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Gar mancher ideal veranlagte junge Mann wird sich dann auch begeistern oder neu begeistern für die socialen und wissenschaftlichen Aufgaben des katholischen Priesterthums, und wenn er dann an der neugestalteten Wiener theologischen Fakultät mit besseren Mitteln als Maurer sich der Wissenschaft weiht, wird er in dankbarer Erinnerung an das fünfzigjährige Regierungsjubiläum seines verehrten Monarchen, an die Thatkraft seines Oberhirten und die unermüdliche, endlich sieggekrönte Arbeit des derzeitigen Decans der Fakultät noch am Abend seines wissenschaftlichen Lebens gerne und mit wahrer Herzensfreude in das Lied miteinstimmen:

Es gibt nur eine Kaiserstadt,
Es gibt nur ein Wien!

P. Wehofer O. Praed.

XVII.

Die Parität in Preußen.

Am 29. September 1896 eröffnete der bayerische Reichsrath Freiherr v. Hertling die Constanzer Generalversammlung der Görresgesellschaft mit einer Ansprache, die vielfach Aufsehen erregt hat. Anknüpfend an die Confessionsstatistik der Universitätslehrer und der Schüler der höheren Lehranstalten in Bayern erklärte er es rundweg als richtig, „daß wir uns in Deutschland von den Protestanten haben überflügeln lassen", und zwar nicht nur, was das Angebot für die einzelnen Zweige des akademischen Lehrberufs betrifft, sondern auch ganz allgemein in höherer Bildung". Der Vergleich mit einer früheren Periode ließ den Redner er

kennen, „daß das Zurückbleiben der Katholiken in einer langsamen, aber stetigen Steigerung begriffen ist", daß „wir es mit den Ergebnissen eines weit zurückliegenden Processes zu thun haben". Für die Gefahr, welche das ungehemmte Fortschreiten dieses Processes in sich schließen würde, acceptirte er die Formulirung, daß mit der Zeit die Bevölkerung auch in überwiegend katholischen Ländern in zwei Klassen auseinanderfallen müßte, in die herrschende Klasse der ge= bildeten Protestanten und in die beherrschte der katholischen Bauern und Handwerker". Ohne die Gründe erschöpfen zu wollen, fand er in dieser betrübenden Erscheinung „das Resultat einer Bewegung, die bis zum Beginn des Jahrhunderts zurückreicht und an deren Anfängen zwei große welthistorische Thatsachen liegen: die Auflösung des alten Reiches und die Säcularisation“.1)

Die katholischen Gelehrten, welche in Constanz diesem Vortrag beiwohnten, haben ihn mit lebhaftem Beifall begrüßt. Anderswo mag man vereinzelt über die unumwundene Sprache erstaunt gewesen sein harte Wahrheiten hört man ja nicht gerade gern - aber von einem eigentlichen Widerspruch ist mir nichts bekannt geworden. Auf gegner ischer Seite suchte man daraus Kapital zu schlagen, und ein norddeutsches Blatt meinte jogar: „Man könnte von ihm (v. Hertling) erwarten, daß er den Paritäts-Querulanten den Rath gäbe, den Vorwurf wegen angeblicher Zurückseßung in den gelehrten Berufen nicht gegen den Staat oder die Protestanten, sondern gegen die katholische Bevölkerung selbst zu erheben.“ Dies hat Herrn v. Hertling Anlaß zu der nachdrücklichen Feststellung gegeben, daß die ParitätsQuerelen durch jene Ausführungen in keiner Weise abgeschwächt werden. Den vorhandenen Candidaten ist das katholische Bekenntniß in Preußen und anderswo oft genug

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1) Jahresbericht der Görresgesellschaft für 1896 . 16. Aehnlich in den Histor. polit. Blättern Bd 117, S. 676 ff.

ein Hinderniß in der Carriere gewesen. Von dieser Seite der Sache zu reden, lag in Constanz keine Veranlassung vor; sie ist anderwärts oft genug hervorgehoben worden. Hier galt es, auf die Nothwendigkeit hinzuweisen, allen cntgegenstehenden Hindernissen zum Troße eine stärkere Betheiligung der deutschen Katholiken in der Aneignung höherer Bildung und in wissenschaftlicher Arbeit herbeizuführen." 1)

In diesem Zusammenhang hat Herr v. Hertling auch die unverhältnißmäßig geringe Vertretung des katholischen Elementes in den höheren Staatsstellen Preußens und das Zurückbleiben in der Carriere auf ein „System" zurückgeführt. Das ist bekanntlich keine neue Entdeckung. Die Sache ob auch das Wort, ist gleichgültig hat in den Paritätsdebatten des preußischen Abgeordnetenhauses in den fünfziger Jahren eine große Rolle gespielt; vollständig verschwand sie nie von der Tagesordnung, und zwei Jahrzehnte später drängte sie sich auch den naivsten Gemüthern gebieterisch auf. Wieder 20 Jahre darauf kam die Paritätsbewegung mehr wie je in Fluß. Hauptsächlich 1894 brachte die Centrumspresse der verschiedenen preußischen Provinzen statistische Untersuchungen mit ganz erschreckenden Ziffern. Es entstand eine lebhafte Zeitungsfehde, die sich aber naturgemäß in eine Reihe von Einzelgefechten auflöste. Wenn bald dieses, bald jenes Blatt ein einzelnes Stück aus dem Paritätselend herausgriff, dann war es für die Gegner verhältnißmäßig leicht, einer ernsthaften Discussion mit Bemängelung einzelner Angaben und mit den beliebten allgemeinen Redensarten aus dem Wege zu gehen: Im Rechtsstaate Preußen erfolgten die Anstellungen nur nach der Befähigung der Candidaten, und wenn dabei die Katholiken

