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Königliche Haus so viel Trauerfälle und Todesnachrichten, dass das Hohenzollern - Familienhaupt den 1. Mai 1780 äuszert: Eine blutige und mörderische Schlacht hätte aus Fürstlichen Kreisen nicht mehr auf Ein Mal wegraffen können.

Wir wissen, wie tief schmerzlich der „grosze König" berührt wird durch Einbusze solcher Persönlichkeiten, die Seinem Herzen nahe gestanden oder im Staatsdienste schwer ersetzbar; wir errathen somit auch den Grund, weshalb Er seit dem 28. December 1779 Abstand nahm von der altbräuchlichen Ablieferung des Paradepferdes eines gestorbenen Generals an den Kriegsherrn. Wir verstehen ferner die fürsorgliche Gnade dieses Monarchen, wenn Er den altersschwachen zusammengeschrumpften Zieten auszeichnet als „Veteran" und denselben „beschwört", bei rauher Witterung nicht auf den Revueplatz zu kommen.

Die desfallsige Königliche Ordre, der schönsten eine unter den vielen Gedenkblättern für Friedrich's Herzensthaten, datirt vom 17. Mai 1780; ihren Wortlaut uns in Erinnerung zu bringen, ist am 24. Januar 1880 eine angenehme Pflicht.

„Mein lieber General von Zieten! Mir wird es zwar allezeit Vergnügen machen, einen in meinen Diensten sich so sehr hervorgethanen General noch in seinem hohen Alter bei der bevorstehenden Revue an der Spitze des ihm anvertrauten Regiments zu sehen, und ich bin es daher sehr wohl zufrieden: dass Ihr ohne Tigerdecke und Adlerflügel, blos in Euerem Pelz erscheint. Sollte es aber gar zu kalt sein, so beschwöre ich Euch, Eure Gesundheit ja zu schonen und lieber gar nicht auf den Revueplatz zu kommen, damit Ihr Euch nicht durch Euren allzugroszen Diensteifer unnöthigerweise eine Unpässlichkeit zuziehen oder Euch Schaden thun möget. Wenn man so lange als Ihr mit Ruhm gedienet hat, alsdann kann man in dergleichen Vorfällen sich ohne alles Bedenken der Vorrechte eines „Veterans", bei den Römern, bedienen. Dies ist der Rath Eures beständig wohlaffectionirten Königs

Friderich."

Die Beantwortung der naheliegenden Frage nach dem körperlichen Befinden und der Gemüthsstimmung des Königs in seinem 69. Jahre erleichtert sich durch autobiographische Mittheilungen. Friedrich erwartet sehnsüchtig einen Besuch Seines „Anaxagoras" (d'Alembert). Seit mehr als 30 Jahren steht Er mit diesem uneigennützigen Gelehrten in Gedankenaustausch. Während 7 Wochen im Sommer 1763 sah der König ihn als Gast bei Sich. D'Alembert giebt Ende 177& seinem Bedauern Ausdruck, dass körperliche Schwäche ihm eine „Huldigungsreise" von Paris nach Potsdam nicht gestatte; er hofft aber, einige bessere Tage noch zu erleben, um Etwas unternehmen zu können, wonach er groszes Verlangen empfindet. Dieser Reiseplan einerseits, und andererseits die Absicht d'Alembert wegen seiner Altersgebrechen zu trösten, sowie auch die aufrichtige Theilnahme d'Alembert's für die gesundheitlichen Umstände seines Königlichen Correspondenten, veranlasst Letzteren zu einer Nachrichtertheilung, welche für die Friedrichstags-Secularerinnerung besondere Beachtung verdient.

Wenn im Allgemeinen der grosze König bewundernswerth ist, weil Er mit geringen Mitteln viel auszuführen wusste (als Staatshaushalts-Verwalter, als Sieger gegen feindliche Ueberzahl), so müssen wir im Speciellen anstaunen Seine Willenskraft, Seine Geistesmacht im Bekämpfen und im Beherrschen Seiner Leibesschwäche. Diese plagt, diese peinigt Ihn vielfältig; und Er muss oft „Ausfälle machen" gegen die herandringenden Feinde Seines „Seelen-Etuits". In einem Schreiben an d'Alembert heiszt es: „Betreffs meiner Gesundheit können Sie natürlich voraussetzen dass ich, 68 jährig, Altersschwäche verspüre. Theils die Gicht, theils Hüftweh, theils etwas Eintagsfieber belustigen sich auf Kosten meines Daseins und vorbereiten mich, die verbrauchte Hülle meiner Seele zu verlassen. Es scheint, die Natur wolle uns das Leben verleiden durch die Gebrechen, mit denen sie uns behelligt beim Ende unserer Tage. Man kann wie Kaiser Marc-Aurel ohne Murren sich fügen in Alles, was zu erdulden wir verurtheilt sind durch die ewigen Naturgesetze."

