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XXI.

Der Begründer des preußischen Staatskatholicismus. (Graf Frankenberg †)

Am 31. Dezember 1897 übermittelte der Telegraph den Tagesblättern folgende Nachricht aus Oberschlesien: Graf von Frankenberg und Ludwigsdorf, Freiherr von Schellendorf auf Tillowiß bei Falkenberg i. Schl., Mitglied des Staatsrathes, des Herrenhauses, des Provinzialrathes für Schlesien und des Ausschusses für Untersuchung der Wasserverhältnisse in den der Ueberschwemmung besonders ausgesezten Flußgebieten, der in den Feiertagen zum Besuche beim Herzog von Ujest auf Schloß Slawenziß weilte, ist dort nach achttägigem Krankenlager Nachts 12 Uhr, 62 Jahre alt, gestorben."

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Der Name des Verschiedenen war zulezt so wenig bekannt, daß selbst große Parteiblätter gar nicht zu wissen schienen, wer und was Graf Frankenberg einst im Leben gewesen war. Die Redaktion der „Schlesischen Volkszeitung“ versah die obige Depesche noch am Abend des hl. Sylvester mit folgendem Commentar: „Mit dem Grafen Fred Frankenberg ist wiederum einer von jenen katholischen Magnaten heimgegangen, welche in Gemeinschaft mit dem gleichfalls längst verewigten Grafen Renard es zum Schmerze der Katholiken für angebracht erachtet hatten, auf Seiten des, culturkämpfenden Staates ihren Glaubensbrüdern, ihrer Kirche und deren Oberhaupte Steine in den Weg zu werfen, anstatt ihren Einfluß und ihre reichen. Geistesgaben mit dem übrigen katholischen Adel in den Dienst der Kirche zu stellen. Graf Fred Frankenberg war es ja, der

in heißer Culturkampfesdebatte im Parlament das traurige Wort sprach: es würde nicht früher besser werden, bis deutsche Bildung und Gesittung im Vatikan einfehre. Bei solcher Gesinnung war es daher nicht zu verwundern, daß ihm die katholischen Wähler des Wahlkreises Grottkau-Falkenberg den Abschied gaben und er im Wahlkreise Ohlau-Strehlen-Nimptsch Unterkunft suchen mußte, den er dann bis zum Jahre 1881 im Reichstage vertrat. Eine Zeit lang (von 1866 bis 1869) gehörte er auch dem preußischen Abgeordnetenhause als Vertreter von Ohlau-Brieg an. Die Hoffnung, die hier und da gehegt wurde, den Grafen doch noch in den Reihen des Centrums als einen der Unsrigen begrüßen zu können, hat sich als trügerisch erwiesen. Nun er todt ist, tragen wir ihm keinen Groll im Herzen nach. Möge ihm Gott ein gnädiger Richter sein! -Der Verstorbene war am 5. Februar 1835 zu Breslau geboren und seit dem 24. Juni 1872 mit der Prinzessin Luise zu Hohenlohe-Dehringen, Tochter weiland Herzogs von Ujest,

vermählt."

Graf Er hatte

Diesen Nachruf können wir durchweg unterschreiben. Nur könnte es den irrthümlichen Anschein erwecken, daß die reichen Geistesgaben, welche beim Verewigten hervorgehoben werden, nicht auch bei seinen adeligen parlamentarischen Collegen, speciell den Centrumsmitgliedern, vorhanden gewesen wären. Frankenberg war ohne Zweifel ein talentirter Mann. das Matthias-Gymnasium zu Breslau besucht und auf den Universitäten Breslau und Bonn Jurisprudenz studirt, auch die landwirthschaftliche Akademie zu Tharand frequentirt, sowie Reisen durch ganz Europa und Aegypten gemacht. Von seinen Collegen, welche dieselben oder noch mehr Kenntnisse besaßen, unterschied er sich aber wesentlich dadurch, daß leßtere nur dann das öffentliche Wort ergriffen, wenn sie von der Fraktion dazu gezwungen worden waren, während Graf Frankenberg sich selbst gern in den Vordergrund stellte. Zeuge davon ist namentlich sein vor anderthalb Jahren veröffentlichtes KriegsTagebuch - besprochen in der „Germania“ und „Schlesischen Volkszeitung" vom Juli 1896. Jeder Leser desselben, der sich einigermaßen auf Psychologie versteht, erkennt heraus, daß der Selbstbiograph sich jederzeit gern von einer „höheren“

