: aus Handwerkern und Kaufleuten erwächst der Bürgerstand. Man kann das Städtewesen als solches ins Auge fassen und nach dessen Hauptursache fragen; man kann aber auch die Aufmerksamkeit auf die Entstehungsgeschichte jeder einzelnen Stadt richten und wird dann Anlässe, Bedingungen, günstige Nebenumstände und auch Nebenursachen, die oft einen sehr großen Einfluß hatten, würdigen müssen. Spricht man aber genetisch, d. h. im ersten Sinne, so wird es doch wohl dabei bleiben, daß der Markt die Stadt schuf, wenn es auch nicht jedem Markte gelang, und daß Kaufleute und Handwerker als die eigentlichen Städtegründer anzusehen sind.

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Dazu kommt nun zweitens die Geldwirthschaft.

Gemünztes Metall eignet sich in hohem Maße, Werthmesser und Tauschmittel zu sein. Daß es als solches überhaupt Verwendung findet, ist aber gewiß nicht das Merkmal der Wirthschaftsform, die man Geldwirthschaft nennt. Schon in frühester fränkischer Zeit hat es diese Funktion geübt. Wenn in vereinzelten, in die Urzeit zurückreichenden Rechtsaufzeichnungen Biehhäupter oder gar Mägde als Werthmesser Anwendung finden, so kennt doch sowohl der älteste Text des salfränkischen Rechts, wie die später aufgezeichneten deutschen Volksrechte alle, ebenso wie die übrigen germanischen, das Geld als Werthmesser, vornehmlich für beschädigte Gliedmaßen und zerschlagene Knochen.

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