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auf das Gebiet des Küstenschußes beschränkten und auf das zum Schuß der deutschen Interessen im Auslande durchaus Nöthige; insbesondere falle es Deutschland nicht ein, eine Flotte ersten Ranges, etwa zur Concurrenz mit der englischen Flotte, anzustreben. Der selige Windthorst traute damals schon dem schönen Wetter nicht. Bei der Etatsberathung von 1886 warnte er ausdrücklich unter der Hin weisung: daß wir mit unserer Marine nicht in den Grenzen bleiben, die von Anfang an in Aussicht genommen waren, daß man über den Flotten Begründungsplan hinausgehe und wir heute in's Ungewisse hineinschiffen. gar nicht mehr berechnen können, wo die Bewilligungen schließlich aufhören werden.") Als aber diese Worte gesprochen wurden, galt die Socialreform noch für längere Zeit als die erblich übernommene Hauptaufgabe des Reiches, an ihre Stelle trat dann der Grundsay: Reichthum sei eines der unentbehrlichsten und gewaltigsten Kriegsmittel der Zukunft“, und das ist das Zeichen der neuern Zeit im Reiche. Auch mit den, Länder wie das halbe deutsche Reich umfassenden, Colonien in Ost- und Westafrika wird nicht mehr Staat gemacht, weil sie nur kosten und, auf weiß Gott wie lange, dem Reichthum nicht zu Gute kommen.

Der deutsche Reichstag ist dafür bekannt, daß er sich fast gar nicht mit auswärtiger Politik befaßt, wohl weil er selber fühlt, daß dieselbe „der Kaiser allein macht“. Dennoch sah sich der damalige Minister des Auswärtigen Herr von Marschall veranlaßt, in der Sizung vom 16. März 1896 über den Etat, in dem die bekannten drei neuen Kreuzer verlangt wurden, über die Gründe zu sprechen, „aus denen Deutschland mit Rußland und Frankreich dem siegreichen Japan in die Arme gefallen sei." Er bemerkte, warum es

1) Berliner Correspondenz der Wiener „Reichspost“ v. 19. Dez. 1897.

für uns gefährlich gewesen wäre, China in die Abhängigkeit von Japan gerathen zu lassen, und er fügte bei: „Freilich, die Wogen, die jener Krieg in Ostasien aufgeregt hat, sie werden sich so bald nicht glätten; und wer wollte heute die Entwicklung voraussehen, welche die ostasiatischen Verhältnisse in der nächsten Zukunft nehmen werden? Wir haben so große Interessen dort, daß wir auf der Wacht sein müssen, einmal die Interessen, die wir heute haben, zu schüßen: die Handelsinteressen, die Schifffahrtsinteressen, die Interessen unserer Missionare; sodann aber müssen wir entschlossen seyn, an der zukünftigen Entwicklung der dortigen commerciellen Verhältnisse pari passu mit anderen Nationen theilzunehmen, und zu diesem Zwecke bedürfen wir einer starken Kreuzerflotte." 1) Auf eine Besizergreifung von chinesischem Küstenland ließ sich hienach noch nicht rathen. Dennoch waren ohne Zweifel die geheimen Verhandlungen mit Rußland schon im Zug, welche schließlich nach Kiao-Tschau führten. Und das war auch der Strick, der dem Reichstag um den Hals geworfen wurde, um ihn zur Annahme des neuen Flottenplanes zu zwingen.

Die Ueberraschung, die mit der sogenannten Wendung zur neuen Weltaera verbunden war, hat namentlich im reichsdeutschen Süden sehr böses Blut gemacht. Schon die neue Marine Forderung hatte hier die sprichwörtliche Reichsverdrossenheit auf's Höchste gesteigert, und die heimlichen Machenschaften, die zur Erwerbung des chinesischen HafenTerritoriums führten, haben dem Fasse den Boden ausgeschlagen. Das Centrum mit seinen bayerischen Mitgliedern wird sich sehr in Acht nehmen müssen. Unser Süden hat feine Meeresküsten, und mit Triest und Pola würde er leichter verkehren als mit Kiel. Zu der Frage, ob wir

1) Berliner Corresp. s. „Wochenblatt der Frankfurter Zeitung" vom 25. Dezember 1897.

denn auch noch nach China zahlen sollen, kommt noch der Unwille mit dem Verfahren gegenüber den süddeutschen Bundesstaaten. Man spricht von dem drohenden Absolutismus, ist es aber nicht der reine Absolutismus, wenn nicht einmal die Regierungen im Bundesrath zu den schwerwiegenden Unternehmungen beigezogen wurden, geschweige denn, daß etwa gar der verfassungsmäßige BundesrathsAusschuß für die auswärtigen Angelegenheiten endlich einmal offenkundig einberufen worden wäre. Man war im vollen Rechte schon vor drei Jahren, als es sich um die Einmischung des deutschen Reiches in die chinesisch japanische Verwicklung in der Verbindung mit Frankreich und Rußland handelte, ein verfassungsmäßiges Votum des Bundesraths-Ausschusses zu erwarten. Aber er blieb bis heute verschollen, wie auch der Reichstag beidemal vor vollendete Thatsachen gestellt wurde. Es ist zu bezeichnend, um nicht die damalige Erinnerung zu wiederholen:

