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Für die Lyrik wird in der von Gottsched neugestalteten und geleiteten Deutschen Gesellschaft ein Prinzip des erhabenen Gehaltes aufgestellt, zu dem La Motte 1) mit seiner Definition des Erhabenen als der harmonischen Vereinignng des Wahren und Neuen in einer großen Idee vorbildlich wirkt. Waniek faßt Gottscheds Grundgedanken für die Reformation der Lyrik folgendermaßen zusammen: »Die gekünstelten Formen . . . . sind abzuschaffen; das Erste und Wesentlichste ist der Inhalt».

Über die Entwicklung seiner dramatischen Anschauungen berichtet Gottsched selbst in der Vorrede zum Cato 2) (1732), daß er an Lohensteins Trauerspielen keinen rechten Geschmack habe gewinnen können. Dagegen bieten ihm Boileaus kritische Bemerkungen und Molières Stücke bessere Anregungen und unter den schwülstigen, zotigen und verworrenen Bühnenstücken jener Zeit fällt ihm beim Besuch des Leipziger Theaters als einziges Muster eines » ordentlichen Schauspiels<< der Cid auf. Aber die Theorie des Dramas, die » Regeln« lernt er erst recht aus Daciers Aristotelesübersetzung und den dazu gehörigen Anmerkungen kennen. In dem nachfolgenden Verzeichnis seiner weiteren Gewährsmänner kehrt ein großer Teil der in der Vorrede zur >> Critischen Dichtkunst<< aufgezählten Namen wieder, d'Aubignac und Brumoy sind ihm schon damals bekannt.

Waniek hebt den Gegensatz zwischen der damaligen Lyrik und dem Drama scharf hervor. Fehlte dort der Gehalt und war die Form gekünstelt, so herrschte hier formlose Stoffüberfülle neben Unsinn und Schmutz. Über seinen Vorgänger König geht Gottsched in seinen Reinigungs- und Regelungsbestrebungen darin hinaus, daß er nicht gleich jenem nur das Vergnügen höfisch veredeln, sondern es lediglich als Mittel zum moralischen Zweck anerkennen will.

1) Auch dieser (Disc. sur la poésie en général et sur l'ode en particulier) will nichts von der moralischen Absicht der Poesie wissen: Der einzige Zweck aller Poesie ist das Gefallen. S. u. II. Teil, 1. Hauptstück.

2) Neudruck bei Crüger S. 41 ff.

Von der hieraus für ihn zunächst folgenden Beschränkung auf Darstellung des Alltagslebens im Gegensatz zu der außergewöhnlichen, jener Wirkung naturgemäß ziemlich fernen Welt der Haupt- und Staatsaktionen ist Gottsched später

unter französischem Einfluß zu einer mehr idealistischen Richtung zurückgekehrt und begnügt sich mit der Forderung einer das Ganze beherrschenden sittlichen Idee, ohne eine bis ins Einzelne getreue Wiedergabe des täglichen Lebens zu fordern.

Im Wesentlichen aber ist Gottsched nach Waniek, wie auch nach Braitmaiers Ansicht bereits in jenen Jahren (1726 bis 1728) auf dem Standpunkt seiner Critischen Dichtkunst angelangt, deren (selbständiger) Betrachtung wir uns im Folgenden zuwenden können. Betreffs prinzipieller Erörterung und Wertung von Gottscheds aesthetischer Theorie muß auf die Wiedergabe der Ansichten Wanieks, Braitmaiers und anderer Berufener im nächsten Abschnitt verwiesen werden.

II. Gottsched und seine Critische Dichtkunst in heutiger Auffassung.

Auch heute noch, wo der Zwist zwischen Gottsched und den Schweizern, wie seine Feindseligkeit gegen die jüngere Generation lediglich noch ein rein historisches Interesse haben, sind die Meinungen über Gottsched und sein Wirken sehr geteilt. Aus der betreffenden Literatur sei hier eine Anzahl der Hauptvertreter, die sich besonders auch mit der Würdigung von Gottscheds aesthetischer Theorie befaßt haben, aufgeführt.