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Sonne bescheinen ließ. Im Kriege suchte er die Nähe des Kronprinzen auf, im Frieden die Bismarcks. Er hat gewiß nicht geahnt, daß diese beiden Sonnen noch lange vor ihm erbleichen würden. Er sank ins Grab, ohne Minister, Botschafter oder Statthalter geworden zu sein. Wenn man das von ihm zur Culturkampfszeit im Parlamente gesprochene traurige Wort citirte: Es würde nicht eher besser werden, bis deutsche Bildung und Gesittung im Vatikan einkehre, so kann man auch an ein anderes Wort von ihm erinnern, das seinerzeit noch größeres Aufsehen gemacht hatte. Er schilderte einst im Reichstage einen römischen Gesellschaftsabend beim deutschen. Botschafter in Rom und sagte, daß an dieser Soirée die ver schiedensten Elemente theilgenommen hätten vom Fürsten bis herab zum Künstler“. Die „liberale" Presse wurde Jahre hindurch nicht müde, dem Grafen zu erklären, daß es auch Künstler gebe, die über Fürsten stehen. Dieser Satz allein befundete die Unfähigkeit des Grafen zur Bekleidung eines höheren Postens im constitutionellen Staatswesen.

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Seine allbekannte kirchenpolitische Stellung wurzelte lediglich in seiner Unterwürfigkeit unter Bismarck. Lezterer glaubte den Grafen als eins seiner Werkzeuge zur Verstaatlichung der katholischen Kirche gebrauchen zu können, und Graf Frankenberg war nicht scharfsinnig genug, um, abgesehen von der Unkirchlichkeit, die Unmöglichkeit dieses Planes zu erfassen. In einem bis jezt noch nicht bekannt gewordenen Briefe schrieb er einem ihm befreundeten Centrumsmitgliede, dasselbe möge doch, gleich ihm, sich an Bismarck anschließen, da der Kanzler dem Katholicismus gegenüber wohlwollend sei, aber zu weit reichende Pläne verfolge, als daß sie bekannt gegeben werden könnten. Jezt weiß man, daß dem Kanzler das Wohlwollen erst hat durch die entschiedene Haltung des katholischen Volkes abgerungen werden müssen. Wäre es nach Frankenberg-Bismarck gegangen, so hätten wir heute eine Art Katholicismus in Preußen wie in Rußland.

Den ersten Beweis seiner irrthümlichen Auffassung erhielt Graf Frankenberg durch seinen heimatlichen Wahlkreis, der ihm das Vertrauen der Wiederwahl entzog. Seitdem wurde der Graf als Parlamentarier heimatlos; getragen von Ele

menten, die ihm elbst gewiß am wenigsten sympathisch waren, candidirte er in der Fremde bald hier bald dort und konnte bisweilen nirgends ein Mandat erzielen.

In seinem Privatleben dagegen hat man niemals Klagen über sein Verhalten zur Kirche vernommen. Er ist auch, obgleich unerwartet, doch wohl vorbereitet gestorben. De internis non iudicat praetor. Der Verstorbene hat bereits vor seinem ewigen Richter gestanden. Wir haben es hier nur mit dem Kirchen politiker zu thun, und da müssen wir allerdings sagen: So, wie das Hauptwerk des Grafen, der preußische Staatskatholicismus, schon über zwei Jahrzehnte vor ihm verschieden ist, so hat er selbst, geblendet von fremder und trügerischer Sonne, ein verfehltes politisches Leben geführt.

Graf Frankenberg spielte, wie schon angedeutet, zu Beginn des Culturkampfes" eine wichtige Rolle.

