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„Poëma vero ipsum, quod alicujus rei perceptionem elocutionis modo ad poësis rationem adaptato breviter ingeniose et cum emphasi expedit“, so entgeht ihm, dass dadurch doch nur ein Sprach- Kunstwerk charakterisirt wird. Er selbst führt aus, dass eine Verarbeitung des Stoffes das eigenthümliche Wesen des Epigramms zerstören würde, also z. B. eine weitere Ausführung durch Beschreibung zur Prosa führen müsste (p. 76), durch Spott zur Satire (p. 80), durch Erhebung der Empfindung in's Allgemeine zur Lyrik (p. 75); und er scheidet bestimmt von diesen grösseren Darstellungen das Epigramm, dessen Natur es sei (p. 73): „ut sensus ipse detur, non sensus analysis“ ,,solvere igitur sensus longamque idearum seriem producere, aliorum erit carminum, eoque ipso ab epigrammate maxime distinguentur“. *) Wäre Groke nicht der irrigen Ansicht gewesen, dass die Kunstform des Ausdrucks hinreiche, um ein Sprachwerk zur Dichtung zu machen, so würde er das Epigramm desshalb auch dieser ein

*) Ueber diese von dem Wesen des Epigramms geforderte Kürze sprachen sich schon die Epigrammatisten der Alten sehr entschieden aus. Cyrillus (Αnth. gr. ΙΧ, 369) sagt: Πάγκαλόν εστεπίγραμμα το δίστιχον ήν δε

παρέλθης
τους τρείς, δαψωδείς, κουκ επίγραμμα λέγεις.
und Parmenio (I. c. IX, 342):

Φημί πολυστιχίην επιγράμματος ού κατά Μούσας
είναι. μη ζητείλ' εν σταδίω δολιχόν.
πόλλ' ανακυκλούται δολιχος δρόμος εν σταδίω δε

οξύ ελαυνόμενος, πνεύματός έστι τόνος.
Martial (II, 77) erinnert freilich richtig, dass eine bloss äusserliche Kürze nicht
mit ästhetischer Geschlossenheit zu verwechseln sei:

Cosconi, qui longa putas epigrammata nostra,
Utilis ungendis axibus esse potes.
Hac tu credideris longum ratione colossum,
Et puerum Bruti dixeris esse brevem.
Disce, quod ignoras: Marsi, doctique Pedonis,
Saepe duplex unum pagina tractat opus.
Non sunt longa, quibus nihil est, quod demere possis:

Sed tu, Cosconi, disticha longa facis.
Herder (l. c.) sagt gut über die Forderungen der brevitas, venustas und des
acumen, welche man für das Epigramm aufzustellen pflegt, „man entkäme dem
meisten Missverstande dieser Regeln, wenn man statt Kürze Einheit, statt
Anmuth lebendige Gegenwart, und statt der Pointe den Punkt der
Wirkung verlangte, der das Ganze energisch vollendet.“

zuordnen nicht vermocht haben; so aber kommt er nur zum Zweifel, und es scheint ihm das Epigramm des Martial und vieler Neueren nur vielmehr den Namen eines Gedichts zu verdienen, als ein grosser Theil der einfachen Epigramme in der griechischen Anthologie. Er sagt u. A. (p. 38): „Quaestio maxime necessaria haec erit: num epigramma opus poëticum omnino esse possit nec ne. Quod si affirmamus, confiteri nos quoque oportebit, hanc poëticam formam eo minus carmini inesse, quo propius ad originem suam recedat. Ibi enim, cum nihil nisi descriptio cujusdam rei visibilis vel facti sit, praecipua ejus virtus in accurata explanatione constare solummodo debebit; adempta igitur erit, quam poësis tantopere amat, libertas et totius poëticae facultatis munus arctis limitibus cohibebitur“. Man kann über das Wesen des Epigramms nicht sprechen, ohne der Untersuchungen Lessing's und Herder's über diesen Gegenstand zu gedenken. Es ist interessant zu bemerken, wie Lessing („Zerstreute Anmerkungen über das Epigramm, und einige der vornehmsten Epigrammatisten.“), weil er systematischer und strenger das Epigramm als eine bestimmte Art der Dichtung abzugränzen suchte, vom Richtigen mehr entfernt blieb, als Herder („Blumen aus der griechischen Anthologie. Acht Bücher, nebst Vorrede des Verfassers.“ „Anmerkungen über die Anthologie der Griechen, besonders über das griechische Epigramm. Erster und zweiter Theil.“), der feiner noch den Zauber dieses kleinen Kunstwerks empfand, *) den Begriff der Poesie aber sehr