Bekanntlich war es Danzel1), der zuerst) wieder die Blicke der Nachwelt auf Gottscheds Verdienste zu richten versuchte, indem er hauptsächlich aus seiner Korrespondenz ein Bild von dem umfassenden Wirken des vielgeschäftigen Mannes

1) Gottsched und seine Zeit. Leipzig 1848.

2) Die chronologische Reihenfolge ist weiterhin nicht streng festgehalten.

zu entwerfen versuchte. Er verteidigt Gottsched gegen den Vorwurf der Gallomanie und hebt seinen Patriotismus nnd sein Unabhängigkeitsstreben hervor, das ihn freilich nicht hinderte, allezeit fremde Elemente in schablonenhafter Weise zu übertragen. Gottscheds Hauptverdienste aber sind der Kampf gegen Schwulst und Marinismus, überhaupt Korrektheit, formale Schulung und Regelrechtigkeit. Wenn er nur einen Geschmack als richtig anerkannte, so war dies eine zeitgemäße Intoleranz, wie auch seine Regelnstrenge aus seinen philosophischen Anschauungen heraus zu erklären ist. Allerdings war ihm die Philosophie nur formale Bildung zu Klarheit und Deutlichkeit. >> Seine Aufgabe war nicht sowohl die Tiefe der Forschung, als eine gewisse praktische Stellung im Gebiete des wissenschaftlichen Treibens<<. Über diese seine Aufgabe, die Erwerbung einer nur formalen Bildung hinaus führt dann J. E. Schlegel mit seiner tieferen Erkenntnis der Antike und seiner feineren Unterscheidung des nationalen Geschmacks. Die Genialität der Schweizer und Gottscheds Abhängigkeit von ihnen werden allzu sehr überschätzt. Der Grundunterschied lag darin, daß Gottscheds praktischer Geist die Notwendigkeit von etwas Rationalem, Berechenbaren als Grundlage des Kunstschaffens erkannt hatte, daher mußte er auch streng auf die Befolgung der Regeln dringen; die Schweizer aber waren Theoretiker und fragten nach der Natur der Dichtung selbst.

Übrigens rückt Danzel Gottsched doch wohl etwas zu weit von den Griechen fort 1). Sicher hat Gottsched sie nicht besonders genau gekannt aber die Poetik des Aristoteles hat er zu der Zeit, als er eine Übersetzung davon ankündigte 2), nicht nur aus Corneilles und Brumoys Abhandlungen gekannt, wenn er sie wohl auch nicht im Original, sondern in Daciers Übertragung gelesen hatte 3).

1) S. 146.

2) Im VI. Bd. der Crit. Beitr., also um 1740.

3) Gegenüber der landläufigen Meinung, Gottsched habe die

Danzels Auffassung schließt sich großenteils Crüger1) an. Er hebt ebenfalls den Wert von Gottscheds praktischen Bestrebungen hervor und erkennt an, daß das Wesen der dichterischen Schönheit ihm fremd war. Die Erörterung über Gottscheds sprachliche Erfolge können wir hier übergehen. Bei der Besprechung der Critischen Dichtkunst betont Crüger wiederum die praktische Seite dieser kunsttheoretischen Zusammenstellung und gibt eine eingehende Übersicht über die wichtigsten Teile des Werkes mit besonderer Hervorhebung der Mängel. Über Gottscheds Quellen gibt Crüger nur Allgemeinheiten, nichts Bestimmtes. Die historische Bedeutung der Critischen Dichtkunst liegt nach seiner Ansicht hauptsächlich darin, daß trotz aller Mängel hier zum ersten Male in Deutschland eine ganze Fülle wenn auch fremder aesthetischer Gedanken systematisch zusammengestellt wird. Gottscheds Strenge in seinen Anschauungen vom Theater wird aus einer Schilderung der verwilderten damaligen Dramatik begreiflich gemacht 2).

