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Fakultät waren strenge Thomisten. Ein Visitationsreceß vom Jahre 1701 ertheilt die folgende Vorschrift: Sententiae contra doctrinam S. Thoinae, hactenus in nostra universitate tam in philosophia quam in theologia receptam et usitatam inposterum ne quidem problematice defendantur, approbentur aut imprimantur. So spielt sich denn auch hier lange Zeit hindurch jene Polemik ab, wodurch der Dominikanerorden vormals die Lehre des Aquinaten gegen die Franziskaner und später gegen die Jesuiten verfocht.

Das erste Zusammentreffen der neueren Philosophie mit der hergebrachten Richtung fand in Salzburg erst in den lezten Jahren des 17. Jahrhunderts statt. Wir sind darüber unterrichtet durch eine Vertheidigungsschrift der thomistischen Doktrin, welche P. Odilo Neumann, Professor der Philosophie von 1696-98, in dem zuleztgenannten Jahre herausgab unter dem Titel: Partus philosophicus Aristotelico-Thomisticus elaboratus et contra supposititium Recentiorum defensus. Aber allmählich scheint die neuere Richtung unter den süddeutschen Benediktinern doch vereinzelnte Anhänger gefunden zu haben. P. Fruktuosus Scheidsach, Conventuale des Klosters Seeon, welcher 1714-16 den philosophischen Lehrstuhl zu Salzburg inne hatte und einige Jahre später Ethik und Geschichte übernahm, suchte in einer Aufsehen erregenden pseudonymen Schrift: Carpophorus del Giudice, Onesensis, Tractatus de accidentibus absolutis sive ss. Eucharistiae sacramentum etc. (Paderborn 1718) mit Hilfe der atomistischen Corpuskulartheorie das Mysterium des heil. Altarjakramentes zu erklären (vergl. Prantl, Geschichte der Ludw. Max Universität I, 542). Aber der Thomismus blieb noch lange Zeit in der Oberhand. Bereits der Nachfolger Scheidsachs wendete sich gegen dessen Corpuskulartheorie in jeinen Animadversiones contra philos. atomisticam (Salzburg 1720) und noch im Jahre 1741 schärfte ein Visitationsdefret ein Peripatetico-Thomistica Philosophia integra more scolastico ut hactenus tradetur.

Hiftor..polit. Blätter CXXI. (1998)

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Allein bereits in dem nämlichen Visitationsdekrete begegnet uns eine nicht zu unterschäßende Concession an die Bewegung und Entwicklung, welche sich damals innerhalb der Philosophie vollzog. Bekanntlich ist der englisch-empiristischen wie der französisch-rationalistischen Richtung in der Philosophie der neueren Zeit nebst dem Bruche mit der Scholastik und der althergebrachten Bücherweisheit ein lebhaftes Interesse für die Naturwissenschaften, ein ernsthaftes Studium der Naturphänomene selbst und namentlich jener Disciplin, die der Naturwissenschaft die größten Dienste leistet, der Mathematik, eigenthümlich. Das bedingte allmählich einen völlig veränderten Betrieb der Physik zunächst außerhalb der Schulen, dann aber auch an denselben. Das schließliche Ergebniß dieser ganzen Entwicklung war die Begründung einer eigenen mathematisch-physikalischen Sektion innerhalb der philosophischen Fakultäten, wie sie die modernen Hochschulen. seit langem besigen.

Ein erster schüchterner Schritt nach dieser Richtung hin vollzog sich an der Universität zu Salzburg um das Jahr 1740.1) Bereits im vorausgehenden Jahre hatten die Visitatoren davor gewarnt, daß die spekulativen Fragen und Themata zu sehr in die Länge gezogen und ausgedehnt werden, so daß sie den Schülern eher zum Ueberdrusse als zum Nugen gereichen; nunmehr lautete ihre Forderung bestimmt dahin: dimissis illis quaestionibus inutilibus magis experimenta tradenda sunt. P. Ambrosius Rieger von Niederaltach (vgl. Sattler, 329), der sich in dieser Art Physik nicht heimisch wußte, resignirte darauf alsbald seine Professur und kehrte in sein Kloster zurück. Uebrigens sollte durch

1) Benüßt ist zu der vorliegenden Darstellung P. M. Sattler, Collettaneenblätter zur Geschichte der Benediktiner-Universität Salzburg, Kempten 1890, und Protocollum inclytae facultatis philosophicae ab anno scholastico 1739, handschriftlich in der . . Studienbibliothek zu Salzburg sub Sign. V, 3. D. 42,

jene Anordnung der eigentlichen Philosophie, wie wir uns jezt ausdrücken würden, kein Eintrag geschehen. In welchem Sinne die Forderung der Visitatoren zu verstehen war, darüber belehrt uns das bereits erwähnte ausführliche Visitationsprotokoll des Jahres 1741. Nachdem dasselbe an erster Stelle betont, es solle die peripat.-thomist. Philosophie unverkürzt und in scholastischer Form, wie bisher, vorgetragen werden, fährt es fort: Sed eidem (Perip.Thom. Philosophiae) adjungetur Philosophia dogmaticoexperimentalis atque eruditio caetera, quantum res tempusque ferent. Noch wird im vierten, fünften und siebenten Punkte dieses Protokolls der Experimentalphysik gedacht. An vierter Stelle suchen die Visitatoren namentlich die Befürchtung, es möchte das neue Fach zu große Schwierigfeiten und Kosten verursachen, zu zerstreuen (a metu quoque difficultatis et sumptus in instrumenta faciendi eos (sc. philosophos) absolvimus, nisi qui intimius has disciplinas in collegiis privatis condiscere volent). Der fünfte Punkt verlangt, es solle in der Physik neben der Erklärung des Lehrbuches mit Maß und Ziel diftirt werden, „quae ad eruditionem, experimenta et observationes phaenomenorum naturae pertinent". Der siebente Punkt schreibt vor, daß, so oft es geeignet erscheint, ein Collegium gehalten werde, in welchem das Vorgetragene durch Experimente vorgeführt wird, wobei die Schüler keine oder ganz geringe Auslagen haben sollen. Auch sollen die Schüler aus diesen Gegenständen gerade so wie aus der peripatetischen Philosophie jowohl bei den Promotionen als sonst examinirt werden.