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Fürst Bismarck wollte den Kirchenkampf nicht im Sinne der radikalen „Culturpauker", aber doch so kämpfen, daß dabei eine Vernichtung des Wesens der katholischen Kirche eingetreten. wäre. Am liebsten hätte er für den Papst ein avignonesisches Schloß in Berlin gebaut; wegen Errichtung einer päpstlichen Nuntiatur in Berlin wurde bereits ganz ernstlich unterhandelt; einer der in der Nähe der St. Hedwigskirche befindlichen Judenpaläste war schon als Nuntiaturpalais in Aussicht genommen, als die Hofprediger dem Kaiser Wilhelm I. erfolg= reich bedeuteten, es sei unmöglich zulässig, daß in Berlin, wo man seit 350 Jahren das „helle Licht des Evangeliums" an Stelle der „päpstlichen Finsterniß" geseßt, ein Vertreter des Papstes seinen Einzug halte.

Nach Bismarcks Plan hatte der Nuntius keinen andern Zweck, als das Centrum nach Art der Nationalservilen und Freiconservativen zur Regierungspartei zu machen. Aber schon vor dem Einzug des Nuntius sollte diesen Plan Graf Frankenberg in seinem Kreise zu verwirklichen sich bemühen.

Der Graf hatte sich mit seinen Freunden, dem Herzog von Ratibor, dem Canonicus Künzer u. s. w. von den sog. altkatholischen" Agitationen ferngehalten; er, stand darum im Rufe eines firchentreuen Katholiken; mittelst seiner und seiner

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Gesinnungsgenossen Autorität hoffte Bismarck alle übrigen Katholiken zu bewegen, das maigeseßliche Joch ohne Widerspruch auf sich zu nehmen, aber die Erfahrung sollte den Kanzler bald belehren, daß er in Unkenntniß, sein Freund Frankenberg in Unklarheit gegenüber der katholischen Kirche sich bewegte.

Graf Frankenberg, der Herzog von Ratibor 2c. hatten in einer öffentlichen, von einer Anzahl Katholiken unterzeichneten Adresse im Jahre 1873 den unkatholischen, weil unchristlichen Saß ausgesprochen, daß der Staat allein das Recht habe, seine Grenzen gegenüber der Kirche zu reguliren, was in praxi nichts anderes heißt, als daß der Staat im Gewissen bindende Geseze erlassen dürfe, welche in das innere Leben der Kirche. eingreifen. Es ist klar, daß unter diesen Umständen die katholische Kirche in Preußen nur noch ein Departement des Culusministeriums geworden wäre, das nach dem Ausspruch des Geh. Rathes Wehrenpfennig auch vor dem Dogma nicht stehen zu bleiben“ hätte.

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Während die katholischen Bischöfe lieber ins Gefängniß gingen, als die Hand zur Ausführung solcher Grundsäge boten, nannte das Volk die neue Partei Staatskatholiken" und bewies ihr, daß vom „Staatskatholicismus“ nichts im Katechismus stehe.

Troß der größten Anstrengungen konnten Graf Frankenberg und der Herzog von Ratibor ihre Wiederwahl in ihren fatholischen Stamm-Wahlkreisen nicht durchseßen sie mußten sich in protestantische Distrikte flüchten, wo man sie zuletzt, wo die nova potentia", d. h. die Auflehnung gegen die „Großen“ zu wachsen begann, ebenfalls nicht mehr wählte. Der ab: trünnige Breslauer Domherr Dr. Künzer -- er war nur Einer unter Zwölfen hatte, nachdem er in der katholischen Grafschaft Glaß nicht wiedergewählt worden war, in feinem protestantischen Wahlkreise mehr die Majorität erzielen können. Der Versuch, Dr. Künzer am Rhein durchzubringen, erlebte noch ein größeres Fiasco als die dort vergeblich versuchte Wiederwahl des staatskatholischen Trierer Dompropstes Dr. Holzer.

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Kurz vor diesen, bald continuirlich gewordenen Niederlagen, welche der Staatskatholicismus" gleich dem „Alt=

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