*) Schön sagt Herder (1. c.): „Die Seele des griechischen Epigramms ist Mitempfindung. Man muss einen Gegenstand geniessen, ihn mit Liebe oder Ruhe anschauen, ihn gleichsam mit- und durchempfinden können, damit er in und aus uns rede; auch hierin, wie in manchem Andern, ist die Poesie eine Schwester der griechischen Kunst. Sowohl zur Hervorbringung als zum Genuss beider ist jene Ruhe, jenes stille Mitgefühl, kurz eine sanftumschriebene heitere Existenz nöthig; denn es ist der unerreichte Vorzug der griechischen Kunst und Dichtkunst, dass beide gleichsam nur für sich dastehn, und wie die Werke der Natur sich in ihrem Innern geniessen. Die Sprache der Kunst, das Epigramm, konnte von keiner anderen Art sein; in seinen schönsten Stücken steht es ebenso bescheiden da, in sich vollendet und glücklich. Auch bei der Wahl der Gegenstände zeigt sich dies sanfte Gefühl der Menschlichkeit, das ein gleiches Mitgefühl fordert. Wie schöne Epigramme hat die Kindes- und Mutterliebe gedichtet! Wie zart empfunden ist das Schicksal des Menschen in seinem kurzen und wandelbaren Leben, endlich in seinem Abschiede von allem, was

weit fasste und nur leise umschrieb. Lessing musste, um dem Epigramm nach seiner Kunstform eine berechtigte Stelle unter den Werken der Poesie anweisen zu können, das im Allgemeinen mehr ausgeführte und schärfer zugespitzte Epigramm des Martial als eine Vervollkommnung des älteren griechischen auffassen, und erstützte seine Theorie vornehmlich auf diese Römische Form; Herder empfand den stillen Reiz der griechischen „Blumen“ so stark, dass er in ihnen das Wesen vollkommener Kunst nirgend vermisste, und als Kunst mochte die Form freigelassen bleiben war sie ihm eben Poesie. Was wir also oben (p. 166) bei den Epigrammen als „Bewegung“ des Gedankens von seinem Entstehen (auf einen Anlass) bis zu seinem Abschluss bezeichneten, will Lessing zur Handlung erheben, ohne welche er eine Dichtung als solche nicht anerkennt (cf. Band I, p. 63 fg.), und verlangt desshalb, dass in derselben eine Absicht sich ausdrücke, nach welcher die Form des Epigramms „zwei Stücke“ zeige, ,in deren einem unsere Aufmerksamkeit auf irgend einen besonderen Vorwurf rege gemacht, unsere Neugierde nach irgend einem einzelnen Gegenstande gereizt wird; und in deren anderm unsere Aufmerksamkeit ihr Ziel, unsere Neugierde einen Aufschluss findet.“ So folgt denn die Definition: „Das Sinngedicht (Epigramm) ist ein Gedicht, in welchem, nach Art der eigentlichen Aufschrift, unsere Aufmerksamkeit und Neugierde auf irgend einen einzelnen Gegenstand erregt, und mehr oder weniger hingehalten werden, um sie mit eins zu befriedigen.“ Herder dagegen (Anm. über das gr. Epigr. Th. 2) bezweifelt, dass „diese Entwickelung des Epigramms so umfassend und genetisch sei, als manche andere vortreffliche Theorie“ Lessings und begnügt sich mit einer Defini

ihn liebte! Selbst wo diese einzelnen Stimmen nur Sentenzen sind, rühren sie durch ibre traurige Wahrheit, wie die Stimme der Nachtigall auf einem Grabe. Allem theilt sich dies Gefühl der Humanität mit, allem, was den Menschen umgiebt, was ihn erfreut oder quält, was ihn lehrt oder was ihm dient. Der Vogel und der Delphin, die Henne und die Cicade, die Biene und ihre Rose empfangen den Gruss des Epigramms; selbst unbelebte Wesen werden mit Liebe belebt. Für den sanfteren Menschen sind also diese kleinen Gedichte eine Schule geselliger Empfindung, und wie manches hätten wir auch sonst in den besten derselben zu lernen“ !