Die Vorschriften dieses Visitationsrecesses kamen zur Durchführung. Es fehlte den im Interesse der Universität conföderirten Klöstern nicht an Männern, welche für die beabsichtigte Reform der philosophischen Studien vorgebildet und derselben geneigt waren. Ein Benedikt Bucher von Niederaltach, Friedrich Freiherr v. Schwizer von St. Lambrecht, Beda Seeauer von St. Peter in Salzburg, Ulrich Huhndorf

von Neresheim, welche zunächst an der philosophischen Fakultät wirkten (vgl. Sattler, 329 ff., 414), gaben zum Theil durch umfassende Schriften Proben von ihren physikalischen Kenntnissen. Erzbischof Jakob Ernst Graf von Lichtenstein legte im Jahre 1745 bereits auch den Grund zu einem unentbehrlichen physikalischen Kabinet, für welches dessen Nachfolger A. Jakob Graf von Dietrichstein eine jährliche Summe zur Beschaffung der nothwendigen Instrumente auswarf.1)

Indeß bildete die Einführung der Experimentalphysik nicht das einzige Zugeständniß der Salzburger Universität an die neuere Zeit. Die Seele der ganzen Reformbewegung, welche in dem Studienplane vom Jahre 1741 ihren Ausdruck gefunden hatte, und die sich in gleicher Weise auf Philosophie und Theologie erstreckte, war Berthold Vogel von Kremsmünster gewesen. Sein langjähriges Wirken an der Universität, welcher er von 1744-1759 als Rektor vorstand, bezeichnet den Zeitpunkt, wo die moderne philosophische Denkweise zu Salzburg Einfluß zu gewinnen begann. Schon in den ersten Jahren seiner Lehrthätigkeit suchte er sein Auditorium auch mit der Leibniz-Wolff'schen Philosophie bekannt zu machen, soweit die akademischen Vorschriften es gestatteten, und empfahl im mündlichen Vortrage nachdrücklich das Studium der neueren Philosophie in Verbindung mit den mathematischen und exakten Wissenschaften". Es wird berichtet, daß die moderne Philosophie, nachdem er 1744 an die theologische Fakultät übergetreten war, auch seine theologischen Vorlesungen nicht unbeeinflußt ließ. Und als das Direktorium bei der Triennalvisitation im Jahre 1747 die Verfügung treffen wollte, daß die Scholastik wie früher die Grundlage des philosophischen und theologischen Studiums bilden und die Vorträge diktirt werden sollten, widersezte er sich diesem Vorhaben mit der

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1) Kinter, Studien und Mittheilungen 1882, I. S. 85.

Autorität eines Rektor Magnificus" (Sattler, 411).

Nachdem so Vogel eine Bresche in die bisherige hermetische Abgeschlossenheit des akademischen Studiums gegen die Zeitphilosophie gebrochen hatte, folgten ihm andere unbedenklich nach, so der bereits genannte Beda Seeauer, welcher 1745 eine Philosophia antiquo-nova ad usum juventutis academicae herausgab, Frobenius Forster, der gleich bei der feierlichen Eröffnung des Studienjahres 1745/46 „de utiliter conjungendis philosophia veteri et nova“ sprach und in der Folge in seinen Vorträgen und Schriften thatsächlich eine solche Verbindung anstrebte, u. Andere. Forster, welcher später Fürstabt seines Klosters, St. Emmeram zu Regensburg, wurde und hier eine überaus rege und vielseitige wissenschaftliche Thätigkeit inaugurirte, verurtheilt die engherzige Abschließung gegen die neuere, namentlich die cartesianische und Leibniz-Wolff'sche Philosophie. Es sei nicht mehr erlaubt, sie zu ignoriren. Ueber die Stellung und Bedeutung der lezteren können sich nur diejenigen noch täuschen, welche unbekümmert um das, was draußen vorgeht, am Schatten des eigenen Hauses haften (Meditatio philosophica, 1747 Prol.). Es war jedoch nicht die rückhaltlose Annahme, wofür dieser und andere katholische Gelehrte der Zeit ihre Stimme erhoben, sondern lediglich eine Rücksichtnahme. Eine ähnliche Reserve speciell gegen die Wolff'sche Doktrin, wie sie nach dem von Eucken mitgetheilten Index verbotener Säße die philosophische Fakultät der Universität Jena zur Vorschrift machte, beobachteten auch sie thatsächlich in ihren Schriften. Der erste Compromiß mit der neueren Philosophie wurde nämlich an den katholischen Schulen zumeist geschlossen unter dem Titel der „eklektischen Philojophie". Der Zeitpunkt, an welchem sich diese Wendung, von vereinzelten früheren Vorstößen namentlich des Cartesianismus abgesehen, an einer Reihe gelehrter Anstalten Süddeutschlands allmählich vollzog, war ungefähr derselbe wie an der Universität zu Salzburg.

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