Ein anderes Schreiben an Anaxagoras besagt: „Wenn Ihre Abreise sich zu sehr verzögert, könnte es geschehen dass Sie mich nicht wiederfinden. Ich bin alt, gebrochen, geschwächt. Der Tod bedarf seiner Sense nicht, um meinen Lebensfaden zu durchschneiden; denn dieser ist so spinnewebig dass er ohne Anstrengung zerstört werden kann. Aber ich bin dadurch nicht beunruhigt; ein Bischen früher, ein Bischen später werden wir, das folgende Geschlecht und die ganze Nachkommenschaft et circulus circulorum denselben Weg zurückgelegt haben, welchen unsere Vorgänger innehielten."

Im Januar 1780 benachrichtigt der König d'Alembert: „Jetzt habe ich die Gicht verjagt." „Mit strenger Diät verscheuchte ich den Marasmus und die Krankheit." Während dieser Leidens- und Kampfestage (in Berlin) veranstaltete Friedrich Sich einen „kleinen akademischen Curaus", „um von meinem Geist den Rost aus dem Feldzuge abzuschleifen".*)

Am 1. August 1780 erwidert der König einen traurig klingenden Brief Seines „lieben Anaxagoras": „Sie sagen dass Sie die Kraft verloren, welche Sie im Jahre 1763 hatten. Ich büszte dieselbe auch ein; es ist das Schicksal der Greise. Ich verliere das Namensgedächtniss; die Lebhaftigkeit meines Geistes schwächt sich; meine Beine sind schlecht;**) meine Augen sehen nicht gut; ich habe Gram wie alle Anderen; jedoch diese Litanei von Gebrechen und Unannehmlichkeiten behindert mich nicht, fröhlich zu sein; und ich werde ein lachendes Gesicht beibehalten wenn man mich begräbt."

Aus obigen Briefstellen ergiebt sich, in welchem Grade das physische Wesen des Königlichen Herrn ein geschwächtes, während Seine psychische Frische statt im Lebensherbst zu verwelken, fortdauert und neue Nahrung erhält durch eine vielumfassende Geistesthätigkeit und einen unzerstörbaren Frohsinn.

Ein Wiedersehen des hochgelehrten d'Alembert konnte nicht stattfinden, weil dessen Kränkeln sich steigerte. Dagegen kam ein Oesterreichischer Besuch nach Potsdam: der Fürst Carl Joseph v. Arenberg-Ligne, Feldmarschall-Lieutenant (geboren 1735 zu Brüssel, 1808 Feldmarschall, gestorben in Wien 1814). Sein Wissen war kein profundes; aber er besasz eine hohe geistige Gewandtheit. Durch höfische Glätte, gepaart mit schlagfertigem Witze, machte er sich beliebt und berühmt als „causeur". Der König hatte den Fürsten im Lager von Mährisch-Neustadt 1770 kennen gelernt und zu einer Reise nach Berlin aufgefordert. Nach Beendigung des Böhmischen „kleinen Krieges" erbat sich Fürst Ligne die zur Zeit jedem Oesterreichischen Offizier benöthigte Königliche Erlaubniss, Preuszens Grenze überschreiten zu dürfen; er erhielt drei „reizende" Antworten, und konnte vom 10. bis 16. Juli 1780 während 5 Stunden täglich sein „Enteücktsein" über des Königs „encyklopädische Unterhaltung" sich vervollständigen. Mit dem Motto: „Lea moindres

*) Der Gichtanfall dauerte 4 Wochen, verursachte viel Schmerzen. Der König liesz damals mehrere Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Sich kommen, um sie persönlich kennen zu lernen und Sich mit ihnen zu unterreden.

**) Am 21. Mai J779 verzichtete der König in Kreuzburg auf Besichtigung der innern Einrichtung des neuen Schlesischen Armenhauses. „Die Schwäche meiner Beine macht mir das Treppensteigen zu beschwerlich."

paroles d'un homme comme celui-ci doivent etre ramassees" übergab der Fürst 1789 sein „Memoire sur le Roi de Prusse Fredöric le Grand" der vollen Oeffentlichkeit. (56 Seiten klein 8°.) Anfänglich cursirten diese Aufzeichnungen in vielen Abschriften; als Druckstück wurden sie in Berlin von 2 Buchhändlern „verlegt"; eine Uebersetzung ins Deutsche und eine Anfügung von Anmerkungen blieb nicht aus. Die Memoirenschriftenthums-Reproduction langer Zwiegespräche hat für den Geschichtsforscher nur beiläufigen "Werth; dennoch enthält das Ligne'sche Büchlein einen guten Beitrag zur Friedrichskunde.