Griechen nur in französischer Wiedergabe kennen gelernt, ist die folgende Bemerkung (Anm. h. zu S. 611 in der Übersetzung von Fontenelles Abhandlung vom Vorzug der Alten oder Neueren) höchst bemerkenswert:« . . . Die französischen Übersetzer handeln mit ihren Originalen nach ihrem Eigensinn. Sie binden sich gar nicht daran, sondern lassen aus, umschreiben, verkürzen, verbessern und verschlimmern alles, nach ihrem Dünkel. Man kann dieses aus Ablancourts, ja des Vaugelas, des Herrn und der Frau Dacier Exempeln erweisen. Wer also solche Übersetzungen liest, der liest eigentlich nicht griechische, sondern lauter französische Bücher. Wenn man nicht fürchten müßte, daß Gottsched möglicherweise die ganze Bemerkung aus fremden Händen, etwa von einem Vorkämpfer der Alten, übernommen habe, worauf sein sonst so außerordentlich unkritisches Verfahren in der Benutzung französischer Autoren und Übersetzer schließen läßt so könnte man hiernach fast glauben, daß Gottsched mit den Alten wesentlich näher bekannt war, als bisher angenommen wurde.

1) Gottsched u. die Schweizer. Kürschners Nationallitt. Bd. 42. 2) Der Wert dieser Richtung auch für die spätere Entwicklung wird S. LXXXV hervorgehoben.

Das Mangelhafte von Gottscheds aesthetischer Theorie hebt auch Antoniewicz1) an einem der wichtigsten Punkte, dem recht unklaren und unbestimmten Prinzip der Naturnachahmung hervor, dem erst J. E. Schlegel den rechten Sinn und Gehalt gab. Gottscheds Anlehnung an das Ausland war zeitlich bedingt, seine Moraltheorie ein Ausfluß der eudämonistischen Wolffschen Philosophie: Wie alles in der Welt strömt auch die Kunst der menschlichen Glückseligkeit als Ziel zu, und zwar als ein Mittel zur moralischen Bildung.

Bernays) glaubt, daß bei Gottsched seit 1729 keine Weiterentwicklung der aesthetischen Anschauungen stattgefunden hat, und rechnet die Critische Dichtkunst zu den dogmatischen Poetiken, die seit der Renaissance im Schwange waren; er erklärt aber gleichwohl Gottsched für einen umsichtigen Mann, der mit vernünftiger Wahl aus der theoretisch-kritischen Literatur und aus der Masse der Poetiken seit Scaliger seine Sätze entlehnte. Seine Theaterbestrebungen gingen notwendig aus seinem Prinzip einer aus den Vernunftgesetzen abgeleiteten formalen Zucht hervor; Muster hierfür konnte er nur in Frankreich finden und nahm sie nur als Übergang, in dem er aber leider dann stecken blieb. Jedenfalls war sein Tun historisch bedingt, um unserer werdenden Literatur freie Bahn zu schaffen.

Nach Koch) ist Gottscheds strenge Schulung besonders in der Reaktion gegen den Marinismus in Sachen des gesunden Menschenverstandes und des sittlichen Anstandes von wohl

tätiger Wirkung gewesen. Die Nachahmung der Franzosen hat er wegen der von ihm für recht erkannten klaren Korrektheit und verstandesmäßigen Regelrechtigkeit als Durchgangs

1) J. E. Schlegels Dramaturg. Schriften. Deutsche Litteraturdenkmäler des 18. u. 19. Jahrh. Nr. 26. Heilbronn 1887.

2) Gottsched. In der allg. Deutschen Biographie Leipzig 1880. 3) Gottsched und die Reform der deutschen Literatur. Sammlung gemeinverst. Wissenschaftl. Vorträge. N. F. I. Serie, 21. Heft, Hamburg 1887.

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