„Aber die Reichsverfassung hat noch ein höheres Collegium eingeführt, von dem man meinen sollte, daß es in einer so folgenschweren Frage nicht umgangen werden könnte. Das ist der im Bundesrathe alljährlich zu wählende Ausschuß für die auswärtigen Angelegenheiten", in welchem Bayern den Vorsit führen sollte (Art. 8 der Verfassung). Man hat sich damals auf diese Ehre in Bayern viel zu Gute gethan; aber seit vielen Jahren ist der Auschuß in einer Versenkung verschwunden. Bor zwanzig Jahren hat ein bayerischer Abgeordneter sich darnach erkundigt, und in der grimmigen Widerrede Bismarcks ist unter Anderm das Wort von der ,thurmhohen Freundschaft mit Rußland gefallen. Als derselbe Abgeordnete nach zwei Jahren abermals nachfragte, hatte er inzwischen erfahren, daß der Ausschuß für die auswärtigen Angelegenheiten einmal eine Sigung gehabt habe, und zwar wegen der Insel Spißbergen im nördlichen Eismeer. Seitdem hat man von dem Ausschuß nichts mehr gehört, auch diesmal nicht bei der Entstehung eines neuen Dreibundes und der drohenden Kriegsgefahr. So wäre

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es denn nicht zu verwundern, wenn bei dem auswärtigen Amt der vorsitzenden Macht in München sich nicht einmal das nöthige Kartenwerk zur Orientirung über die chinesischen und japanischen Gegenden vorfände." 1)

Fest steht vorerst so viel, daß Rußland über China bei der vermodernden Regierung in Peking das Protektorat in den Händen hält, sowie es in dem nähern Orient über den „franken Mann“ in Constantinopel gebietet, Alles mit preußcher Hülfe. Dahin hat es der Neid und die Eifersucht der Mächte in dem alten christlichen Europa gebracht. Zu den in China seit Jahrzehnten interessirten Mächten ist nun das Deutsche Reich hinzugetreten, und das wird namentlich auch mit den neu aufgekommenen Rivalen Japan und Nordamerika zu rechnen haben. Man wird überhaupt auch sonst von China viel hören, denn wenn auch die alte Mandschu= Dynastie am Erlöschen ist, so leben doch in den Hinterländern der Hafenorte noch vierhundert Millionen Menschen, bei welchen der Fremdenhaß ungleich eingewurzelter ist als der Christenhaß, 2) wie auch der Bischof Anzer neuerdings bezeugt.

1) „Histor. polit. Blätter" vom 12. Mai 1895. Band 115 S. 795.

2) Vgl. „Das Reich im neuen Dreibund für Ostasien und der Friedensvertrag von Simonoseki“ s. „Histor.polit. Blätter" 1895 Bd. 115. Nr. I. S. 785 und Nr. II. Bd. 116. S. 62 ff.

XV.

Christenthum und Weltmoral."

Der erste der vorliegenden Vorträge wirft den Blick nach rückwärts und schildert das Verhältniß der altchristlichen Moral zur ausgehenden antiken Ethik; der zweite betrachtet den Werth der weltlichen Cultur vom Standpunkte der christlichen Sittenlehre. Obwohl es Gelegenheitsreden zum Antritt des Rektorates und zur Feier des Geburtstages des Kaisers sind, so berühren sie doch Fragen von ganz allgemeiner Bedeutung und theilweise eminent aktuellem Interesse.

So lange der Hegelianismus noch eine Macht unter den fog. Gebildeten war, galt bekanntlich das Christenthum als eine ganz natürliche Entwicklung, als ein Conglomerat stoischer und neuplatonischer Philosophie. Gegenwärtig herrscht auch bei den liberalen" protestantischen Theologen so ziemlich die gemeinsame Ansicht, daß Christenthum und Hellenismus zwei sehr verschiedene Religionen bedeuten. Dieser Punkt wird in der ersten Rede in ziemlich eingehender Weise erörtert.

Es läßt sich nämlich das natürlich Wahre und Gute der heidnischen Cultur und Philosophie, an welche das Christen

1) Zwei Vorträge über das Verhältniß der christlichen Moral zur antiken Ethik und zur weltlichen Gultur. Von Dr. Joseph Mausbach, Professor der Moral und Apologetik und z. Rektor der Akademie zu Münster. Münster i. W. 1897. Druck uud Verlag der Aschendorff'schen Buchhandlung. SS. 61.

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