tion, nach welcher das Epigramm, als Aufschrift betrachtet, nichts ist, als die poetische Exposition eines gegenwärtigen oder als gegenwärtig gedachten Gegenstandes zu irgend einem genommenen Ziel der Lehre oder der Empfindung.“ Bedenkt man nun, dass ja ein Denkmal nur Ein Anlass za einem Sinnspruch unter unzähligen anderen ist, dass dieser Anlass auch nicht von aussen allein kommt, so wird man noch mehr zufrieden sein mit der Erklärung des Epigramms, welche Herder vorher (l. c. Th. I) giebt, wenn er es „psychologisch betrachten“ wolle: „Die Exposition eines Bildes oder einer Empfindung über einen einzelnen Gegenstand, der dem Anschauenden interessant war, und durch diese Darstellung in Worten auch einem andern, gleichgestimmten oder gleichgesinnten Wesen interessant werden soll.“ - Wenn nun Lessing „zweierlei Aftergattungen“ des Epigramms aufstellt, die eine, welche Erwartung erregt, ohne uns einen Aufschluss darüber zu gewäbren; die andere, welche uns Aufschlüsse giebt, ohne unsere Erwartung darnach geweckt zu haben“, so sieht man, dass mit der ersteren nur solche Epigramme gemeint sein können, deren Gehalt nicht werth ist, in einer Kunstform Darstellung zu finden, weil sie nur Einzelvorgänge, Zufälligkeiten mittheilen, dass es aber unrichtig wäre, von einer Aftergattung zu reden, wenn aus der Art, wie der würdige Anlass für sich zum Ausdruck gebracht wird, sich zugleich auch dessen Auffassung, der gedankliche Gehalt, für uns ergiebt (Vide oben p. 163 fg.). Lessing also verwirft mit Recht „vornehmlich alle kleine Gedichte, die nichts als ein blosses seltsames Faktum enthalten, ohne im geringsten anzuzeigen, aus welchem Gesichtspunkte wir dasselbe betrachten sollen, die uns also weiter nichts lehren, als dass einmal etwas geschehen ist, was eben nicht alle Tage zu geschehen pflegt.“ Und die beiden Proben, welche er giebt, die schnurrige“ Geschichte von dem ληθαργικός und φρενοπλήξ, die Zusammen in einem Bette schlafen und einander heilen (Anth. Gr. ed. Tauchn. T. II, p. 91), und das „unfruchtbare, schielende Märchen“ von dem Hermaphroditus (Anthol. Lat. ed. Riese Fase. II, 786) sind in der That Proben von Epigrammen, die nichts taugen. Aber mit Recht erklärt Herder (l. c.), dass jenes Epigramm, welches eine blosse Exposition enthalte, als „die Urform des griechischen Epi

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gramms“ zu betrachten sei. „Ich bekenne, sagt Herder, dass manche dieser simpeln Expositionen für mich viel mehr Rührendes und Reizendes haben, als die geschraubte epigrammatische Spitzfindigkeit späterer Zeiten. Dort sprechen Sachen statt der Worte; die Worte sind nur da, jene vorzuzeigen und mit dem Siegel einer stummen Empfindung, wie mit dem Finger der Andacht oder der Liebe zu bezeichnen.“ Als Beispiele solcher Epigramme führt er u. A. aus der Griechischen Anthologie an (ed. T. VII, 505) von der Sappho:

Τω γριπεί Πελάγωνα πατήρ ανέβηκε Μενίσας

κύφτουν και κωπαι·, ιιάλια κακοζοίας.
und (l. c. VII, 489):

Τιμιάδος αδε κόνις, τα δη προ γάμοιο θανούσαν
δέξατο Φερσεφόνας κυανεος θάλαμος, ,
ας και αποφθιμένας πάσαι νεοθαγι σιδάρη

αλικες ειεοταν κρατός έθεντο κόλιαν. .
von Simonides (l. c. VII, 249) das bekannte:

*Ω ξει, αγγειλον Λακεδαιμονίοις ότι τηδε

κείμεθα, τοις κείνων ρήμασι πειθόμενοι. Lessing's zweite „Aftergattung“ des Epigramms, welche nach unserer Bezeichnung (vd. oben p. 166) „nur das Resultat der Gedankenbewegung zum Ausdruck bringt“, nennen auch wir nicht Epigramm, sondern Gnome. — *) Die Auseinandersetzungen

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*) Lessing hat „vornehmlich“ hiermit alle diejenigen kleinen Gedichte“ gemeint, „welche nichts als allgemeine moralische Lehren oder Bemerkungen enthalten“, welche Epigramme nicht seien, wenn sie auch noch so witzig vorgetragen und in ihrem Schlusse noch so spitzig zugearbeitet seien.“ Aehnliches will wohl J. B. Rousseau (Sur l'épigramme sagen:

Le seul bon mot ne fait une épigramme;
Il faut encor savoir la façonner,
Avec adresse en nuancer la trame,
Et le bon mot avec grâce amener.
Un trait piquant d'abord plaît, frappe, étonne;
Mais il s'émousse et devient monotone;
Et si le goût ne le place avec choix,
Si d'un sel pur grâce ne l'assaisonne,
Si l'épigramme, à la vingtième fois,
Ne vous plaît mieux, elle n'est assez bonne.

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