1) Köln. Volkszeitung 1896 Nr. 752 vom 4. November. Abgedruckt im Jahresbericht der Görresgesellschaft für 1896 S. 21.

ziffernmäßig zu kurz kämen, hätten sie es entweder dem mangelnden Angebot oder ihrer allgemeinen geistigen Inferiorität oder beiden Gründen zuzuschreiben.

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Da ist es nun ein großes Verdienst, daß aus der Initiative einer Anzahl mitten im öffentlichen Leben stehender fatholischer Persönlichkeiten“ eine Denkschrift „Die Parität in Preußen" hervorgegangen ist (Köln, J. P. Bachem 1897, 165 S. 8°), welche, die Ausführungen des Frhrn. v. Hertling ergänzend, die werthvollen journalistischen Vorarbeiten benußend, die Frage in ihrer Gesammtheit geschichtlich, statistisch und staatsrechtlich behandelt. Dieser wahrlich nicht leichte Versuch ist hier zum ersten Male gemacht, und die eingehende Aufmerksamkeit, welche fast die gesammte Presse der Schrift in den wenigen seit ihrem Erscheinen verflossenen Wochen gewidmet hat, ist ein Zeichen, daß er im Wesentlichen gelungen ist.

Den weitaus größten Raum nimmt selbstverständlich die Paritätsstatistik (S. 13-150) ein, die in vier Abschnitten die allgemeine Staatsverwaltung, Schulverwaltung (Universitäten, Gymnasien und Realschulen, Volksschulwesen), Säcularisation und Staatsleistungen, die katholischen Stiftungsfonds behandelt. Eine ganz ungeheure Arbeit steckt in diesen unzähligen übersichtlich gruppirten Ziffern. Man beachte, daß abgesehen von einer Anzahl von Zeitungsartikeln der letzten vier Jahre nennenswerthe Vorarbeiten fast gar nicht vorhanden waren; die Denkschrift nennt deren nur zwei, die vortreffliche, aber schon 1862 erschienene „Denkschrift über die Parität an der Universität Bonn mit einem Hinblick auf Breslau und die übrigen preußischen Hochschulen“ and die werthvollen Beiträge hauptsächlich zur Geschichte der Säcularisation, die der verstorbene Abgeordnete Rudolphi in seiner Schrift Zur Kirchenpolitik Preußens“ (2. Auflage. Paderborn 1897) geliefert hat. Das alles waren nur Bruchstücke und Einzelheiten, und das gedruckte amtliche Material bot zwar Stellen und Namensverzeichnisse, aber bei den

Histor. polit. Blätter CXXI. (1898).

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meisten Ressorts keine Confessionsbezeichnung. Man stelle sich die Arbeit und die enormen Schwierigkeiten vor, auf welche die Privatermittlung bei der Ausfüllung dieser Lücken und bei der Controle der fragmentarischen Vorarbeiten stoßen mußte Vielleicht geht man nicht zu weit in der Annahme: Es mußten Tausende von zum Theil auf einzelne Beamte und Ziffern bezüglichen Briefen geschrieben werden, bevor diese 138 Druckseiten geschrieben werden konnten.

Daß da nicht gleich Alles bis auf das Tipfelchen stimmt, versteht sich von selbst, und es ist vollständig in der Ordnung, wenn die katholische Presse diese Arbeit nicht nur im Allgemeinen würdigt, sondern auch im Einzelnen prüft, crgänzt, berichtigt. Auch Lücken mag man notiren, die in einer idealen Statistik auszufüllen sein würden. Ich denke hiebei nicht sowohl an den Umstand, daß bei der nach Provinzen geordneten Statistik der allgemeinen Staatsverwaltung die weit überwiegend protestantischen Provinzen Brandenburg, Pommern und Schleswig-Holstein außer Betracht gelassen werden es hat wirklich keinen Zweck, im Einzelnen sestzustellen, daß dort die höheren Beamten fast bis auf den legten Mann protestantisch sind, und ein weißer Rabe wie der katholische Landrath von Pinneberg ändert an dem Gesammtbilde gar nichts. Eher mag man eine Confessionsstatistik der Amtsrichter die Justizstatistik setzt bei den Landrichtern ein vermissen, sie würde von Werth sein, um das seltsame Verhältniß zwischen dem Angebot in den unteren und der Nachfrage in den höheren Stellen noch augenfälliger zu illustriren. Auch eine Statistik der Rechtsanwälte wäre willkommen, um zu sehen, in welchem Verhältniß die katholischen Juristen sich dem freien Beruf oder der Staatsstellung zuwenden. Aber das sind Kleinigkeiten und Wünsche für die Zukunft. Zu den leßteren gehört auch eine Statistik der Universitäten, die in der Denkschrift (S. 69) nur gestreift werden. Streng genommen gehören sie in dieselbe nicht hinein, da hier die Ernennungen nicht ausschließlich

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