Ebensowenig wie es ein Maler vermochte, ein genau ähnliches Bildniss Friedrich's des Groszen zu liefern, weil „dessen Züge sich beim Sprechen in erstaunlicher Weise belebten",*) ebenso ist es einem Memoirenschreiber unmöglich gewesen: einen mehrstündigen Dialog mit diesem, nach einem Ausspruch Voltaire's „höflichsten und geistreichsten der Männer" vollinhaltlich zu buchen. Gesteht doch Fürst Ligne selbst ein, dass man auszer Stande, die „vielen geistvollen Sachen", welche der König zum Besten gab, insgesammt dem Gedächtniss einzuprägen. „Nie liesz Er etwas Gewöhnliches hören; Er veredelte Alles. Ein Gesprächsstoff, der von einem Andern flach und fade erledigt worden wäre, gewann durch Vergleiche aus alter und neuer Zeit eine höhere Bedeutung."

Fürst Ligne schildert Friedrich's „Redezauber". Das Verschiedenartigste und Anziehendste, welches dem König in anmuthiger Weise über die Lippen glitt, wurde gesagt mit sanfter, ziemlich leiser Stimme. Die durch Anstrengung bei den Cabinetsarbeiten und im Kriege geschwächten, aber in Friedrich's Portraits zu harten Augen zeigten sich in mildem Glanze, wenn Er „einen schönen Zug von Erhabenheit oder Empfindsamkeit hörte oder erzählte." Seine Fragen bevorwortete er gern mit: „Oserais-je vous demander," und Seine Einwendungen mit: „Si vous permettez d'avoir l'honneur de vous dire."

Selbstverständlich enthielten des Königs Tischgespräche mit Fürst Ligne auch Reminiscenzen aus der Zeit der (3) Schlesischen Kriege; und der Oesterreichische General verabsäumt nicht, die Lobsprüche zu telephoniren, welche von höchstcompetenter Seite ertheilt wurden für den Generalquartiermeister Lascy, für den Husarengeneral Graf Nadasdy, für den bei Rossbach sich auszeichnenden

*) Dr. Moore: View of society and manners in France, Switzerland and Germany.

Kaiserlichen Kürassieroberst Marquis Voghera u. A. m. König Friedrich, in seiner Bereitwilligkeit „persönliches Verdienst" anzuerkennen, zollte auch dem Feinde gern Gerechtigkeit. Fürst Ligne seinerseits wusste genau zu ermessen die Leistungsgrade eines guten militairischen Kopfs. In seiner „Vie du Prince Eugene de Savoie, ecrite par lui-meme" vertiefte er sich wunderbar in dieses groszen Feldherr n Geistessphäre und Thatenreihe. Fürst Ligne selbst war soldatisch so geeigenschaftet, dass ihm Laudon, Kaiser Joseph und alle Truppen übereinstimmend ihr Vertrauen bekundeten.*)

Die Schlusszeilen des obengenannten „Memoire" documentiren, dass Fürst Ligne ein höchlichst enthusiastischer Bewunderer Friedrich's des Groszen.

Wenn Fürst Ligne mittheilt, dass er in Sans-Souci täglich „fünf Stunden" an der Mittagstafel und auf der Schlossterrasse Gesellschafter des Königs gewesen, so bedarf diese Angabe einer Erläuterung. Da müssen wir zunächst berücksichtigen eine HauptPrivatbeschäftigung des Königlichen Herrn: — Musik. Die stolzen Klänge des Hohenfriedberger Reitermarsches erinnern uns lebhaft an Friedrich's Schaffenslust als „componirender" Musiker. Der treffliche Lehrer Quanz und viel Uebung machten Ihn zu einem vollendeten „Flötisten". Quanz starb 76jährig in Potsdam 1773; fortan kamen die Königlichen Kammerconcerte in Wegfall. Verlust von Vorderzähnen und Gichtgeschwulst an den Händen nöthigten 1779 den König, auf das Flötespielen gänzlich zu verzichten; Er sagte zu Seinem Concertmeister Franz Benda, als dieser Seine Flöten und Musikalien einpackte, mit wehmüthigem Tone: „Mein lieber Benda, ich habe meinen besten Freund verloren!" — Somit erhielt die Königliche Tageseintheilung einen Zeitzuwachs. (Bisher pflegte der König stets nach der Mittagstafel Flöte zu blasen, und auszerdem drei Mal täglich.) Das Frühaufstehen geschah in altgewohnter Weise; um vier Uhr während des einen Halbjahrs, um fünf Uhr während des anderen. Die schriftliche Erledigung der Staatsgeschäfte erfolgte in seither üblicher Pünktlichkeit. Von der alltäglichen Theilnahme am Leibgarde-Bataillonsexerziren oder an den Wachtparaden, und ebenso von

*) Als Beispiel! für Fürst Ligne's Gewohnheit, auch in den gefahrvollsten Momenten ein bon-mot oder einen die Truppen anfrischenden Witz auf der Zunge zu haben, möge folgende Anmerkung gestattet sein. Der Fürst beruhigte als Sterbender, während des an den verschiedenartigsten Festen sich ergötzenden Wiener Congresses, seine Umgebung mit den Worten: „Nun wird man halt auch das Schauspiel einer Feldmarschallsbeerdigung haben." (Anekdote, die wohl in den Plaudereien des „Oesterreichischen Lanzknechts" Fürst Schwarzenberg.)

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